Darum gehts
- Jason Joseph gewinnt EM-Gold im 110-m-Hürdenlauf in Birmingham
- 13,12 Sekunden: Saisonbestleistung trotz Muskelfaserriss im Juni
- Coach Claudine Müller trainiert ihn seit über zehn Jahren
So sehr hat er die ersten Sekunden nach der Überquerung der Ziellinie noch nie genossen: Als Jason Joseph (27) nach dem 110-m-Hürdenlauf realisiert, dass er sich gerade den Sieg gekrallt hat, erblickt er auf der Tribüne gleichzeitig zahlreiche jubelnde Schweizer Fans, die wild ihre Fähnchen schwenken. Der eidgenössische Fanklub an der EM in Birmingham ist gross. Und nach Simon Ehammers Weitsprung-Silbermedaille haben die Anhänger diese Woche nun endlich auch einen Goldjungen.
Einer, der hinterher verständlicherweise zu Spässen aufgelegt ist. Auf die Frage, wie er nun feiern werde, sagt er: «Weil ich eventuell noch für die Staffel parat sein muss, werde ich es wohl auf nach der Saison verschieben. Dann aber werde ich für fünf Wochen dick und arbeitslos – ohne Leichtathletik.» Joseph, komplett durchtrainiert und definiert, muss selber schmunzeln. Was er damit meint: Man darf sich auch mal etwas gönnen. Aber man muss den richtigen Zeitpunkt wählen.
Jetzt, wo die Heim-Diamond-League-Meetings in Lausanne (21. August) und Zürich (27. August) warten, macht es für ihn keinen Sinn, einen draufzumachen: «Wenn ich jetzt schon einen fitten Körper habe, muss ich das ausnutzen.»
Wie fit er ist, hat er in Birmingham eindrücklich unter Beweis gestellt. Joseph feiert in der englischen Millionen-Metropole den grössten Erfolg seiner Karriere. Vor zwei Jahren lief er an der EM in Rom zu Bronze, dann folgte jedoch die herbe Enttäuschung von der letztjährigen WM in Tokio, als er noch vor der ersten Hürde stoppte. Nun aber hat er mit seinem Goldlauf in 13,12 Sekunden und neuer persönlicher Saisonbestleistung eine starke Reaktion gezeigt. Auch auf eine Saison, die bislang nicht wunschgemäss verlief. Mit einem Muskelfaserriss im hinteren Oberschenkel zur Unzeit im Juni und Diamond-League-Resultaten, die nicht seinen Erwartungen entsprechen (Ränge vier, sechs und acht).
Trainerin kennt Joseph schon über ein Jahrzehnt
Die Lorbeeren für seine grossartige Entwicklung will er direkt seiner Trainerin Claudine Müller weitergeben: «Ich weiss nicht, was sie mit mir macht. Sie weiss einfach immer, was es braucht, um am Tag X fit zu sein.»
Müller selbst freut das Lob, sie erklärt sich die gute Zusammenarbeit vor allem damit, dass sie den LC-Therwil-Athlet schon über zehn Jahre kennt: «Wenn du über so lange Zeit jemandem immer wieder Trainingspläne schreibst und alles analysierst, dann merkst du, wie diese Person funktioniert und wie sie auf Reize reagiert. Aber das war ein gemeinsamer Prozess, den wir durchgemacht haben.»
Sie sei «sehr stolz» und gar der Meinung, dass Joseph auf einer schnelleren Bahn sogar noch eine bessere Zeit hätte hinlegen können. Doch das spielt hinterher keine Rolle mehr. Gold ist Gold. Und Joseph fragt rhetorisch: «Was will man mehr?»