Darum gehts
- YB-Stürmer Samuel Essende erzielte in den letzten vier Spielen sieben Tore
- Er spricht über seine Banlieue-Jugend, seinen erschossenen Bruder und Kampfsport
- Essendes Vorbilder sind Ronaldo und Ibrahimovic, sein Übername ist Wolf
Es gibt Gespräche, da ist schon der Einstieg harzig. Man spürt: Das wird mühsam … Kein bisschen so ist es mit Samuel Essende (28), der in den letzten vier Spielen saisonübergreifend so richtig durchgestartet ist: sieben Tore und zwei Assists! Wie geht es? Ist es auch so heiss bei euch? Der Start ist easy und endet in der Feststellung, dass die Temperaturen auf dem Plastik des Wankdorfs selbst für einen aus dem Kongo stammenden Spieler, der die Sommer in der Pariser Glutofenhitze erlebt hat, eine neue Dimension sind.
Blick: Samuel Essende, vier Tore, ein Assist. Ihr Saisonstart und derjenige von YB waren magistral!
Essende: Es ist ein guter Start. Und wie das Wort auch sagt: ein Start. Klar ist es gut, mit Siegen zu beginnen. Das gibt Selbstvertrauen. Aber man kann immer noch mehr machen.
Ist das nicht ein bisschen Understatement?
Zwei Tage kann man sich darüber freuen, nein, einen. Und dann gehts weiter. Siege sind vergänglich. Der Blick geht in die Zukunft. Und von YB werden Trophäen erwartet.
Für diese sind Sie von der Bundesliga in die Schweiz gekommen.
Jeder Spieler will Pokale holen. Ich bin jedenfalls ambitioniert. Limiten kenne ich nicht. Und YB ist einer der grössten, wenn nicht der grösste Klub der Schweiz.
Sie waren in der Bundesliga, einer geilen Liga mit immer vollen Stadien. Die Krux war wohl, dass man in Augsburg keine Pokale erwarten darf.
Genauso ist es. Da kann man maximal auf den Cup hoffen. Wir haben es vorletzte Saison auch gut gemacht, aber dann war der spätere Pokalsieger Stuttgart zu stark. Aber an den Bayern kommt man nicht vorbei. Oder auch nicht an den nächsten Verfolgern.
War das der einzige Grund für diesen Schritt zurück?
Nein. Es war ein Mix vieler Faktoren. Es gab auch Missverständnisse mit Augsburg, einen Trainerwechsel. Als ich dann beim Afrika-Cup war, hatte ich Zeit, darüber nachzudenken, und kam zum Schluss, dass ein Weggang das Beste für mich sein würde. Doch es lag kein Angebot vor, das mir zusagte. Das änderte sich mit jenem aus Bern ganz am Ende des Mercato. An anderen Orten hätte ich viel mehr Geld verdienen können. Aber das ist bei mir eher sekundär. Der Spass am Job ist ebenso wichtig.
Ihr Einstand in Bern gelang aber nicht. Elf Spiele ohne Tor. Nur ein Assist. Und doch spielten Sie immer, derweil Chris Bedia, der Mann, der die Torschützenliste damals anführte, auf der Bank sass und als Joker immer wieder traf. Da hagelte es Kritik. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich weiss, dass die Menschen ausserhalb des Fussballs, die dieses Business nicht kennen, vor allem die Anzahl Tore sehen und aufgrund dieser urteilen. Das ist auch okay und bereitet mir keine schlaflosen Nächte. Aber ich hatte das Vertrauen des Trainers, des Staffs und meiner Mitspieler. Und ich kam in ein verunsichertes Team, das spürte man. Und auch ich war nicht in der Form meines Lebens, als ich direkt vom Afrika-Cup kam. Von einem Stürmer soll man Tore erwarten, das geht in Ordnung. Aber der Inhalt, den ich bot, war auch ohne Tore korrekt.
Haben Sie da an sich gezweifelt?
Überhaupt nicht. Sonst hätte mich der Coach doch rausgenommen. Klar ist das Toreschiessen die Lieblingsbeschäftigung des Stürmers. Aber es gibt solche Phasen. Doch wenn man hart arbeitet und korrekte Spiele abliefert, kommen die Tore irgendwann.
Oder wars der Fluch der 99? Der heiligen Nummer von YB-Legende Guillaume Hoarau, die Sie trugen?
Erst als ich die Nummer 99 gewählt hatte, habe ich vernommen, dass sie Guillaume gehörte. Es ist meine Lieblingsnummer. Ronaldo trug die Neun, als ich ihn zum ersten Mal sah. Und die 99 ist gleich eine doppelte Neun, das ist noch besser. Ich trage sie seit 2021. Aber ich habe noch keine Zeit gehabt, mich mit Gui, den wir «Le Big H» nannten, als er bei PSG war, darüber zu unterhalten. Mein Respekt für ihn ist riesig. Legende!
Gabs da einen speziellen Moment, dass es wieder klappte? Haben Sie Ihren Mentalcoach gefeuert? Oder sich frisch verliebt oder so was?
