Darum gehts
- Wie Mauro Lustrinelli aus Spielern Löwen macht
- Warum der Meistertrainer manchmal bewusst ausrastet
- «Ibiza-Urlaub? Lustrinelli wäre früher vor einem Trainer auf die Knie gegangen»
Noch ist Mauro Lustrinelli (50) da. Während sich die Spieler des FC Thun nach dem letzten Spiel dieser unfassbaren Saison bereits in die Ferien verabschiedet haben, wandert der Meistertrainer durch die Gänge des Stadions. Auch Lustrinelli spricht von Ferien – gleichzeitig ist er eine heiss gehandelte Aktie auf dem internationalen Trainermarkt, unter anderem bei Union Berlin in der Bundesliga. Bevor die Zukunft geklärt ist, öffnet er für Blick die Tür zum Thuner Meisterreich und sagt, mit welchen Methoden und Prinzipien er der Fussball-Schweiz als Aufsteiger den Meister gezeigt hat. An seinen Metaphern hat er tierische Freude.
Blick: Mauro Lustrinelli, Sie haben Anfang Saison gesagt, dass Sie in Ihrer Karriere lieber die Treppe statt den Lift nach oben nähmen. Das war nun eine sehr steile Treppe vom Aufsteiger zum Meister.
Mauro Lustrinelli: Ich habe es so gemeint: Es gibt Spieler und Trainer, die direkt den Lift nach oben nehmen. Aber sie geniessen vielleicht nicht dieselbe Aussicht, die man von der Treppe aus hat. Obwohl wir als Aufsteiger Meister geworden sind, sind wir Schritt für Schritt gegangen. Als wir in der Super League angekommen sind, stand vieles schon: das Spielsystem, ein Grossteil der Mannschaft.
Schon als Stürmer schreibt Mauro Lustrinelli (50) mit dem FC Thun ein Märchen, erreicht 2005 sensationell die Champions League. Nach seinem Karriereende 2012 sammelt er in Thun als Co-Trainer, Interims- und Nachwuchstrainer Erfahrung, dann verdient er sich in den Schweizer Nachwuchs-Nationalmannschaften die Sporen ab. 2022 geht er zurück nach Thun, wo er in dieser Saison das Meister-Märchen geschrieben hat.
Schon als Stürmer schreibt Mauro Lustrinelli (50) mit dem FC Thun ein Märchen, erreicht 2005 sensationell die Champions League. Nach seinem Karriereende 2012 sammelt er in Thun als Co-Trainer, Interims- und Nachwuchstrainer Erfahrung, dann verdient er sich in den Schweizer Nachwuchs-Nationalmannschaften die Sporen ab. 2022 geht er zurück nach Thun, wo er in dieser Saison das Meister-Märchen geschrieben hat.
Wenn wir schon bei der Treppe sind, welchen Schritt wollen Sie persönlich als Nächstes gehen? Wo stehen sie nächste Saison an der Seitenlinie?
Wir haben erst gerade die Meisterschaft gewonnen. Ich geniesse diese Phase. Zur Zukunft: Der FC Thun, mein Umfeld und ich stehen im Austausch. Mehr will ich dazu aktuell nicht sagen. Ich bitte um Verständnis.
Der Gang des FC Thun auf der Treppe wurde von aussen oft als sensationell beschrieben. Doch das war bestimmt ganz hart?
Wir waren oft im Flow. Dann kann der Eindruck entstehen, dass einfach alles laufe. Aber wer Fussball spielt, weiss, dass das erst der Anfang ist. Im Flow zu bleiben, ist viel schwieriger. Im mentalen Bereich haben wir viel gearbeitet.
Ein gutes Stichwort. Sie arbeiten gerne mit Metaphern. Ihr Team war in dieser Saison ein Löwenrudel. Was hat es damit auf sich?
