Darum gehts
Oft sagen die nebensächlich scheinenden Dinge am meisten über den Charakter eines Menschen aus. Als Blick versehentlich eine Flasche Mineralwasser über die Sessel der VIP-Loge des Stadions Niedermatten kippt, zögert Alessandro Vogt keine Sekunde und schnappt sich einen Lumpen. Darauf angesprochen, dass es nun wirklich nicht seine Aufgabe sei, dieses Malheur zu bereinigen, antwortet er mit einem schüchternen Lächeln. Taten statt Worte.
Auf dem Rasen steigt Vogt furchtlos in jeden Zweikampf, leuchtet im Flutlicht wie der hoffnungsvollste Stürmer-Stern der Schweiz, schiesst spektakuläre Tore, jubelt emotional. Neben dem Rasen meidet er die Scheinwerfer, geht den Kameras aus dem Weg, hat noch nie länger mit einem Journalisten geredet. Taten statt Worte.
Dabei offenbart der 21-Jährige im Gespräch grosses Unterhaltungspotenzial. Dann, wenn er sich und seinen Papa selbstironisch auf die Schippe nimmt zum Beispiel. Beide haben beim FC Wohlen gekickt, beide sind mehr über die Mentalität als über die Technik gekommen. «Mein Vater war früher Innenverteidiger. Von ihm habe ich die Holzfüsse geerbt», sagt Vogt mit einem Schmunzeln.
Übername «Stolperi»
Wohlwissend, dass ihn dieses Thema seit Jahren verfolgt. Als Teenager fliegt er beim FC Aarau raus. Wegen angeblicher technischer Mängel. FCSG-Leitwolf Lukas Görtler sagte vor laufender Kamera mit einem Lachen, dass es Vogt im Training nicht schaffe, sechs Mal in Folge zu jonglieren. «Stolperi» wurde er im Kybunpark von seinen Teamkollegen genannt. Stören tut es ihn nicht. «Weil ich weiss, dass es eigentlich ja stimmt», sagt Vogt. Papa Roland meint: «Ich habe meinem Sohn immer gesagt: ‹Du musst nicht 1000 Mal jonglieren können, das braucht es alles nicht. In erster Linie musst du marschieren können, die Einstellung ist wichtig, der Charakter.›»
Und: die Torgefahr. An 23 Toren ist Vogt in dieser Saison direkt beteiligt. Kaum ein anderer Stürmer in diesem Land kombiniert physische Wucht mit diesem unbedingten Willen zum Abschluss. Kaum ein anderer sprintet zielstrebiger in den gegnerischen Strafraum und sorgt bei fast jeder Aktion für Gefahr. Zur Belohnung kickt der Shootingstar in der nächsten Saison für Hoffenheim. Zwar rieten sowohl FCSG-Coach Enrico Maassen als auch Präsident Matthias Hüppi dem 21-Jährigen von einem sofortigen Wechsel ab, Vogt aber wollte sich die Chance nicht entgehen lassen: «Niemand weiss, was morgen ist. Darum habe ich unterschrieben. Plötzlich bist du verletzt und dann?»
Hinter jeder Profi-Karriere stehen Menschen, ohne die es nicht möglich gewesen wäre. Hätte die Familie von Alessandro Vogt ihn nicht bedingungslos unterstützt, er würde vielleicht noch immer beim FC Wohlen kicken. Noch heute besuchen Papa Roland, Mama Pina und die beiden Schwestern Laura und Simona jedes Spiel des 21-Jährigen. Mit Goran Karanovic hat Vogt zudem einen Berater an seiner Seite, der einst selbst Stürmer war und weiss, was es braucht, um im Fussballbusiness erfolgreich zu sein.
Talent, Mentalität – und vor allem: Vertrauen. Hätte der damalige Wohlen-Coach Ryszard Komornicki im Frühling 2022 nicht auf Vogt gesetzt, er würde vielleicht heute noch unter dem Radar fliegen. Weil sie ihm beim FC Aarau einst sagen, dass es fussballerisch nicht reichen wird. «Alessandro ist zwar kein Edeltechniker, aber seine Laufwege und sein Abschluss sind top. Wer in der Super League soviele Tore schiesst, kann Fussball spielen», sagt Komornicki. Zum Sonntagsblick-Termin mit Vogt erscheint der Aarauer Meisterheld von 1993 als Überraschungsgast. Und er übernimmt für seinen ehemaligen Schützling jenen Job, den der Jungstürmer nicht gerne macht: Interviews vor laufender Kamera geben.
Hinter jeder Profi-Karriere stehen Menschen, ohne die es nicht möglich gewesen wäre. Hätte die Familie von Alessandro Vogt ihn nicht bedingungslos unterstützt, er würde vielleicht noch immer beim FC Wohlen kicken. Noch heute besuchen Papa Roland, Mama Pina und die beiden Schwestern Laura und Simona jedes Spiel des 21-Jährigen. Mit Goran Karanovic hat Vogt zudem einen Berater an seiner Seite, der einst selbst Stürmer war und weiss, was es braucht, um im Fussballbusiness erfolgreich zu sein.
