Noch immer haben die Mädels – so nennt Emiddio Sansone die Spielerinnen seines Fussballteams – etwas Angst wegen seiner Krankheit. «Sie beschützen mich vor dem Ball. Wenn mich dann trotzdem mal einer trifft, haben sie ein schlechtes Gewissen und entschuldigen sich.» Alles easy, sagt der 45-Jährige jeweils. Den letzten Knochenbruch hatte er vor acht Jahren: Beim Basketballspielen flog er aus dem Rollstuhl, das gebrochene Becken musste operiert werden, nach einem Monat Bettruhe setzte er sich wieder in den Rollstuhl. Sansone lacht. «Ich bin ein Kämpfer, habe einen unbändigen Willen.»
Seit zehn Monaten ist der gebürtige Italiener Cheftrainer der C-Juniorinnen des Fussballklubs Spielvereinigung (Spielvi) Schaffhausen. Spielvi-Präsident Michael Kummer: «Emiddio ist eine grosse Bereicherung für unseren Klub. Er bringt enorm viel Herzblut in seine Arbeit als Trainer.»
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Die Infrastruktur des Klubs habe einige Hürden für einen Rollstuhlfahrer. «Umso beeindruckender, mit welcher Selbstverständlichkeit er diese meistert.» Sansone ist dankbar für die Anstellung. «Die Leute im Klub sehen mich als Person, nicht als Rollifahrer.» Die 12- bis 14-jährigen Spielerinnen seines Teams hätten von Anfang an gut auf ihn reagiert, erzählt Emiddio Sansone – er ist ein Mann von positivem und fröhlichem Wesen. Für ihn gibts bei jedem Problem eine Lösung. Gleich beim ersten Training hat er sie gefragt: «Was wollt ihr von mir wissen?» Zum Rollstuhl und zu seiner Krankheit kam keine Frage. Als dann doch einmal eine entsprechende Frage kam, klärte Sansone auf. Seit Geburt hat er mit Typ III die schwerste Form der Glasknochenkrankheit, ist auf einen Rollstuhl angewiesen. Gehen geht fast nicht: Wegen Muskelschwäche muss er sich nach zehn Minuten wieder hinsetzen. «Es ist wie bei einem Glas. Wenn es runterfällt, zerspringt es in unzählige Teile.»
Schon bei der Geburt in der Nähe von Neapel ging erstmals etwas zu Bruch: zwei Rippen. Als er ein Jahr alt war, zogen seine Eltern mit ihm in die süddeutsche Stadt Singen unweit des Rheins, seither lebt er dort. Schon viele der rund 210 Knochen eines Menschen hat er sich gebrochen. «Als Kind hatte ich fast alles mal im Gips.» Die Eltern und Ärzte sagten immer, er solle aufpassen. «Das war mir egal. Ich war ein kleiner Schlawiner, auch heute noch.» Bei 200 Brüchen hat er aufgehört zu zählen, da war er ein Teenager. Seither hat er sich nur noch gelegentlich Verletzungen zugezogen. «Das hängt vor allem damit zusammen, dass ich meine Muskeln trainiere.» Diese braucht er zum Beispiel, wenn er seinen Rollstuhl von zu Hause zum Fussballplatz in Schaffhausen bewegt. Von seiner Wohnung, in der er als Single lebt, bis zum Bahnhof Singen hat er 20 Minuten, «und ich fahre zügig». Von seinem Wohnort nimmt der ausgebildete Eventmanager den Zug, zum Spielfeld den Bus. Sansone schmunzelt. «Das Einzige, was mich aufhält, sind Stufen.» Drei Monate lebte er allein in Australien. «Wenn ich im Zug oder Flieger sitze, fühle ich mich frei.»
Während Jahren schrieb und produzierte er Hip-Hop-Songs, tourte damit als Rapper durch Deutschland. Seine Songs legt er noch heute bei Spendenveranstaltungen für Krebskranke auf. Immer wieder setzt er sich für die Anliegen von Menschen mit Behinderung und deren Integration ein. Immer wieder wird er angesprochen: Bist du nicht dieser Fussballtrainer? Mach weiter so! «Darauf bin ich stolz.» Sein Vater nahm Baby Emiddio zu jedem Heimspiel des SSC Napoli mit. «Mein Herzensklub!» Sein Idol: Diego Maradona. Der 2020 verstorbene argentinische Superstar spielte von 1984 bis 1991 für Neapel. Als Achtjähriger war er im Stuttgarter Stadion, als Maradonas Team nach dem zweiten Finalspiel gegen den VfB die Uefa-Cup-Trophäe in Empfang nahm. «Ich durfte den Pokal anfassen, ein magischer Moment.» Dass Italien nicht an der WM in den USA dabei ist, nimmt er sportlich. «Ich glaube, dieses Mal schafft es eine kleinere Nation – wieso nicht die Schweiz?» Natürlich verfolge er die WM am TV. «Am liebsten mag ich Mannschaften, die offensiv spielen.»
«Menschliches Vorbild»
1995 erlebt Emiddio Fussball erstmals an der Seitenlinie, erst als Schiedsrichter, dann als Trainer bei der E-Jugend des ESV Südstern Singen. Seither ist er in seiner Freizeit als Fussballtrainer, Spielanalyst und Scout tätig. 2024 erhält er die erste Anstellung bei einem Schweizer Verein: Er coacht die C-Junioren des FC Rafzerfeld bei Zürich. Das Schweizer Fernsehen berichtet über den ersten Rollstuhlfahrer in dieser Funktion. Seit Mai 2025 besitzt er das C-Basic-Diplom des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), im Herbst beginnt er mit der Ausbildung zur Uefa-C-Lizenz. Sein Ziel: eine höherklassige Klubmannschaft trainieren. Neu arbeitet Sansone mit dem SFV zusammen. Dieser bringt bis Ende 2026 einen Leitfaden für Breitenfussballvereine heraus – mit einer Checkliste, wie Vereine ihr Gelände rollstuhlzugänglicher gestalten können. Rebecca Wyer vom SFV: «Für die Erarbeitung des Leitfadens hat uns Emiddio viele wertvolle Tipps gegeben.»
Sportplatz Bühl: Sansones Team trägt ein Heimspiel gegen die C-Juniorinnen des FC Räterschen aus. Sansone kurvt in der Coachingzone hin und her, ruft seinen Spielerinnen Tipps zu: «Eure Schuhe müssen brennen!» Eine der Spielerinnen ist Jana, Tochter von Renato Gligoroski, Cheftrainer der FCZ Frauen. In der Pause sagt die 13-Jährige: «Emiddio ist ein guter Trainer. Für uns alle ein menschliches Vorbild. Er fordert und fördert uns. Er hat ein sonniges Gemüt, mit ihm ist immer gute Stimmung.» In der zweiten Spielhälfte kommts zu einer gefährlichen Situation: Ein scharfer Ball wird Richtung Emiddio abgelenkt, dieser zieht geistesgegenwärtig den Kopf ein, das Geschoss zischt am Ohr vorbei. Er lacht nur. «No risk, no fun!»


