Darum gehts
Blick: Urs Fischer hat im letzten Frühjahr Mainz wiederbelebt. Warum kommt der Zürcher mit seiner pragmatischen Art so gut an in Deutschland?
Didi Hamann: Urs besitzt eine natürliche Autorität. Er ist da, um Spiele zu gewinnen, nicht, um die Leute zu unterhalten. Jeder hört auf Fischer. Der Trainerjob ist anspruchsvoll, aber keine Kernphysik. Du musst die Mannschaft hinter dich bringen, Menschen führen. Das gelingt ihm dank seiner unnachahmlichen Art. Was er mit Union gemacht hat, wird es so wohl nie mehr geben. Er holt das Beste aus den Spielern heraus, ihm vertrauen sie; das ist die halbe Miete. Ich würde Urs Fischer gerne einmal bei einem Topverein sehen.
Fischers Ex-Verein Union wird neu von Mauro Lustrinelli dirigiert. Hand aufs Herz: Wie viele deutsche Sportchefs hatten den Thuner Titel-Hexer auf dem Zettel?
Die Leute haben schon wahrgenommen, dass Thun in der Schweiz Erster war. Da schaust du natürlich auch mal drauf, wer der Trainer ist. Die Entscheidungsträger im Geschäft hatten ihn auf dem Zettel.
Bei Gregor Kobel keimt nach jeder guten BVB-Saison die gleiche Diskussion auf: Wann wechselt der Nati-Keeper in die Premier League?
Vielleicht will Kobel ja gar nicht nach England (lacht). Greg halte ich für einen hervorragenden Torhüter. Als 28-Jähriger hat er seine beste Zeit womöglich noch vor sich. In der Premier League gibt es zwei, drei Teams, die einen guten Goalie gebrauchen könnten. Er ist bei einem tollen Verein und muss für sich entscheiden: Spielst du lieber in der Champions League oder spielst du in England um Platz 10? Bisher lag wohl kein Angebot eines Topvereins auf dem Tisch. Nach der guten WM halte ich einen weiteren Sprung nach vorne für möglich, zumal er weniger oft verletzt ist als früher.
Wann startet Fabian Rieder endlich richtig durch?
Fabian spielt bei einem etablierten Bundesliga-Verein. Augsburg lebt allerdings in erster Linie von der Physis. Da braucht es auch Spieler, die für den anderen Teil verantwortlich sind. Rieder muss jetzt 30 von 34 Partien spielen und 25-mal Leistung zeigen. Jeder wird für ihn mitarbeiten, wenn er pro Spiel vier, fünf Chancen vorbereitet. Diese Konstanz hat er in den letzten Jahren nicht geschafft.
Mainz-Captain Silvan Widmer ist der älteste der 13 Schweizer in der Liga.
Fischer weiss, was er an ihm hat. Er wird weiterhin zu seinen Spielen kommen. Widmer ist ein unglaublich wichtiger Spieler, ein Faktor in der Garderobe. Einer, der dir hilft, Spieler einzubauen.
Der junge Gegenentwurf ist Alessandro Vogt. Kommt die Schweizer Stürmer-Hoffnung in der gut bestückten Offensive Hoffenheims überhaupt zum Zug?
Für einen jungen Spieler könnte ich mir schlechtere Mannschaften vorstellen als Hoffenheim. Das Team funktioniert, der Druck auf ihn ist noch nicht so gross. Ich sehe keinen Grund, weshalb man ihm keine Chance geben sollte. Dann macht er ein erstes Tor, die Brust wird breiter. Denken wir an den jungen Pavlovic, den Tuchel vor drei Jahren integriert hat. Inzwischen ist er mehr oder weniger Stammspieler in der Nationalmannschaft. Wenn Sportchef Schicker Vogt holt, ist das keine schlechte Referenz.
Werfen wir einen Blick auf den Hauptschauplatz München. Superstar Jamal Musiala ist zweimal auf dem Platz zusammengebrochen – wie sehr wird dieses Drama in der Garderobe zum belastenden Thema?
Ich tue mich schwer damit, bei ihm derzeit über den sportlichen Kontext zu sprechen. Seine Gesundheit steht im Vordergrund, alles andere wird sich von selber ergeben. Die Bayern sagen, sie wüssten schon länger davon, der Umgang damit sei Alltag geworden. Aber diese Szenen will niemand sehen. Was es mit der Mannschaft macht, weiss ich nicht. Wichtig ist, dass er gesund wird. Alles andere ist sekundär!
Die Torhüter-Ikone Manuel Neuer ist 40. Gelingt es den Bayern, ihn würdig zu verabschieden?
