Darum gehts
- Freiburg trifft heute im Europa-League-Final in Istanbul auf Aston Villa
- 62’000 Ticketanfragen, 11’000 Freiburg-Fans reisen ins Stadion von Besiktas
- Nils Petersen: Rekordjoker geniesst Ruhestand, bleibt dem Fussball als Experte treu
«Es fühlt sich surreal an.» Die Freiburg-Legende Nils Petersen (37) muss selber kurz lachen, als er im Gespräch mit Blick über den SC Freiburg und den Europa-League-Final spricht. Wenige Stunden vor dem Endspiel gegen Aston Villa in Istanbul hat er noch immer nicht ganz verarbeitet, was gerade passiert.
«Das ist fast so, als würde ein Zweitligist den Pokalfinal erreichen», sagt Petersen. Entsprechend riesig ist die Euphorie rund um den Klub. 62'000 Fans fragten Tickets an. Rund 11'000 glückliche Freiburg-Fans werden im Stadion von Besiktas erwartet. Darunter auch der frühere Stürmer.
Petersens Leben nach der aktiven Karriere
277 Mal trug Petersen das Trikot des SC. Erst vor wenigen Wochen wurde er von Vincenzo Grifo (33) als Rekordtorschütze des Klubs abgelöst. Einen Rekord hält Petersen aber weiterhin: Kein Bundesliga-Spieler traf häufiger als Joker. Heute kickt er nur noch zum Plausch in der Kreisliga. Ob er am Mittwoch für einen Tag gerne nochmals Profi wäre? «Eigentlich gar nicht. Ich geniesse meinen neuen Alltag sehr. Als Experte bin ich trotzdem nah dran am Fussball – einfach ohne selbst zu spielen», sagt er und lacht.
In zehn Tagen arbeitet Petersen beim Champions-League-Final als TV-Experte. In Istanbul ist der Saisonkarten-Inhaber dagegen privat unterwegs. Auf die Entwicklung des Klubs blickt er voller Begeisterung. «Es ist fast schon beängstigend, dass es seit Jahren nur in eine Richtung geht.»
SCF als Beispiel für viele
Der beschauliche Klub aus Südbaden hat sich längst zu einer festen Grösse im deutschen Fussball gemausert und sich in andere Dimensionen katapultiert. «Mittlerweile sind wir interessanter als viele andere Vereine», findet Petersen. Tatsächlich steht Freiburg wie kaum ein anderer Verein für Kontinuität. Während anderswo ständig Trainer wechseln, setzt man im Breisgau in sämtlichen Bereichen seit Jahrzehnten auf Stabilität. Der Vergleich mit dem FC Basel ist brutal (siehe Grafik).
Dabei hatten viele befürchtet, dass nach der Ära von Christian Streich (60) schwierigere Zeiten folgen würden. Stattdessen steht Freiburg nun plötzlich in einem europäischen Final. «Ich habe dieses Understatement beim SC immer gerne mitgetragen. Das ist jetzt vorbei. Wenn du in einem europäischen Endspiel stehst, bist du kein kleiner Verein mehr», sagt Petersen.
«Gewisse Modernität gegeben»
Die Handschrift von Streich sei unter Julian Schuster (41) zwar immer noch erkennbar, findet Petersen. «Gleichzeitig ist Julian näher an der Mannschaft, weil er jünger ist und die Sprache der Spieler besser spricht. Er hat dem Ganzen eine gewisse Modernität eingehaucht.» Er verkörpere alles, was ein Trainer heute brauche. «Es wundert mich gar nicht, dass er erfolgreich ist.»
Einer, der enorm von Schuster profitiert, ist Nati-Star Johan Manzambi (20). Von ihm ist Petersen besonders angetan. «Sehr gross», sei sein Anteil am Freiburger Erfolg. «Er strahlt eine unglaubliche Ruhe und gleichzeitig eine positive Arroganz aus. Du hast als Gegner ständig das Gefühl, dass du ihm den Ball sowieso nicht abnehmen kannst.» Manzambi erinnere ihn an Naby Keita zu Leipzig-Zeiten. «Für einen Trainer ist solch ein Spieler ein Geschenk, weil er taktisch extrem flexibel einsetzbar ist.»
Die Sache mit Johan Manzambi
Auf Manzambi ist Petersen erst in dieser Saison aufmerksam geworden. «Plötzlich war er einfach da und kurze Zeit später nicht mehr wegzudenken.» Freiburg-Legende Nicolas (Chicco, Anm. d. Red.) Höfler habe ihm allerdings früh vom Genfer erzählt. «Er sagte mir schon früh: ‹Da kommt mit Manzambi richtig Qualität nach.›»
Zeigt sich Manzambi auch im Final von seiner besten Seite, rechnet sich Petersen durchaus Chancen aus. «Dass es nur ein Spiel ist, hilft Freiburg. Über zwei Spiele setzt sich meistens die grössere individuelle Qualität durch – und die hat Aston Villa schon auch.» Die Underdog-Rolle liege Freiburg aber. «Und im Vergleich zum verlorenen Pokalfinal vor vier Jahren hat man diesmal das Gefühl: Die wollen den Titel wirklich holen.»
Der grosse Wunsch von Petersen
Was Petersen im Fall des Triumphs in Kauf nehmen würde? «Einiges.» Vor allem aber würde er sich für seine ehemaligen Mitspieler freuen. Und nach der geschenkten Pizza für Grifo, als dieser ihm den Rekord als Freiburgs bester Torschütze abnahm, hätte er diesmal selbst einen Wunsch, sollte der Titel tatsächlich gelingen: «Sie müssten mir einfach Zeit schenken», sagt Petersen lachend. «Ich hätte so viele Fragen. Ich würde alles aufsaugen wollen – jeden Moment, jede Szene, jedes Gefühl. Ob der Siegtreffer von Vince (Grifo, Anm. d. Red.) oder der entscheidende Penalty von Chicco: Ich würde einfach alles hören wollen.»