(Lacht.) Nein, nein. Da war nichts Spezielles. Meinen Mentalcoach habe ich nun seit sechs Jahren und ich habe ihn immer noch … Ich habe einfach weitergemacht und bin immer positiv geblieben. Fussball ist als Spiel ganz einfach, mental aber ganz schwierig. Wie auch das Leben. Wenn wir verlieren, bin ich am Abend unausstehlich. Erst recht, wenn ich schlecht gespielt habe. Doch das ist nicht das Ende der Welt. Ich bleibe dieselbe Person. Am anderen Tag ist das verflogen und im nächsten Spiel kann man es bereits besser machen.
Geklappt hat es dann erst im zweitletzten Match. Dafür mit drei Toren gleich richtig. Der Ketchup-Effekt …
Genau. Das hat auch Cristiano Ronaldo einst so gesagt.
Und Ronaldo hat immer recht …
Sagen wir in 90 Prozent der Fälle. 100 Prozent überlassen wir Gott.
Sie verehren Ronaldo.
Ich bin zu seiner Zeit aufgewachsen. Man kann sagen, dass er ein Idol für den jungen Samuel war. Jetzt ist es angebrachter, von einem Beispiel zu sprechen. Mein erstes Idol war Zlatan Ibrahimovic.
Warum?
Mit ihm habe ich mich am meisten identifiziert, er hat wie ich als Junge Kampfsport betrieben. Er ist auch so hochgeschossen. Ich mochte seine Dribblings. Er hatte viel Souplesse. Und er hat bei PSG gespielt. Wie ich. Ibra bedeutete mir alles. Ronaldo hingegen, und das habe ich erst später begriffen, ist ein Monstrum! Der Spieler, den man sich zum Vorbild nehmen sollte. Auch weil er im Kopf unfassbar stark ist.
Wie seriös war das mit dem Kampfsport?
Ich habe Judo gemacht, als ich ganz klein war. Dann schwenkte ich um auf Taekwondo, hatte den braunen Gürtel. Ich habe auch Thaiboxen versucht, auch Free Fight. Als ich aber mit zwölf Jahren die Chance hatte, in die Nachwuchsakademie des PSG zu kommen, habe ich mich für den Fussball entschieden. Und es hat sich ausgezahlt.
Samuel Emmanuel Essende Mbongu wird am 23. Januar 1998 in Montfermeil geboren, einem Vorort 20 Kilometer ausserhalb von Paris, wo er auch aufwächst. Er besitzt auch den kongolesischen Pass. Mit zwölf kommt er in die Akademie von PSG. 2018 unterschreibt er seinen Profivertrag dort, wird aber nach zwei Saisons in der B-Mannschaft zu Eupen in Belgiens erster Liga ausgeliehen. Über die unterklassigen Klubs Avranches, Pau und Caen landet er beim portugiesischen Erstligisten Vizela, wo er durchstartet, weshalb ihn Augsburg 2024 für vier Millionen Euro kauft. YB bezahlt im Februar dieses Jahres rund 3,5 Millionen. Für die kongolesische Nati macht er elf Spiele und ein Tor. Am letzten Afrika-Cup hat er einen Kurzeinsatz von 16 Minuten. Ins WM-Kader schafft er es nicht.
Samuel Emmanuel Essende Mbongu wird am 23. Januar 1998 in Montfermeil geboren, einem Vorort 20 Kilometer ausserhalb von Paris, wo er auch aufwächst. Er besitzt auch den kongolesischen Pass. Mit zwölf kommt er in die Akademie von PSG. 2018 unterschreibt er seinen Profivertrag dort, wird aber nach zwei Saisons in der B-Mannschaft zu Eupen in Belgiens erster Liga ausgeliehen. Über die unterklassigen Klubs Avranches, Pau und Caen landet er beim portugiesischen Erstligisten Vizela, wo er durchstartet, weshalb ihn Augsburg 2024 für vier Millionen Euro kauft. YB bezahlt im Februar dieses Jahres rund 3,5 Millionen. Für die kongolesische Nati macht er elf Spiele und ein Tor. Am letzten Afrika-Cup hat er einen Kurzeinsatz von 16 Minuten. Ins WM-Kader schafft er es nicht.
Der Name Essende tönt irgendwie deutsch. Er wird ja auch so ausgesprochen. Gibts da Vorfahren?
Nein, überhaupt nicht. Er stammt aus Zentralafrika, ist Bantu. Meine Wurzeln liegen im Kongo, in Kinshasa.
Und woher stammt der Übername Wolf?
(Lacht laut.) Meine besten Freunde und ich wurden, als wir noch ganz klein waren, die kleinen Wölfe genannt. Das blieb. Später wurde ich vom kleinen Wolf zum Wolf. Und meine Tanten wollen festgestellt haben, dass ich ein bisschen spitze Schneidezähne und Schlitzohraugen habe. Wie ein Wolf. Den Übernamen gibt es also seit mehr als 20 Jahren.
Ihr Torjubel stellt also einen Wolf dar?