Jeder geht davon aus, dass es seine letzte Saison ist. Jonas Urbig wird das eine oder andere Spiel mehr bekommen. Da erwarte ich kein grosses Thema, die Konstellation ist günstig: Neuer stützt und fördert ihn – das war bei Nübel anders. Es wird erst dann eine Debatte geben, wenn Urbig zur Nummer 1 aufsteigt. Zu wissen, dass alles an einem hängt, ist eine andere Geschichte.
Kehrt der überragende Gentleman-Stürmer Harry Kane nach England zurück? Oder gibt es für den 33-Jährigen einen letzten grossen Deal in München?
Harry Kane führt Gespräche mit den Bayern. Mit einer Rückkehr nach England rechne ich nicht. Er fühlt sich mit seiner Familie sehr wohl in Deutschland. Harry ist ein Sympathieträger, ein Teamspieler. Ich gehe davon aus, dass die Bayern die Verlängerung hinbekommen.
Ein Wort zu Vincent Kompany, der 2024 nicht die erste Wahl war.
Ob er erste, zweite oder siebte Wahl war, spielt keine Rolle. Wenn du den Vertrag unterschreibst, bist du der erste Mann. Er macht es hervorragend, strahlt eine unheimliche Ruhe und eine wahnsinnige Autorität aus. Vincent hat die Kabine im Griff, die Spieler folgen ihm. Daran sind bei Bayern schon einige gescheitert.
Wer ist der erste Verfolger? Leipzig mit dem Ex-Bayern-Star Demichelis an der Spitze, der ewige Zweite BVB oder Leverkusen, das über 100 Millionen Euro investiert hat?
Den BVB sehe ich am nächsten hinter dem Meister. Sie können an guten Tagen mit den Bayern mithalten, aber wenn sie wieder über 80 Punkte holen, ist praktisch nichts auszurichten. Mit Karetsas und Konstantelias hat Dortmund zwei sehr kreative Spieler geholt, die sehr jung sind. Offen ist, wie lange sie brauchen, um sich in der Bundesliga zu akklimatisieren.
Und der VfB Stuttgart?
Stuttgart folgt für mich direkt danach. Der VfB ist gewachsen. Er spielt einen sehr guten Fussball mit extrem spannenden Fussballern. Auf sie freue ich mich. Sie sind auch in der Lage, mit dem Ball Spiele zu kontrollieren. Sebastian Hoeness ist für mich der interessanteste Trainer des Landes.
Wo orten Sie den ersten Brennpunkt?
Der neue Leipzig-Trainer Martin Demichelis wird am Vorgänger gemessen. Ole Werner wurde hervorragender Dritter und musste gehen. An der krassen Wertsteigerung von Yan Diomande (zu Real Madrid) war er massgeblich beteiligt. Die Trainerdiskussion wird in Leipzig noch früher losgehen.
Der Bundesliga-Marktwert wird bei rund 5 Milliarden angesetzt, die Serie A und La Liga sind in den Top-5-Ligen höher bewertet, England spielt mit über 13 Milliarden in einer ganz anderen Liga.
Es wird mit ungleichen Mitteln gekämpft. In England sind Ablösesummen von 100 Millionen keine Ausnahme. Bis auf die Bayern kann da keiner mitbieten. Mit dem Financial Fairplay wollten sie diese Strömungen einschränken; es scheint nicht zu gelingen. Eine Ausbildungsliga ist Deutschland nicht, das ist mir zu hart. Sie braucht sich vor keiner anderen Meisterschaft zu verstecken. Nur: Wenn ein Spieler für 20 Millionen kommt und ein Jahr später offeriert ein Verein 50 Millionen, dann muss der Sportvorstand ihn ziehen lassen.
Said El Mala hat in Köln trotz erstklassiger Offerten um fünf Jahre verlängert. Steigt der 20-Jährige nun auch ligaweit zur Attraktion auf?
Der Junge scheint ein sehr gutes Umfeld zu haben, er wirkt sehr geerdet. Deshalb hat mich seine Vertragsverlängerung nicht allzu überrascht. Neben ihm wird Finn Jeltsch für richtig fette Headlines sorgen. Der 20-Jährige ist in der Innenverteidigung von Stuttgart ein grosses Versprechen. Er wird schon dieses Jahr in der Nationalmannschaft eine Rolle spielen.
Der Dorfverein Elversberg ist erstklassig, ein Gigant wie Hertha Berlin steckt in der Zweitklassigkeit fest.
Die Hertha hat immer wieder mit internen Problemen zu kämpfen, mit politisch motivierten Umstürzen, mit Investoren-Wechseln. Elversberg hat sich sportlich qualifiziert. Sie zeigen, was möglich ist, wenn man eine Gemeinschaft kreiert. Trotzdem wird es für sie wohl nicht reichen. Paderborn und Schalke sind ebenfalls gefährdet, und bei Bremen habe ich auch etwas Sorge.


















