Mit TV-Legende Thurnheer in den USA
«Endzeitstimmung herrscht bei mir noch lange nicht»

Fernsehlegende Beni Thurnheer ist zurück an der WM – diesmal nicht als Kommentator, sondern als Fan. In Los Angeles fiebert er mit der Nati mit, verteilt Selfies und beweist: Auch mit bald 77 strotzt der Winterthurer noch vor Energie.
Kommentieren
«Es ist mir unverständlich, dass mich alle noch kennen. Aber ich freue mich darüber», so Beni Thurnheer.
Foto: Jonas Mohr

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
Die Zusammenfassung von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast.
Andrea Germann (Text), Jonas Mohr (Fotos)
Schweizer Illustrierte

Ein Arm steckt bereits im Nati-Trikot, der andere hängt irgendwo fest. Dann verschwindet plötzlich auch noch Bernard Thurnheers Kopf im rot-weissen Stoff. «Moment, gleich hab ichs!», ruft die 76-jährige TV-Legende und kämpft sich lachend rein. Sekunden später sitzen Shirt, Fanschal und Sonnenbrille wie angegossen. «Es kann losgehen», freut sich Thurnheer und tritt durch die Schiebetür des Huntley Hotels hinaus auf die Strassen von Santa Monica, Kalifornien.

In knapp drei Stunden ist Anpfiff für das zweite Gruppenspiel der Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina an der Fussball-WM 2026 in Los Angeles. Für Bernard «Beni» Thurnheer ist es das erste von zwei Nati-Gruppenspielen, die er während einer neuntägigen Reise durch Nordamerika live im Stadion verfolgt. Die Route führt den ehemaligen SRF-Sportkommentator von Santa Monica aus über Las Vegas bis nach Vancouver, Kanada. «Als ich das Angebot vom Travel Club sah, musste ich nicht zweimal überlegen», verrät der langjährige FC-Winterthur-Fan. Und legt nach: «Ich verdächtige die sogar, dass ich Opfer von Big Data geworden bin. Die wussten genau, dass das drei meiner Lieblingsdestinationen sind.»

Hände hoch fürs Gruppenfoto: Die Nati-Fans reisen mit dem Car nach Inglewood zum Spiel Schweiz gegen Bosnien-Herzegowina.
Foto: Jonas Mohr

Selfie-Ansturm vor dem Hotel

Mittlerweile haben sich rund 100 Nati-Fans in einer rot-weissen Traube vor dem Hoteleingang versammelt. Im Hintergrund brummt der Car, der die Gruppe zum SoFi Stadium in Inglewood bringen wird. «Beniii! Legende!», ruft ein junger Mann. «Darf ich ein Foto mit dir machen?» – «Mhm», nickt Thurnheer, stellt sich neben ihn und lächelt in die Kamera. Fünfmal wird er noch um ein Selfie gebeten. Nüchtern meint er beim Einsteigen in den Bus: «Es ist mir unverständlich, dass mich alle noch kennen. Aber ich freue mich natürlich darüber.»

Selfie vor dem SoFi-Stadium: «Es gehört zu den schönsten, in denen ich je war», schwärmt Beni.
Foto: Jonas Mohr

Jahrzehntelang gehörte der studierte Jurist zu den bekanntesten Fernsehgesichtern der Schweiz. Als Sportkommentator berichtete er von Olympischen Spielen sowie Fussball- und Eishockey-Weltmeisterschaften, mit «Tell-Star» und «Benissimo» lockte er ein Millionenpublikum vor die Bildschirme. Wie er sich seinen Erfolg erklärt? «Ich hatte nie das Gefühl, ich sei ein besonderes Talent», sagt er bescheiden. «Ich war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.»

WM-Wiederholung in den USA

Minuten später setzt sich der Car in Bewegung und rollt stockend durch den morgendlichen Berufsverkehr. Vor den Fenstern ziehen Palmen, XXL-Werbetafeln und Fast-Food-Ketten vorbei. Im Bus selbst ist es überraschend ruhig. «WM-Stimmung kommt da aber nicht gerade auf», stichelt Thurnheer und legt nach: «Es ist eher wie eine Kaffeefahrt, bei der uns der Chauffeur am Schluss noch Rheumamatten verkauft.»