Warum ist der Löwe der König der Tiere, obwohl zum Beispiel Elefanten oder Nilpferde viel kräftiger sind? Es ist die Einstellung. Erstens ist sich der Löwe bewusst, dass er der König ist. Zweitens braucht er teilweise zehn Versuche, bis er seine Beute einfängt. Wenn er es nicht schafft, beginnt er aber nicht zu weinen. Er weiss, dass er die Beute beim nächsten Mal fressen wird. Es war auch meine Metapher für die Resilienz. Wir wussten nach dem Aufstieg, dass wir vielleicht nicht die Stärksten sind, aber wir wollten in dieser Saison der König der Liga sein.
Lustrinelli führt Blick durch die Katakomben des Stadions. An der Wand hängt ein eingerahmtes Bild. Ein grosses Löwengesicht. Als er es letzten Sommer in einem Warenhaus entdeckt, weiss er sofort: Der Anblick macht etwas mit einem. Lustrinelli kauft es, es wird immer mehr zum Symbol dieser Thuner Meistersaison. Unzählige Male nimmt er vor Ansprachen das Bild von der Wand. «Manchmal ging ich damit in die Kabine, stellte mich vor das Team und sagte nichts. Die Spieler wussten, was es geschlagen hat.»
Sie wollten der König der Liga sein. Aber wie kommt man auf die Idee, sich beim FC Thun ein Jahr vor dem Märchen eine Meisterprämie in den Vertrag schreiben zu lassen?
Das ist doch normal, das passiert überall.
Aber Sie waren noch in der Challenge League unterwegs!
Ja, aber ich glaube, alle anderen Trainer sollten dies auch tun. Für mich ist das normal, eine solche Vision zu haben.
Wie hat Sportchef Dominik Albrecht damals reagiert, als es in den Verhandlungen um diesen Punkt ging?
Sie müssten ihn fragen, ob das bei anderen Trainern nicht auch so abläuft. Aber ich hatte auch als Spieler solche Erfolgsprämien im Vertrag.
Sie haben sich vor gut 20 Jahren auch eine Champions-League-Prämie in den Vertrag schreiben lassen?
Ich kann nicht alles verraten (lacht).
Apropos Löwenrudel: Sie sagen oft, dass die Deutschschweizer zu lieb seien. Stimmts?
Ja, erst recht die Berner Oberländer. Es geht mir um die Schlitzohrigkeit. Wenn ein Ball in meine Nähe fliegt, kann ich ihn als Trainer im richtigen Moment auch mal wegspitzeln. Es geht nicht darum, jemanden hinters Licht zu führen, sondern immer aktiv nach kleinen Dingen Ausschau zu halten, die man für den Erfolg noch tun kann.
Bei Toptorschütze Elmin Rastoder wollten Sie diese Schlitzohrigkeit herauskitzeln. Wie hat er sich geschlagen?
Er hat sich stark verbessert und eine fantastische Saison gespielt. Er ist ein so lieber Mensch. Auf einer Skala von null bis zehn steht er bei hundert. Ich wollte ihm die Schlitzohrigkeit beibringen. Beim letzten Saisonspiel am Sonntag, als ich in St. Gallen gesperrt auf der Tribüne sass, habe ich beobachtet, wie er seinen Körper in die Duelle gestellt hat. Da war ich einfach nur stolz. Es ist schön, dass er gelernt hat, sich als reifer Fussballer auf dem Platz zu wehren.
Mussten Sie vielen Spielern sagen, dass sie zu lieb sind?
Leonardo Bertone musste ich es zum Beispiel nicht sagen.
Marco Bürki auch nicht.
Nein! Und Genis Montolio auch nicht. Es braucht den Mix.
Sie können an der Seitenlinie ausrasten und fluchen. Manchmal sogar bewusst?
Ja, um dem Team ein Signal zu geben. Es gibt einige Dinge in diese Richtung, die ich bewusst getan habe.
Also nicht immer unkontrolliert und nur aus Emotionen heraus?
