Marcel Reifs WM-Fazit
«Wem das zu kommerziell ist, der gehe nach Bümpliz!»

Mit dem Triumph von Spanien ist die XXL-WM in den USA zu Ende gegangen. Trotz Kommerzialisierung hat sie die Menschen mitgerissen. Der ikonische Fussball-Kommentator erklärt, warum der Gigantismus wohl weiter-, die Freude am Spiel aber nicht untergeht.
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Darum gehts

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Monique Ryser
Schweizer Illustrierte

Er ist der Doyen unter den Sportkommentatoren, keiner spricht schöner, direkter und gescheiter über Fussball. Doch nach sechs Wochen WM hat auch er genug. «Ich habe viele Spiele gesehen, aber nach dem Final war ich froh, dass fertig ist. Ich ha nüme chönne.»

Marcel Reif, woran wird man sich in zehn Jahren noch erinnern?

Im Fussball sind zehn Jahre eine furchtbar lange Zeit, es muss schon etwas Überragendes passieren, damit es in die Geschichte eingeht. Ich glaube, man wird sie als die letzte WM von Cristiano Ronaldo und Lionel Messi in Erinnerung behalten. Und im Rückblick wird die verlorene Unschuld des Fussballs durch die Einflussnahme von US-Präsident Donald Trump bei Fifa-Chef Gianni Infantino gespeichert bleiben. Wobei: Das Letzte wird man auch wieder vergessen, man vergisst schnell im Fussball.

Wieso ist das so?

Weil nächste Woche YB wieder spielt. Dann verlieren sie ein Spiel und was früher bedeutend war, ist plötzlich unwichtig. Und vielleicht ist das ja auch gut so.

So freudig sah man den König noch nie: Felipe von Spanien am Sonntag mit seiner Familie und der Furia Roja bei der Siegerehrung in den USA.
Foto: Dukas

Die WM in den USA, Kanada und Mexiko mit 48 Mannschaften galt als XXL-WM …

… und wir sollten hoffen und uns dann freuen, wenn die nächste nicht XXXL wird. Aber ausschliessen würde ich das nicht.

Infantino scheint ja bereits darüber nachzudenken, eine WM mit 64 Mannschaften durchzuführen. Ist das realistisch?

Die Fifa hat einen Gewinn gemacht von ungefähr 13 Milliarden Franken. Geld regiert in diesen Sphären die Welt. Wenn Herr Infantino, und er hat das Sagen, riecht, dass er noch zwei Milliarden mehr rausholen kann, dann werden irgendwann mal sämtliche 211 Verbände ohne Qualifikation an einer WM spielen. Und das wird Monate dauern und ich werde jemanden darum bitten, mich irgendwann anzurufen, um mir den Weltmeister mitzuteilen, denn ich hatte jetzt schon Mühe, bis zum Schluss.

Sie sagen: Geld regiert den Fussball. Dem lebte schon Sepp Blatter nach. War diese Entwicklung vorgezeichnet?

Sepp Blatter wird – Achtung, Ironie! – als liebenswerter, empathischer Mensch, dem der Fussball über alles geht, in Erinnerung bleiben. Infantino hat keine hundert Tage gebraucht, um Blatter dreimal zu überholen. Ich mag auf diesem Niveau des Fussballs nicht moralisieren. Mir sind nur diejenigen nicht recht, die alles geschaut haben und am Schluss empört sind. Das ist heuchlerisch.

Was für eine Kombination!: Ronaldinho, Madonna und Ronaldo bei der Halbzeit-show des WM-Finals im New-Jersey-Stadion.
Foto: Getty Images

Aber man darf doch verlangen …

… wer die reine Lehre will, gehe zum FC Thun. Wem das auch schon zu kommerziell ist – der gehe nach Bümpliz. Oder schaut euren Kindern beim Kicken zu. Das meine ich ohne Häme. Ich habe in Rüschlikon meinen Söhnen zugeschaut – das war der schönste Fussball überhaupt! Was soll ich dem Infantino vorwerfen? Dass er bei Trump alles rausgeholt hat, was möglich war, dass andererseits Trump sich genommen hat, was er wollte? Deshalb wurden sie beim Final ausgebuht. Hat sie das im Geringsten gejuckt? Wahrscheinlich nicht.