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.

Ein Entertainer ist er geblieben. Auch zwölf Jahre nach seiner Pensionierung. Vermisst er die Arbeit am Mikrofon? «Nä-äh», sagt er prompt. «Als Kommentator musst du den Zuschauern Dinge erzählen, die sie nicht ohnehin schon sehen. Das fehlt mir heutzutage etwas. Dafür ist gute Vorbereitung Pflicht.» Dass er das heute nicht mehr müsse, sei ihm «au rächt». Die grünen Augen blitzen hinter der schwarz umrandeten Hornbrille. «Ausser ich weiss zufällig etwas. Dann kann ich bei den Leuten um mich no echli bluffä.»

Stilecht Amerikanisch: 1994 fand die letzte WM in den USA statt – mit Beni Thurnheer als Kommentator.
Foto: Sobli

Das Turnier in Nordamerika ist seine elfte WM. Nur zwei habe er je ausgelassen. «Zum Beispiel die in Katar 2022, die ich wegen der Menschenrechtsverletzungen boykottierte.» Die letzte Weltmeisterschaft in den USA erlebte er 1994 als Kommentator des Schweizer Fernsehens – in Pasadena, an der Seite von Fussball-Ikone Günter Netzer. Entsprechend gespannt ist er, wie sich das Land als Gastgeber mehr als drei Jahrzehnte später präsentiert. Während der Bus vor dem Stadion hält, erinnert er sich: «Damals hiess es auch immer, die Amerikaner würden sich gar nicht für Fussball interessieren. Und dann wars plötzlich total lässig.» Beni Thurnheer steigt aus. Vor ihm erhebt sich das SoFi Stadium, die gigantische Arena der Los Angeles Rams. «Wow!», entfährt es ihm. «Das gehört zu den schönsten Stadien, in denen ich je gewesen bin», sagt er und lässt den Blick über die gewaltige Konstruktion aus Glas und Stahl schweifen. Schnell noch einen Schnappschuss mit dem Handy geknipst, zieht er auch schon den Fanschal zurecht und reiht sich in den Strom der rot-weissen Anhänger zum Eingang. Sein Tipp? «4:1 für die Schweiz!», ruft er – und verschwindet in der Menschenmasse.

Aus Turner wird Thurnheer

Am nächsten Morgen tritt «Beni national» mit einem breiten Grinsen vor das Hotel. «Good morning!», ruft er und hebt die Hand zum Gruss. Sein Blick ist müde. «Ich habe brutal schlecht geschlafen», gesteht er. Nur um kurz darauf anzufügen: «Aber es ist alles egal – wir haben gewonnen!» Die Schweiz hat Bosnien-Herzegowina am Vorabend tatsächlich mit 4:1 geschlagen – exakt so, wie Thurnheer es vorhergesagt hatte. «Dass es wirklich so gekommen ist, hat mich dann doch überrascht», sagt er und schmunzelt.

Trikot mit Tücke: Bevor es ins Stadion geht, wirft Bernard Thurnheer sich in Rot-Weiss – auch wenn das Anziehen kurz zur Geduldsprobe wird.
Foto: Jonas Mohr

Kurz darauf sitzt er auch schon im Uber Richtung Downtown. Sightseeing steht auf dem Programm. Vor 30 Jahren war er schon einmal hier. «Ich bin gespannt, wie es heute in Hollywood aussieht. Man hört ja nur noch, wie heruntergekommen es inzwischen sei.» Als der Wagen auf den Highway 10 einbiegt, zeigt Thurnheer aus dem Fenster. «Oh, jetzt kommen weitere Erinnerungen hoch», ruft er. «Der Highway führt quer durch Amerika. Und hier beginnt die Route 66.» Vor 25 Jahren sei er die legendäre Strecke mit seiner Familie in einem Mietwagen gefahren. «Das war grossartig», meint er.

