Darum gehts
- Granit Xhaka feiert 150. Länderspiel, prägende Figur in der Schweizer Nati
- Einziger Ausfall in 22 Endrunden-Partien war EM-Viertelfinal 2021
- Seit 2011 dabei, verpasste nur 1 EM, brachte Schweiz mehrfach weiter
Auf ihn ist seit seiner ersten Länderspielminute im Londoner Wembley am 4. Juni 2011 Verlass: Granit Xhaka. Der mächtige Strippenzieher der Schweizer Fussball-Nation, der Spielmacher, der das Tempo drosselt oder verschärft; der Mann mit dem untrüglichen Gespür für Raum und Zeit, zentral für die Statik der Mannschaft. Für seine Bewunderer ist Xhaka der beste Captain der SFV-Geschichte, Kritiker werfen ihm vor, sich mit eigener Agenda gelegentlich über das Team zu stellen; mit seiner Reichweite und seiner direkten Kommunikation können nicht alle gleich gut umgehen.
Fakt ist: Ohne ihn wären die letzten 15 Nati-Jahre anders verlaufen – womöglich langweiliger, ganz sicher weniger spektakulär und wohl auch weniger erfolgreich. Der ehemalige U17-Weltmeister hält das Nationalteam seit seiner Ankunft mit seiner forschen Mentalität auf Trab: «Ich will Weltmeister werden.» Genau diese Haltung habe der Crew Extrameilen ermöglicht, sagt Goalie-Trainer Patrick Foletti, der seit eineinhalb Dekaden zum Schweizer Coachingstab gehört. «Granit ist ein verdammter Mehrwert für diese Mannschaft! Er ist manchmal unangenehm, vielleicht nervig, aber es ist fucking notwendig, er tut einfach gut.»
Die endlose Konstanz
Die Nati hat seit Xhakas Einstand nur die EM 2012 verpasst. Sein Einfluss auf allen Ebenen ist beträchtlich, seine Handschrift auf dem Platz unverkennbar, die Zahlen sind imposant: Von den letzten 22 Endrunden-Partien hat der Captain wegen einer Sperre einzig die 120 Minuten im EM-Viertelfinal 2021 gegen Spanien (2:4 n. P.) verpasst. Seit sieben EM- und WM-Turnieren gehört er zur Stammformation. Die Marke von 150 Länderspielen ist eine magische Zahl, in Deutschland hat sie nur die Bayern-Legende Lothar Matthäus erreicht. Unmittelbar vor dem Eintritt in den exquisiten 150er-Zirkel sagt der Captain exklusiv zu Blick: «Ich kann diese Zahl noch gar nicht richtig fassen, es fühlt sich verrückt an, es ist unbeschreiblich. Eine traumhafte Marke, die mich extrem stolz macht.»
Von der Überfigur Xhaka profitieren alle: Coaches, Mitspieler, Fans – wie beispielsweise im EM-Achtelfinal 2021, als er mit einem Laserpass den Weltmeister Frankreich düpiert und der Schweiz den Weg zum geschichtsträchtigen Triumph ebnet. Sorgt er für den Unterschied, gibt es Applaus. In schlechten Momenten rückt das bissige Alphatier dafür unvermittelt in den Fokus der Unzufriedenen. Unberührt bleibt niemand, kein Schweizer Kicker polarisiert mehr – ob mit seiner Doppeladler-Gestik gewollt oder nicht, spielt gar keine Rolle. Xhaka ist im Umkreis der Landesauswahl immer ein wesentlicher Teil der Nachrichtenlage. Das Gros akzeptiert das, nur eine Minderheit fühlt sich deswegen vernachlässigt oder irritiert; so jedenfalls ist die vorübergehende (interne) Unruhe nach dem missratenen Katar-Auftakt (1:1) zu deuten.
Leadership lebt der asketische Jubilar täglich mit seiner direkten Art vor. In seinem Premier-League-Refugium gleichermassen wie in der Nationalmannschaft. Verliert er ein Trainingsspielchen, verflüchtigt sich der Ärger unter Umständen erst beim Abendessen. Er fordert von seinem direkten Umfeld sehr viel ein, weil er selber früh gelernt hat einzustecken. Lucien Favre, sein erster Trainer im Ausland, liess ihn in Mönchengladbach monatelang auf der Bank schmoren, bis der junge Xhaka die Lektion begriffen hatte und restlos alles seinem Aufstieg zum Schlüsselspieler unterordnete.