Klar, es gibt Momente, da ist es eine Herausforderung. Aber in den meisten Fällen passieren die Ausbrüche bewusst. An der Seitenlinie kannst du viel Energie ins Spiel geben. Du hast Tausende Leute im Stadion, da ist es schwierig, einem Spieler etwas zu sagen. Was du weitergeben kannst, ist die Energie, die Haltung, das Charisma. Das ist mir wichtig. Welche Botschaft gebe ich, wenn plötzlich meine Jacke nicht mehr da ist? Das hat eine Bedeutung für die Spieler.
Aufgefallen ist in dieser Saison auch, dass Sie gegenüber Journalisten nach Niederlagen oft freundlicher waren als nach Siegen. Teilen Sie diese Auffassung?
Ich bin mir bewusst, welche Signale ich wann geben will. Ich überlege immer, welche Botschaft ich rüberbringen muss.
Nach drei, vier Siegen will man deshalb gegenüber den Medien nicht zu euphorisch sein?
In der Regel ist es so, dass du der König bist, wenn du gewinnst, und der Depp, wenn du verlierst. Die Wahrheit liegt aber in der Mitte. Das wollte ich auch so rüberbringen.
Was praktisch nie erwähnt wurde: Thun ist Ihre erste Station als Klubtrainer!
Es ist nicht nur mein erster Klub, es ist mein Klub. Wir haben hier schon einmal ein Märchen geschrieben, vor gut 20 Jahren in der Champions League. Deshalb bin ich so stolz darauf, was wir jetzt geschafft haben.
In Thun werden Sie als fordernd beschrieben. Doch wenn es gut läuft, können Sie auch kulant sein. Begründen Sie damit diesen kontrovers diskutierten Ibiza-Urlaub mitten in der Endphase der laufenden Meisterschaft?
Wissen Sie, wie viele Mannschaften auch da waren? Nicht nur Fribourg-Gottéron und Schalke. Wer Fussball gespielt hat, weiss, dass man in einer Saison eine riesige Spannung aufbaut. Die muss irgendwie raus. Wären wir hier geblieben, wäre es danach wohl nicht besser herausgekommen. Vielleicht sogar das Gegenteil. Manchmal vergisst man die mentale Belastung. Mit dem Team habe ich schon lange abgemacht, dass sie ein paar Tage frei erhalten. Letztes Jahr haben wir es übrigens genau gleich gemacht.
Nach dem Aufstiegsspiel gegen Aarau?
Ja. Nur war die Resonanz jetzt viel grösser. Aber die Spieler waren diesmal nur drei Tage auf Ibiza. Nicht eine ganze Woche. Und wären andere Teams nicht da gewesen, hätten wir es trotzdem gemacht. Früher als Spieler wäre ich vor einem Trainer auf die Knie gegangen und hätte mich bedankt, hätte er nach einem solch grossen Erfolg fünf Tage freigegeben. Solche Erfolge müssen gefeiert werden.
Thun wirkte danach satt. Ob mit Ihnen oder ohne Sie: Wie wird der FC Thun wieder hungrig auf die nächste Saison?
Wichtig ist, die Vision von den Top 6 zu haben. Der FC Thun soll diese Ambition und den Mut behalten. Mit dieser Struktur, den guten Menschen hier und der Kontinuität haben wir eine fantastische Reise hingelegt und den Klub auf ein hohes Niveau gebracht.
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 38 | 28 | 75 | |
2 | FC St. Gallen | 38 | 25 | 70 | |
3 | FC Lugano | 38 | 17 | 67 | |
4 | FC Sion | 38 | 23 | 63 | |
5 | FC Basel | 38 | -3 | 56 | |
6 | BSC Young Boys | 38 | 11 | 55 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 38 | 10 | 53 | |
2 | Servette FC | 38 | 8 | 53 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 38 | -14 | 42 | |
4 | FC Zürich | 38 | -23 | 38 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 38 | -26 | 33 | |
6 | FC Winterthur | 38 | -56 | 23 |