Am Walk of Fame vor dem historischen Fonda-Theater entdeckt Thurnheer einen unbeschrifteten Stern. Und scherzt: «Der wäre noch frei für mich!»
Foto: Jonas Mohr

Das Uber erreicht den Hollywood Boulevard. Benis Ziel ist der Stern von Tina Turner auf dem Walk of Fame. «Da ist er!», ruft er und steuert darauf zu. Er zeigt auf den Namen im Boden und witzelt: «Da fehlt eigentlich nur noch ein H und ein E.» Tina Thurnheer. Die 2023 verstorbene Sängerin habe er immer bewundert. Er nimmt sein Handy und schiesst ein Erinnerungs-Selfie.

Es bleibt nicht das einzige Foto an diesem Vormittag. Immer wieder bleibt Thurnheer stehen und hält Eindrücke fest. Ob ein Strassenschild, ein selbstfahrendes Waymo-Taxi – «in so eins würde ich nie steigen», meint er – oder eine Palme am Strassenrand. «Mir gefällt es hier, es ist überhaupt nicht so, wie es einem in den Medien verkauft wird», resümiert er.

Zwischen Reisen und Heimat

Das Reisen spielt seit jeher eine grosse Rolle in Bernard Thurnheers Leben. Mit Tunesien besuchte er kürzlich sein 100. Land. Und doch: Vom Auswandern hält er nichts. «Ich wollte schon immer in die Welt hinaus, deswegen bin ich vielleicht sogar Sportkommentator geworden», philosophiert er bei einer Stärkung mit Burger und French Fries im legendären «Mel’s Drive-In» in West Hollywood. «Aber ich brauche auch ein Zentrum, in das ich immer wieder zurückkehren kann.»

Fernsehlegende Beni Thurnheer ist zurück an der WM – diesmal nicht als Kommentator, sondern als Fan. In Los Angeles fiebert er mit der Nati mit, verteilt Selfies und beweist: Auch mit bald 77 strotzt der Winterthurer noch vor Energie.
Foto: Jonas Mohr

Einen wichtigen Teil dieses Zentrums bildet auch seine Frau Kathrin Hildebrand, 69. Seit 2018 sind die beiden verheiratet. Zusammen wohnen sie aber nicht. «Wir haben das lange überlegt», erzählt der Vater von zwei erwachsenen Söhnen und Grossvater von mittlerweile fünf Enkeln. «Aber derjenige, der zum anderen zieht, wird irgendwann unglücklich.» Jeder habe über Jahrzehnte seine eigenen Wurzeln geschlagen. Er in Seuzach, Kathrin in der Ostschweiz. Ob sie ihn nicht in die USA begleiten wollte? Beni schüttelt den Kopf. «Sie verbringt die Woche mit einer Freundin in Rom. Sie interessiert sich etwas mehr für mittelalterliche Kirchen als für Fussball», witzelt er. Und fügt an: «Nein, im Ernst, ich bin dankbar, dass sie mich an die WM hat gehen lassen.»

Nostalgie pur: Im «Mel’s Drive-In» inspiziert der ehemalige TV-Star neugierig eine alte Jukebox aus den 50er-Jahren.
Foto: Jonas Mohr

Sein letzter Halt führt Thurnheer an den Santa Monica Pier. Über ihm dreht sich das berühmte Riesenrad, unter ihm rauschen die Wellen des Pazifik. Alleine unterwegs zu sein, macht ihm überhaupt nichts aus. Man lerne dabei immer so viele Leute kennen, sagt er. Auch sonst bleibt der Pensionär lieber in Bewegung. Neben Reisen hält er sich mit E-Bike-Fahren fit und ist regelmässig als Kolumnist, Podcaster oder Gast bei Veranstaltungen unterwegs.