Die Angriffslust
Was ihn ausmacht, sind sein Temperament, seine Angriffslust, seine aufrechte Haltung. In Schlüsselmomenten taucht der Mittelfeldmotor an vorderster Front auf. Sein Instinkt ist verblüffend, seine Furchtlosigkeit ebenso. Wenn er Gefahr wittert, weicht der Basler nicht zurück. Im Gegenteil: Dann stellt er sich jeder Konfrontation. Unvergessen ist das Bild, wie er an der WM-Endrunde vor vier Jahren von der halben serbischen Mannschaft umzingelt wird und den Antipoden mit stechendem Blick die Stirn bietet. In Erinnerung bleibt auch, wie Xhaka in seiner ersten England-Saison die TV-Tirade des langjährigen BBC-Experten Danny Murphy wegsteckte. «Undiszipliniert und dreckig», zeterte der Ex-Liverpooler über den damaligen Arsenal-Leader. Die Replik? Der FA-Cup-Sieg.
Auch abseits des Rasens bleibt Xhaka standhaft. Er lässt sich von niemandem den Mund verbieten, schon mancher Medienchef hatte eine schlaflose Nacht seinetwegen. Zugunsten der Equipe legt er sich auch mit den Mächtigen an. Sein verbaler Frontalangriff auf den früheren SFV-Generalsekretär Alex Miescher, der im Nachgang zum trostlosen WM-Achtelfinal-Out gegen Schweden den Doppelbürger-Status zum Thema machte, ist beispiellos: «Ich denke, Alex hat seine Steinzeit-Kommentare, die auf die Schweizer Doppelbürger zielten, sicherlich hinterfragt.» Ein diplomatischer Rückzug in die Komfortzone käme für ihn in einer solchen Situation nie infrage, die Angst vor Konsequenzen ist für Xhaka keine Option.
Nebengeräusche haben den 33-Jährigen selten aus dem Konzept gebracht. Auch Shaqiris temporäre Avancen auf das Captain-Amt im Herbst vor sieben Jahren nicht. «Shaqiri kann das Captain-Bändeli haben, wenn er will.» Zack! Diskussion beendet. Dass wenige Tage vor dem kapitalen WM-Spiel gegen Algerien brisante Transferpläne (von Sunderland zu Chelsea) durchsickern, nimmt er im Team-Hotel stoisch zur Kenntnis. Spekulationen gehören für ihn zum Business, als Hauptdarsteller in England sind knackige Schlagzeilen im Lohn inbegriffen; die Nerven verliert die Nummer 10 deswegen nicht.
Die mentale Stabilität
Internationalen Gegenwind hält Xhaka aus, Angriffe aus allen Richtungen spornen ihn sogar an, die Skeptiker zu widerlegen. «Wie er mit dem ganzen Druck umgeht und immer wieder liefert, wenn es darauf ankommt und er kritisiert wird, das finde ich persönlich erstaunlich», beschreibt sein Bruder Taulant gegenüber Blick eine Eigenschaft, die ihn von vielen unterscheidet. Granit Xhaka ist ein Garant für die totale Fokussierung. Und was in seinem Fall neben seiner mentalen Stabilität nicht zu unterschätzen ist: seine fabelhaften Fitnesswerte. «Auf 150 Länderspiele kommt man nur, wenn man hart an sich arbeitet», sagt Taulant und legt sich ohne Zögern fest: «Ich darf mit Stolz sagen, dass mein Bruder der beste Schweizer Fussballer aller Zeiten ist.»
Die globale Bühne und ein Duell gegen seinen geschätzten Ex-Coach Vladimir Petkovic passen perfekt zur neuen Rekordmarke Xhakas. Er hat sich diesen nächsten Meilenstein verdient. Für den früheren Welttrainer Ottmar Hitzfeld ist die Ankunft im Kreis der Grössten keine Überraschung: «Granit ist ein Naturtalent.» Der zweifache Champions-League-Sieger hat Xhaka im Sommer vor exakt 15 Jahren zum Nati-Debüt verholfen und schwärmt von seinem einstigen Spieler: «Ein Stratege mit einer hohen Spielintelligenz und hervorragender Technik. Er ist ein Leadertyp und Motivator seines Teams.»







