Darum gehts
- Simon Ehammer wird in Torun Hallen-Weltmeister im Siebenkampf und bricht Weltrekord
- Trainer Karl Wyler und Ehammer bewältigen Rückschlag von Tokio mit neuer Strategie
- Seit zehn Jahren ein Team: Ehammer und Wyler feiern Erfolg mit Familie und Freunden
«Ich weiss nicht, ob ich noch der richtige Trainer für Simon bin», sagte dessen langjähriger Trainer Karl Wyler mit Tränen in den Augen im September zum SRF. Damals brach Simon Ehammer (26) in Tokio an den Weltmeisterschaften den Zehnkampf ab und ging auch im Weitsprung leer aus. Heute, ein halbes Jahr später, ist Ehammer Hallen-Weltmeister im Siebenkampf – zum zweiten Mal. Und nicht nur das: Er hat den Weltrekord von Ashton Eaton (6645 Punkte) mit 6670 Punkten gebrochen. Und Wyler? Der hat seine Antwort längst bekommen.
«Ich bin dort nicht richtig an Simon herangekommen. Eigentlich wollte ich gar nicht mit der Presse darüber reden, aber sie haben so lange gebohrt, bis ich es gesagt habe», erzählt Wyler in der Arena Torun einen Tag nach dem Triumph seines Schützlings gegenüber Blick.
Zwischen ihm und Ehammer sei das aber nie ein Thema gewesen. Und auch dieser stellt sofort klar: «Nein, das war nie eine Option. Wir sind so ein erfahrenes und motiviertes Team, das hat es auch hier in Torun wieder ausgemacht. Wir sind so cool durch die zwei Tage gegangen.»
Strategiewechsel
Dass es überhaupt zu diesem Happy End kommen konnte, hat auch mit den Lehren aus Tokio zu tun. Die Enttäuschung sass damals tief – bei beiden. Doch statt daran zu zerbrechen, zogen sie Konsequenzen. Wyler erzählt: «Nach Tokio habe ich eine Saisonanalyse gemacht, und wir sind zum Schluss gekommen, dass wir die Doppelspurigkeit mit Siebenkampf und Weitsprung sein lassen. Es sei denn, er hat zwischen den Disziplinen mehrere Tage Pause. Aber sonst nicht. Simon muss niemandem etwas beweisen.»
Ehammer hätte in Torun theoretisch auch noch zusätzlich bei seiner Paradedisziplin Weitsprung antreten können. «Vielleicht wäre er als Doppelweltmeister nach Hause gegangen. Aber es ist gut so. Das hat einfach den Fokus wieder verschärft, während er vorher immer ein wenig hin und her gehüpft ist.»
Dass der Appenzeller bei dieser Hallen-WM in eine neue Sphäre dringt und mehrere Bestleistungen abrufen kann, zeichnete sich für seinen Trainer ab. Einen Monat früher als sonst gings Anfang Dezember ins Trainingslager nach Südafrika, ab Januar wurde voll auf den Mehrkampf gesetzt. Und es gab nochmals einen Block Vorbereitung für die WM. Wyler: «Simon performte seitdem einfach super. Seine guten Leistungen im Training und an den Schweizer Meisterschaften gaben ihm Zuversicht.»
«Immer noch surreal»
Und so wurde der Traum schliesslich wahr. Für Ehammer einen Tag danach immer noch surreal. Er sagt: «Ich kann es noch immer nicht begreifen. Ich war auch noch nie in so einer Situation. Schweizer Rekorde habe ich aufgestellt oder eine Weltbestleistung – aber ich hatte noch nie einen Europarekord – geschweige denn einen Weltrekord. Ich muss erst mal realisieren, dass es mit diesem Ziel und diesem Traum geklappt hat.»
Auch sein Trainer ist ein wenig sprachlos bei diesem Thema. Als Ehammer die Ziellinie des 1000-Meter-Laufs überquert, verlässt er die Tribüne. «Ich musste kurz raus, weil mir die Tränen kamen.» Schon in Tampere an der U20-WM – damals holte Simon Bronze im Zehnkampf – spielte sich dasselbe ab. «Damals ging ich gemeinsam mit seinem Vater Franz raus, um zu weinen», erinnert sich Wyler, «dieses Mal ging ich allein. Ich bin unheimlich stolz auf ihn.»
Die beiden Männer arbeiten seit bald zehn Jahren miteinander und pflegen eine enge Beziehung. «Für mich gehört Karl zur Familie», sagt Ehammer. Nach seinem Sieg gestern gingen die beiden, umgeben von Familie und Freunden, in eine Bar, um zu feiern. «Nach so einem Tag kommt man mit Simon aber nicht weit. Für hundert Meter haben wir eine halbe Stunde gebraucht, weil alle Fotos oder Autogramme wollten», erzählt Wyler lachend.
Ehammer fügt hinzu: «Wir haben danach ein, zwei Bierli getrunken, aber um halb drei war ich im Bett. Wenn du nicht irgendwo bist, wo alle auf den Tischen tanzen, wird dein Körper irgendwann müde. Aber es war so schön!» Ein Abend, an dem nicht nur ein Weltrekord gefeiert wurde – sondern auch eine Partnerschaft, die stärker ist denn je.