Woher er die Energie dafür nimmt? Thurnheer lacht und verrät: «Ich schlafe zehn Stunden am Tag. Und nach dem Mittagessen mache ich meistens noch ein halbes Stündchen Mittagsschlaf. Ich fühle mich relativ schnell müde. Aber das ist das Schöne, wenn man pensioniert ist: Dänn liisch halt ab und nachäne bisch wieder fit.» Auf das Älterwerden blickt er gelassen. «Früher habe ich gedacht, mit 77 sitze ich zu Hause und schiebe den Rollator herum», sagt er, während er sich im Souvenir-Shop am Pier einen Magneten für seine Sammlung kauft. «Unterdessen habe ich eher das Gefühl, dass ich sogar mit 80 noch etwas Verrücktes machen muss.» Ein neues Projekt habe er auch schon im Kopf – mehr dazu will er aber noch nicht verraten. Nur so viel: «Endzeitstimmung herrscht bei mir noch lange nicht!»

Logg dich ein für den XXL-WM-Service!
WM 2026 Gruppe A
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Mexiko
Mexiko
3
6
9
2
Südafrika
Südafrika
3
-1
4
3
Südkorea
Südkorea
3
-1
3
4
Tschechien
Tschechien
3
-4
1
K.o.-Phase
Gruppe B
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Schweiz
Schweiz
3
4
7
2
Kanada
Kanada
3
5
4
3
Bosnien und Herzegowina
Bosnien und Herzegowina
3
-1
4
4
Katar
Katar
3
-8
1
K.o.-Phase
Gruppe C
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Brasilien
Brasilien
3
6
7
2
Marokko
Marokko
3
3
7
3
Schottland
Schottland
3
-3
3
4
Haiti
Haiti
3
-6
0
K.o.-Phase
Gruppe D
Mannschaft
SP
TD
PT
1
USA
USA
3
4
6
2
Australien
Australien
3
0
4
3
Paraguay
Paraguay
3
-2
4
4
Türkei
Türkei
3
-2
3
K.o.-Phase
Gruppe E
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Deutschland
Deutschland
3
6
6
2
Elfenbeinküste
Elfenbeinküste
3
2
6
3
Ecuador
Ecuador
3
0
4
4
Curacao
Curacao
3
-8
1
K.o.-Phase
Gruppe F
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Niederlande
Niederlande
3
6
7
2
Japan
Japan
3
4
5
3
Schweden
Schweden
3
0
4
4
Tunesien
Tunesien
3
-10
0
K.o.-Phase
Gruppe G
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Belgien
Belgien
3
4
5
2
Ägypten
Ägypten
3
2
5
3
Iran
Iran
3
0
3
4
Neuseeland
Neuseeland
3
-6
1
K.o.-Phase
Gruppe H
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Spanien
Spanien
3
5
7
2
Kap Verde
Kap Verde
3
0
3
3
Uruguay
Uruguay
3
-1
2
4
Saudi Arabien
Saudi Arabien
3
-4
2
K.o.-Phase
Gruppe I
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Frankreich
Frankreich
3
8
9
2
Norwegen
Norwegen
3
1
6
3
Senegal
Senegal
3
2
3
4
Irak
Irak
3
-11
0
K.o.-Phase
Gruppe J
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Argentinien
Argentinien
3
7
9
2
Österreich
Österreich
3
0
4
3
Algerien
Algerien
3
-2
4
4
Jordanien
Jordanien
3
-5
0
K.o.-Phase
Gruppe K
Mannschaft
SP
TD
PT
1
Kolumbien
Kolumbien
3
3
7
2
Portugal
Portugal
3
5
5
3
Demokratische Republik Kongo
Demokratische Republik Kongo
3
1
4
4
Usbekistan
Usbekistan
3
-9
0
K.o.-Phase
Gruppe L
Mannschaft
SP
TD
PT
1
England
England
3
4
7
2
Kroatien
Kroatien
3
0
6
3
Ghana
Ghana
3
0
4
4
Panama
Panama
3
-4
0
K.o.-Phase
In diesem Artikel erwähnt
Was sagst du dazu?
Liebe Leserin, Lieber Leser
Der Kommentarbereich von Blick+-Artikeln ist unseren Nutzern mit Abo vorbehalten. Melde dich bitte an, falls du ein Abo hast. Noch kein Blick+-Abo? Finde unsere Angebote hier:
Hast du bereits ein Abo?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen