«EM-Gold wäre ein Traum – die Konkurrenz ist aber stark»
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Werro träumt vom grossen Wurf:«EM-Gold wäre ein Traum – die Konkurrenz ist aber stark»

Der steile Aufstieg von Wunderläuferin Werro
Unsere Löwin hat Weltrekord-Hunger

Eine schüchterne Freiburgerin mit Löwen-Mentalität und drei Hasen als Haustiere verblüfft die Leichtathletik-Szene: Audrey Werro rast schon mit 22 Jahren von einer historischen Marke zur nächsten. Und das könnte erst der Anfang sein.
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Audrey Werro konnte in diesem Jahr schon oft ihren unverkennbaren Jubel auspacken.
Foto: Getty Images

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • 800-m-Läuferin Audrey Werro ist in den Weltfokus gerast
  • In Paris lief sie 1:53,80 Min. – drittschnellste Zeit der Geschichte
  • An EM in Birmingham wartet Duell mit Superstar Keely Hodgkinson
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Marco PescioReporter Sport

Wenn Audrey Werro (22) ihre Krallen ausfährt, dann blitzen die Kameras, und Journalisten schlagen in den Geschichtsbüchern eifrig nach, was die junge Frau schon wieder auf der Tartanbahn angestellt hat. Der Löwen-Jubel ist längst zum Markenzeichen der Freiburgerin geworden. Und nein, sie hat ihn nicht etwa von Fussball-Nati-Star Dan Ndoye (25) abgekupfert. Er ist aus einem Motivationsspruch ihres Vaters Claude entstanden: «Er hat mir in meiner Kindheit vor Wettkämpfen immer gesagt: Sei nicht schüchtern, sei eine Löwin!»

In der Diamond League hat Werro heuer dort weitergemacht, wo sie im letzten Jahr in Zürich aufgehört hatte: Sie siegte und siegte. Erst in Rabat, dann in Stockholm und schliesslich auch in Paris. Zuvor holte sie an der Hallen-WM in Torun mit Silber ihre wichtige erste Medaille auf Elite-Stufe.

Viel mehr noch beeindruckte die Romande aber mit der Art und Weise, wie sie der 800-m-Disziplin ihren Stempel aufdrückte. Das schier Undenkbare geschah: Die junge Frau, die erst im Vorjahr ihre Matura abschloss und noch zu Hause in Courtepin FR bei ihren Eltern wohnt, stahl Superstar Keely Hodgkinson die Show – der Britin, die auf der Insel als Olympiasiegerin, Hallenweltmeisterin und Europameisterin mit 24 Jahren schon eine Ikone ist.

Nun aber ist mit Werro eine noch jüngere Wilde aufgetaucht. Eine, die gerade ohne grosse Vorankündigung frech die Leichtathletik-Geschichte umschreibt. Und die ganz selbstverständlich zu einer Goldkandidatin an der anstehenden EM in Birmingham geworden ist.

Meilenstein: Audrey Werro lässt in Stockholm Superstar Keely Hodgkinson stehen.
Foto: David Lidstrom/Getty Images

Es war ein dickes Ausrufezeichen, als sie Anfang Juni in Stockholm Hodgkinson erstmals schlug und eine Zeit aufstellte (1:53,98 Minuten), mit der sie der Uralt-Marke von Jarmila Kratochvilova (1:53,28) sehr nahe kam. Die heute 75-jährige Tschechin ist im Besitz des ältesten Leichtathletik-Weltrekords, aufgestellt am 26. Juli 1983 in München.

Viele in der Szene trauten in den letzten Jahren vor allem Hodgkinson zu, diesen zu brechen. Das tun sie immer noch. Allerdings hat sich Werro in dieser Diskussion zuletzt in die Poleposition gehievt. In Paris hat sie Ende Juni mit 1:53,80 Minuten noch einen draufgesetzt. Diese Fabelzeit kann der schnellsten Frau des 21. Jahrhunderts über 800 m niemand mehr nehmen. Und neben Kratochvilova steht in der ewigen Bestenliste nur die frühere sowjetische Läuferin Nadija Olisarenko (†63, 1:53,43 im Jahr 1980) ebenfalls noch vor ihr.

Kleiner Kreis – und noch wenig Deals

Die Westschweizer Wunderläuferin ist innerhalb eines Jahres in den Weltfokus gerückt. So sehr, dass nach ihren jüngsten Taten die Frage nicht mehr lautet, ob, sondern wann sie Kratochvilova den historischen Rekord abnimmt. Auch SRF-Expertin Ellen Sprunger, die Werro früher als Mehrkampf-Nationaltrainerin bei Nachwuchs-Grossanlässen verfolgte, sagt: «Audrey wird diesen Weltrekord brechen, davon bin ich überzeugt. Sie hat Qualitäten, die nur ganz wenige mitbringen. Das hat man schon früh gesehen. Mich überrascht nur, dass sie schon mit 22 Jahren so stark ist.»

Sprunger streicht den Laufstil, die Körpergrösse von 1,82 m und die Einstellung als grosse Pluspunkte heraus. Ausserdem dürfte ihre Fähigkeit, sich ständig ans Limit pushen zu können, daher rühren, dass sie sich in ihrer Jugend lange mit körperlich überlegenen Buben mass.

Hört man sich in der nationalen Szene um, fällt zudem schnell einmal das Wort «Umfeld». Werro ist nicht Teil eines Systems im Rahmen einer internationalen Trainingsgruppe. Der Kreis, der sie betreut, wird bewusst klein gehalten –, und jeder noch so lukrativ wirkende Vertrag, so ist zu vernehmen, werde doppelt überprüft. Selbst namhafte Weltmarken, die zweifelsohne anklopfen, wenn der Aufstieg so rasant weitergeht, werden dem Team Werro in erster Linie ein gutes Gefühl vermitteln müssen, um ins Geschäft zu kommen. Bislang beschränken sich ihre Deals neben Ausrüster Puma sowie Uhrenmarke Omega bloss auf Schweizer Sponsoren.

Werros Trainerin, Christiane Berset Nuoffer, ist die Schwester von alt Bundesrat Alain Berset. Die frühere Lehrerin und vielseitig ausgebildete Sporttrainerin ist mit Werro quasi mitgewachsen. Anfänglich betreute sie das Riesentalent in ihrer eigenen Mittelstreckengruppe, dann erhielt sie 2021 bei Swiss Olympic – für die entscheidenden nächsten Schritte in Werros Laufbahn – den Status eines professionellen Coaches. Im Hintergrund zieht derweil ihr Mann, Julien Nuoffer, die Fäden als Manager.

Umringt von der Familie: Audrey Werro mit Mutter Philomène, Vater Claude und Schwester Carole (r.).
Foto: Kurt Reichenbach

Werros Familie vertraut diesem Gespann seit Jahren. Papa Claude ist Schweizer, Mama Philomène stammt aus der Elfenbeinküste – und auch wenn die Mutter früher in der Heimat mehrere Kilometer in die Schule rennen musste, reklamieren die Eltern das sportliche Gen ihrer Tochter nicht für sich. «Den Biss, den Ehrgeiz und das Durchhaltevermögen hingegen, das haben wir ihr beigebracht», sagt der Vater. Die 5800-Einwohner-Gemeinde Courtepin ist für seine Tochter nach wie vor ein wichtiger Rückzugsort, hier trifft sie auf ihre Geschwister Carole, Ryan und Arno und natürlich auch auf die von ihr nach Edelsteinen benannten Hasen Crystal, Saphir und Perle.

Bei ihren Hasen zu Hause im Freiburgischen kann der Leichtathletik-Shootingstar abschalten.
Foto: Kurt Reichenbach

Gross träumen ist erlaubt

Die Athletin des CA Belfaux galt in ihrer Jugend als äusserst schüchtern, das bestätigt auch Berset Nuoffer. Auch heute drückt diese Charaktereigenschaft teilweise noch durch. Allerdings betont die Trainerin auch Werros menschliche Entwicklung in den letzten Jahren – hin zu einer reifen, selbstbewussten Frau, die sich an Medienterminen auch getraut, forsche Ziele auszusprechen. Vor Rivalin Hodgkinson versteckt sie sich genauso wenig wie vor dem alles überstrahlenden Thema Weltrekord. Im Gegenteil. Werro sagt: «Die Marke von Kratochvilova motiviert mich.»

Berset Nuoffer meint derweil, sie bremse Werro bewusst nicht, was hohe Zielsetzungen anbelange. Gross träumen? Nur zu. Einzig in Interviews gibt sich die Trainerin «vorsichtiger», wie sie an den Schweizer Meisterschaften in Zürich gegenüber Blick erklärt.

Auch jetzt vor der EM warnt sie vor dem «ultrahohen europäischen Niveau», weshalb sie «Schritt für Schritt» nehmen würden. Werro selbst wird konkreter: «Edelmetall ist das Ziel in diesem Jahr. Bei dieser Konkurrenz ist jede Medaille gut für mich – aber Gold wäre ein Traum.»