Fussball hat ja eine ganz eigene Faszination: Jede und jeder lässt sich mitreissen, Männer weinen und schämen sich nicht dafür.

Das war immer schon so. Fussball ist das Spiel der kleinen Jungs, das von den Grossen gespielt wird. Als Zuschauer darf man wieder kleiner Junge sein, ohne sich lächerlich zu machen. Man ist unter Gleichgesinnten. Das Wunderbare, Unschuldige, Echte bei Kindern, die Fussball spielen, ist: Wenn sie gewinnen, lachen sie, wenn sie verlieren, grännen sie. Wie war es im WM-Final: Die spanischen Sieger lachten, Messi weinte. Wenn das Spiel läuft, wenn Halbzeitshows und Madonna ausgeblendet wird, ist das Sport, der bewegt.

Auch Sie?

Ich war vier Jahre alt, als mich mein Vater zum ersten Mal in ein Stadion mitgenommen hat. Das habe ich nie vergessen. Er hat mich damit für ewig vergiftet. Ich sagte immer, es ist doch nur Fussball – und habe damit die ganze Welt angelogen. Fussball ist mein Leben, ich bin, was ich bin – durch Fussball. Aber die Begleitgeräusche werden so, dass es immer schwieriger wird, sich auf das Gute und Schöne zu konzentrieren. Ich werde durchhalten. Angemessen empört sein über Infantino, aber wenn der Ball läuft, werde ich strahlen und mich freuen wie der Vierjährige.

Tränenreicher Abschied zweier Superstars: CR7 und Lionel Messi gingen als Verlierer vom Platz.
Foto: IMAGO/Shutterstock

Was ist schöner Fussball, und haben wir den gesehen?

Ja, es gab schönen Fussball. Ich bin sehr froh, dass am Ende die bestraft wurden, die Fussball nur verhindern wollten. Im Final die Argentinier. Es gibt einen sehr schönen jüdischen Spruch: Moische sagt zu Gott: «Lass mich bitte in der Lotterie gewinnen!» Kommt von oben eine Stimme: «Moischele, kauf dir ein Los!» Die Argentinier weinten, aber sie haben eben nichts probiert, sich nur versteckt. Sie haben eben kein Los gekauft.

Die Weltlage ist nicht sehr positiv, die WM gab uns die Möglichkeit, uns abzulenken und gemeinsam an etwas Freude zu haben …

… das ist sicher nicht völlig falsch. Ich habe aber ein Leben lang gesagt: Leute, pumpt diesen Fussball nicht zu sehr auf! Er kann gar nicht leisten, was in ihn hineininterpretiert wird. Fussball ist nicht Familienersatz, Religionsersatz und was weiss ich noch alles. Auf der anderen Seite sagen hier in Deutschland die Menschen: So wie unser Land ist, so wie die Dinge nicht funktionieren, so hat unsere Nationalmannschaft gespielt. Und als die deutsche Nationalmannschaft richtig gut war, Weltmeister 1990, hatten wir die Wiedervereinigung. Mir ist das suspekt, aber es ist offenbar was dran. Fussball hat etwas Verbindendes. Menschen gehen mit einem Lächeln auf die Strasse und gehen mit einem Lächeln zu ihrer Arbeit. Daraus könnten wird doch ganz allgemein ableiten: Wer etwas mit Freude tut, tut es besser und hat mehr vom Leben. Dass der kleine Messi aber ganz Argentinien retten soll – das funktioniert nicht.

Artikel aus der «Schweizer Illustrierten»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Näher dran – an Stars, Royals und Menschen mit Geschichten. Hier gehts zum Abo!

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Die Schweizer Leistung?

Das war eine wunderbare Vorstellung. Sie sind als gute Verlierer vom Platz. Das ist auch ein Wert. Es ist nicht immer nur Gewinnen oder Verlieren. Es gibt auch Gewinner, denen zuzugucken keine Freude macht. Und das ist, finde ich, viel schlimmer, als wenn du mit erhobenem Haupt vom Platz gehst. Wir haben eingangs gesagt, im Fussball vergisst man sehr schnell. Man sollte drum auch die Nummer mit Embolo bald vergessen. Er hat sofort gemerkt, dass er Blödsinn gemacht hat. Meine Söhne würde ich jetzt in die Arme nehmen, verzeihen und sagen: «Mach es nie wieder.»