Talent, Mentalität – und vor allem: Vertrauen. Hätte der damalige Wohlen-Coach Ryszard Komornicki im Frühling 2022 nicht auf Vogt gesetzt, er würde vielleicht heute noch unter dem Radar fliegen. Weil sie ihm beim FC Aarau einst sagen, dass es fussballerisch nicht reichen wird. «Alessandro ist zwar kein Edeltechniker, aber seine Laufwege und sein Abschluss sind top. Wer in der Super League soviele Tore schiesst, kann Fussball spielen», sagt Komornicki. Zum Sonntagsblick-Termin mit Vogt erscheint der Aarauer Meisterheld von 1993 als Überraschungsgast. Und er übernimmt für seinen ehemaligen Schützling jenen Job, den der Jungstürmer nicht gerne macht: Interviews vor laufender Kamera geben.
Behar Neziri lässt grüssen. Mit ihm teilte sich Vogt in der FCSG-Akademie zwei Jahre lang ein Zimmer, nach starkem Saisonstart aber riss sich der Sechser das Kreuzband und wird auch in der kommenden Saison in St. Gallen statt im Ausland spielen. «Behar ist eine wichtige Person für mich. Er war als Junior schon bei den Bayern, während ich lange nie in einer Nachwuchsakademie war. Er hat mir gezeigt, was es heisst, Profi zu sein. Seine Verletzung hat mich auch deshalb tief berührt und mir gezeigt, wie schnell es im Fussball gehen kann», sagt Vogt.
Aus dem Nichts in den Scheinwerfer
Sein Weg steht stellvertretend für die wohl berühmteste aller Fussballerfloskeln. Noch vor einem Jahr kannten nur Insider den Sturmtank aus dem Freiamt. Nun klopft der 21-Jährige an die Tür zur Nationalmannschaft. Dass es nicht für ein WM-Aufgebot gereicht hat, kann Vogt verstehen. Auch wenn er gerne dabei gewesen wäre. «Nach meinem Transfer zu Hoffenheim und dem Cupsieg mit St. Gallen habe ich mir noch ein wenig Hoffnung gemacht. Eine Nomination für die WM aber hätte mich überrascht. Weil ich in der Rückrunde noch mit einer Verletzung zu kämpfen hatte und ja noch gar nie für die A-Nati aufgeboten wurde.»
Auch von der Squadra Azzurra hat er bislang noch nichts gehört. Und das, obwohl er als Doppelbürger auch für das Land seiner Mutter auflaufen könnte. Pina Vogt-Valentino ist Neapolitanerin und grosser Juve-Fan. Und sie hat ihren Sohn nach Alessandro Del Piero benannt. Vogt, der perfekt italienisch spricht, sagt: «Ich habe einen grossen Bezug zu Italien. Im Sommer sind wir immer runter in den Süden zu unseren Grosseltern gefahren.»
Mitgenommen hat er von dort unter anderem seine religiöse Ader. «Ich bete vor jedem Spiel», sagt Vogt. Der Glaube hilft ihm, sich zu sammeln, den Fokus zu bewahren, cool zu bleiben. Auch in schwierigen Momenten. Und die gabs in seiner Karriere genug. Als sie ihm beim FC Aarau sagten, dass es nicht für eine Laufbahn als Fussballer reichen werde zum Beispiel. Vogt aber hat nie gezweifelt: «Ich wusste immer, dass ich irgendwann Fussballprofi werden würde.»
Pechvogel im Cupfinal
Hat ganz gut geklappt. Bisheriger Höhepunkt ist der Cupsieg mit den Espen. Auch wenn Vogt im Final zum grossen Pechvogel wird. Weil Lukas Watkowiak die Rote Karte sieht, muss der Stürmer aus taktischen Gründen weichen. Sauer ist er deswegen nicht. «Das Wichtigste ist, dass ich mich mit einem Sieg aus St. Gallen verabschieden konnte. Es ist eine Last von meinen Schultern gefallen.»
Dass es ausgerechnet der Cupsieg ist, sei Schicksal, so Vogt. Weil seine Karriere ebenfalls im Cup ihren Anfang nahm. Im Frühling 2022 schiesst sich der Teenager für Wohlen gegen Super-Ligist Servette zum ersten Mal ins Rampenlicht.
Vier Jahre später ist aus dem schüchternen jungen Mann der Stürmer-Shootingstar der Schweiz geworden. Und ein Typ, den sie in St. Gallen schmerzlich vermissen werden. Mit einem «VOGOAT»-Trikot wurde Vogt verabschiedet. GOAT steht für den Grössten aller Zeiten. Gar nicht mal so schlecht für einen angeblichen Stolperi.