Wohl noch kein Weltrekord in Birmingham

Ein Podestplatz bei einem Freiluft-Grossanlass würde den nächsten logischen Meilenstein in ihrer Entwicklung darstellen. Der Weltrekord ebenfalls. Doch ob dieser schon in Birmingham fällt? Auszuschliessen ist es nicht. Realistischer erscheint allerdings, dass eine allfällige Weltrekord-Party auf später verschoben wird. Werro hat zwar das Zeug für Gold an der EM, jedoch verfügt Hodgkinson dort über den grossen Heimvorteil. Ausserdem dürfte Werro wieder die Taktik wählen, vornewegzulaufen, um dann den Rennverlauf abzuwarten. Dadurch würde sie wohl riskieren, an der Spitze abgelöst zu werden, dafür stünden so die Karten gut, einen Platz unter den ersten drei auf sicher zu haben.

Ein verpasster EM-Titel wäre in ihrem Stadium der Karriere noch kein Weltuntergang. Und auch Chancen für einen allfälligen Weltrekord gäbe es diese Saison noch genug. Die Diamond-League-Rennen in Lausanne (21. August), Zürich (27. August) oder beim Final in Brüssel (5. September) etwa. Oder: Die erstmals ausgetragenen Ultimate Championships im September in Budapest (12. September), wo sich die Crème de la Crème der 800er-Disziplin trifft. Wie dem auch sei: Werro selbst mag sich weder Druck machen noch gross an den Weltrekord-Spekulationen teilnehmen. Gleichwohl gibt sie zu: Sie wäre dafür, «dass es noch dieses Jahr passiert». 

EM, Weltrekord oder Olympia: Werro dürfte ihre Trophäensammlung bald ausbauen.
Foto: Kurt Reichenbach

Tritt dieser Fall tatsächlich ein, wäre es eines der verrücktesten Kapitel in der Schweizer Leichtathletik-Geschichte und der vorläufige Höhepunkt einer explosionsartigen Entwicklung, mit der auch Werro und ihre kleine Entourage nicht gerechnet hatten. Dass der Aufstieg auch Skeptiker auf den Plan rufen würde, überrascht Werro hingegen gar nicht. Zweifler würden in der Leichtathletik zum Geschäft gehören, gleichzeitig verweist sie darauf, dass die Schweiz über eine sehr gute Dopingbekämpfung mit regelmässigen Kontrollen verfüge. Sie selbst sei mit sich jedenfalls «im Reinen».

Sorgt sie für die Olympia-Erlösung?

Ihre Trainerin macht derweil auf jenen Umstand aufmerksam, dass Werro seit Sommer 2025 nicht mehr von der schulischen Doppelbelastung eingeschränkt werde. Nach dem Maturaabschluss am Kollegium Gambach in Freiburg hat sie Vollprofi-Status erreicht: «Dadurch wurden die Rahmenbedingungen auf einen Schlag deutlich angenehmer für sie. Sie kann jetzt befreit ins Training und hat auch klar mehr Zeit für die Regeneration.»

Die Konsequenz daraus sind die fantastischen Resultate bis anhin. Doch das könnte erst der Anfang sein. In zwei Jahren stehen in Los Angeles die Olympischen Sommerspiele an, bei denen die Schweiz nach wie vor auf die erste Frauen-Leichtathletik-Medaille wartet. Eine gesunde Werro könnte hier möglicherweise den grössten eidgenössischen Trumpf darstellen.

«Königin der Schweizer Leichtathletik»

Und SRF-Expertin Sprunger ist nicht die Einzige mit der Meinung, dass Werro ihr volles Potenzial noch gar nicht ausgeschöpft hat: «Sie ist erst 22, in der Leichtathletik sagt man gemeinhin aber, man ‹peakt› mit etwa 28 Jahren.» Aus ihrer Sicht sei einzig wichtig, dass Werro weiterhin unbekümmert und mit Freude bei der Sache bleibe: «Dann kommen die ganz schnellen Zeiten sicher.»

International war das Echo nach ihren Traumläufen in Stockholm und Paris ohnehin schon so, dass Werro eigentlich bereits über den Weltrekord verfüge. Dies, weil die Zeiten von Kratochvilova sowie von Olisarenko in die dunkelsten Zeiten des im Ostblock praktizierten Staatsdopings zurückgehen. Nachgewiesen ist dies nicht, der Verdacht blieb aber über all die Jahre haften. Und Interviews gibt Kratochvilova ausserhalb ihrer Heimat keine mehr, wie sich herausstellt.

Werro kann dies egal sein. Ihre Kollegin Ajla Del Ponte (30), die in Birmingham für die Sprint-Staffel nominiert ist, rühmt sie schon jetzt als die neue «Königin der Schweizer Leichtathletik». Und die Zeit der umstrittenen Weltrekordhalterin dient für Werro als Ansporn, um früher oder später wieder die Jubel-Krallen zu zeigen.

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