Sie sind also ein Fan von der Schweiz?

Leute, wir sind ein kleines Land von neun Millionen. Die Deutschen sind 90 Millionen und schaffen es nicht, gemeinschaftlich eine gute Mannschaft auf den Platz zu bringen. Die Schweiz schafft das schon seit Jahren, ist bei jedem grossen Turnier dabei. Dass wir das mit unseren Ressourcen so hinkriegen, ist weltweit beachtet und wird hoch geschätzt. In der Schweiz manchmal ein bisschen zu wenig. Da muss es nicht zwangsläufig der WM-Titel werden, das wird schwierig. Für die Schweiz war es eine wunderbare WM. Bitte nehmt das und diskutiert nicht, was noch hätte besser sein können. Im Leben kann alles besser sein, aber wenn du den Moment verpasst, dich über das zu freuen, was du hast, machst du einen Fehler.

Bromance: US-Präsident Donald Trump und Fifa-Chef Gianni Infantino helfen sich, Regeln sind für sie nur «nice to have».
Foto: Getty Images via AFP

Ist Murat Yakin ein guter Trainer?

Ja, einer, der die Sprache der Spieler spricht. Und er hat es mit Granit Xhaka und mit anderen richtig guten Typen hingekriegt.

Die Mannschaft muss jetzt aber langsam erneuert werden.

Die Schweiz hat eine vorbildliche Nachwuchsförderung. Manzambi ist kein Zufall. In der Schweiz wird sorgfältig geguckt, damit kein Talent verloren geht. Und das Gute ist, sie dürfen in der Schweizer Liga spielen, schon mit 17, 18, 19. Dann werden sie ins Ausland verkauft, spielen mit den Grossen und entwickeln sich weiter. Ob dauernd Talente vom Kaliber eines Xhaka da sein werden, wissen wir nicht. Aber ich mache mir überhaupt keine Sorgen, dass die Schweiz nicht auch in vier Jahren eine richtig gute Mannschaft haben wird.

Ein Kompliment an den Fussballverband?

Absolut, die Deutschen haben immer rübergeguckt und sollten es noch viel mehr tun. Das ist wirklich professionelle, gute Arbeit. Mit überragendem Erfolg.

Deutschland bekommt einen neuen Trainer, Jürgen Klopp. Hat er genug Biss?

Ja, ich denke schon. Er weiss aber auch: Handauflegen reicht nicht, nur weil jetzt der heilige Jürgen kommt. Die Probleme im deutschen Fussball sind vielschichtig. Aber er wird aus den Ressourcen mehr herausholen. Nagelsmann war eine klassische Fehlbesetzung, weil man einen zu jungen Mann mit einer zu grossen Aufgabe betraut hat. Klopp hat eine Aura, Charisma und eine Vita. Die Gefahr ist, dass es beim nächsten Unentschieden heisst: Oh, aber dafür haben wir den Jürgen nicht geholt. Das ist sein Risiko, allerdings hat er auch ein anständiges Salär.

Die Fussball-WM ist vorbei. Wofür interessieren Sie sich jetzt?

Für meine Ferien, bloss kein Fussball mehr! Ich fahre nach Apulien zu meinem Sohn und meinen Enkeln in unser Haus. Wissen Sie, was mein Enkel dann von mir will?

Tschutte?

Ja. Und über Fussball reden ...

Das ist Marcel Reif, 76

Bevor er Sportjournalist wurde, arbeitete er als Politberichterstatter für die Nachrichtensendungen des ZDF. 1997 zog Reif in die Schweiz, wo er 25 Jahre lang lebte und sich einbürgern liess. Seine deutsche Nationalität gab er ab. Heute lebt er in München mit seiner dritten Frau, der Medizinprofessorin Marion Kiechle. Er ist Vater dreier Söhne im Alter von 49, 26 und 24.

Paolo Dutto

Bevor er Sportjournalist wurde, arbeitete er als Politberichterstatter für die Nachrichtensendungen des ZDF. 1997 zog Reif in die Schweiz, wo er 25 Jahre lang lebte und sich einbürgern liess. Seine deutsche Nationalität gab er ab. Heute lebt er in München mit seiner dritten Frau, der Medizinprofessorin Marion Kiechle. Er ist Vater dreier Söhne im Alter von 49, 26 und 24.

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