Ja. Die Geste stellt auch ein W wie «Wolf» dar und sie soll auch für meine Modemarke vmf stehen, die ich mit Freunden kreiert habe.
Dann können Sie sich mit Christian Fassnacht zusammentun …
Ich weiss, dass Fasi auch eine Modelinie hat, aber wir haben uns bisher noch nicht vertieft darüber ausgetauscht.
Wie fühlt man sich als einsamer Wolf unter Bären?
(Lacht.) Man adaptiert sich … Von Augsburg nach Bern – da muss man sich nicht gross anpassen. Nein. Beides ist deutsch. Es ist wunderschön hier. Aber alles macht früh zu. Und es ist sehr teuer!
Paris ist doch auch sehr teuer!
Klar, vielleicht noch teurer. Aber der Einkauf in der Schweiz schlägt alles! Das weiss man erst, wenn man da lebt. Ich war ja schon oft hier, weil ich viele Freunde in der Schweiz habe.
Sie sind in der Pariser Banlieue aufgewachsen, in Montfermeil. Was ist das für ein Vorort? Hohe Kriminalitätsrate und Arbeitslosigkeit wie in so vielen?
Als ich dort aufwuchs, war es so. Es soll aber in letzter Zeit etwas besser geworden sein. Man wird dort gross, bekommt viel Leid und schlechte Einflüsse mit, verliert nahestehende Menschen. Das hat mich geprägt. Wenn man da nicht die Kurve kriegt, geht es sehr schnell. Zum Glück haben sich die Klubs schon sehr früh für mich interessiert. Und mit zwölf war ich bei PSG.
Sie haben Ihren Bruder jung verloren.
Mein grosser Bruder! Er war 18, als er getötet wurde. Ich war aber erst sechs, so hatte diese schwierige Periode kaum Auswirkungen auf mein Leben, weil ich wenig Erinnerungen daran habe. Meine Familie ist irgendwann darüber hinweggekommen.
Sie haben vom Afrika-Cup gesprochen. Da waren Sie im Team. Für die WM wurden Sie nicht berücksichtigt. Das muss ein Hammerschlag gewesen sein.
Das war es. Die WM ist der ultimative Traum eines jeden Fussballers. Das war unglaublich hart zu akzeptieren. Aber man kann deswegen nicht ins Negative abdriften. Negativität ist schlecht fürs Gehirn. Im Gegenteil: Man muss schnell das Positive sehen. In meinem Fall hiess das: endlich wieder mal richtige Ferien!
Was hat Ihnen Ihr Teamkollege in der Kongo-Nati Meschack Elia über YB gesagt?
Er ist ein sehr guter Freund! Er hat mir gesagt, dass er eine Superzeit gehabt habe in Bern. Das war ja sein erster Klub in Europa. Auch wenn diese Zeit mit dem Tod seines Sohnes unfassbar traurig endete. Aber er hat die vielen schönen Momente dennoch behalten. Und er hat uns nach der WM in Bern besucht.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit? Sie sollen einst ein Riesen-Gamer gewesen sein.
Ich bin eher der ruhige Typ und oft zu Hause. Ich gehe dann und wann mit der Familie fort. Ich lese Bücher, um den Geist zu beschäftigen. Und ich schlafe sehr, sehr viel … Dann mache ich Yoga zur Erholung. Und ich game immer noch, ja.
Viel?
Viel weniger als früher. Da muss man als Profi diszipliniert sein und kann nicht die halbe Nacht gamen.
Was spielen Sie vor allem?
Verschiedene Spiele. Zuletzt war es mehrheitlich Call of Duty.
Auf dem Fussballplatz spielen mit einem Kaugummi im Mund. Das sieht man selten. Wie ist es dazu gekommen?
Es tut mir gut. Ganz einfach. Und Zlatan spielte bei PSG auch mit einem Kaugummi …
Zum Schluss wollen wir die Zahl Tore in Erfahrung bringen, die Sie sich diese Saison zum Ziel gesetzt haben. Im TV wollten Sie diese ja nicht offenbaren.
Jetzt auch nicht. Die ist und bleibt in meinem Kopf. Aber ich sage Ihnen Ende Saison, ob ich die Zahl erreicht habe oder nicht.
Keine Chance?
Nein. Aber was ich verraten kann: Ich will «marquer YB», YB markieren.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | BSC Young Boys | 2 | 8 | 6 | |
2 | FC Lugano | 2 | 4 | 6 | |
3 | FC St. Gallen | 2 | 2 | 6 | |
4 | FC Lausanne-Sport | 2 | 1 | 4 | |
5 | FC Sion | 2 | 1 | 3 | |
6 | FC Zürich | 2 | 0 | 3 | |
7 | FC Basel | 2 | 0 | 3 | |
8 | FC Thun | 2 | -4 | 3 | |
9 | Grasshopper Club Zürich | 2 | -3 | 1 | |
10 | FC Vaduz | 2 | -2 | 0 | |
11 | Servette FC | 2 | -2 | 0 | |
12 | FC Luzern | 2 | -5 | 0 |

