Darum gehts
- Der FC St. Gallen gewinnt den Schweizer Cup und feiert ausgelassen
- Zehntausende Fans pilgern nach St. Gallen, füllen den Marktplatz
- FCSG, gegründet 1879, ist zum zweiten Mal in seiner Geschichte Cupsieger
Nein, langweilig wirds beim FC St. Gallen nun wirklich selten. Ein stinknormaler Sieg gegen SLO? Nicht mit den Drama-Königen in Grün-Weiss. Dass Lukas Watkowiak die Rote Karte sieht, musste einfach sein. Damit der chronisch erfolglose Klub seine Anhänger noch ein bisschen länger auf die Folter spannen kann.
Als der Sieg dann aber endlich in trockenen Tüchern ist und Christian Witzig den dritten Treffer erzielt, brechen alle Dämme. Eine ganze Region erlöst sich nach 26 titellosen Jahren. Zeit für das Feier-Protokoll der Espen.
16.02 Uhr: Schiri Cibelli trillert in seine Pfeife, der FCSG ist zum zweiten Mal in seiner 147-jährigen Geschichte Cupsieger. Auf dem Platz wird Leitwolf Lukas Görtler unter einer grün-weissen Büffelherde begraben. Vom Himmel regnets Papierfetzen.
16.33 Uhr: Captain Lukas Görtler stemmt die Sandoz-Trophäe in die Höhe und reicht sie seinen Teamkollegen weiter. Chima Okoroji sagt: «Das Ding ist ziemlich schwer. Vor allem, wenn er mit Bier gefüllt ist.»
17.02 Uhr: Die Cupsieger bleiben sehr lange auf dem Berner Kunstrasen, kommen runter, geniessen den Moment gemeinsam mit Familie und Freunden. Erst nach einer Stunde erscheint der erste Spieler in der Mixed Zone.
17.35 Uhr: Christian Witzig weiss nichts von einem Party-Plan, will sich in der Stadt einfach treiben lassen. Auch Lukas Görtler will die Feier einfach auf sich zukommen lassen.
18.55 Uhr: Die ersten Fans kehren mit dem Zug aus Bern nach St. Gallen zurück und marschieren direkt in die Innenstadt.
21.10 Uhr: Auf dem Marktplatz herrscht ein dichtes Treiben, der FCSG hat eine kleine Bühne aus dem Boden gestampft. Die Menge kann es kaum erwarten, bis die Cup-Helden eintreffen.
21.40 Uhr: Der Marktplatz wird gesperrt, weil zu viele Leute gekommen sind. Insgesamt pilgern mehrere Zehntausend Menschen ins Zentrum der Stadt
.
21.58 Uhr: Die Cup-Helden betreten unter tosendem Applaus die Bühne. Lukas Görtler schnappt sich das Mikrofon und moderiert die Feier wie ein alter Showhase. Als er Chima Okoroji vorstellt, wählt er ein nicht jugendfreies Wort, um dessen Leistung in dieser Saison zu beschreiben.
22.21 Uhr: Präsident Matthias Hüppi ist an der Reihe und lobt den Teamgeist der Cupsieger-Elf. «Das ist eine Mannschaft, die zusammenhält. Der FCSG ist aber nicht nur auf dem Platz ein Team, sondern funktioniert auch hinter den Kulissen hervorragend.» Zwar erwähnt Hüppi als Beispiel jene Menschen, die für die Wäsche verantwortlich sind. Aber seine Aussage ist wohl auch eine Anspielung darauf, dass es im Hintergrund brodelt. Weil das Grossaktionariat mehr Einfluss im VR möchte. Nach dem Cup-Sieg sagte Hüppi im SRF: «Es ist unvorstellbar, dass in der besten Phase der Klubgeschichte nicht alle geschlossen hinter uns stehen.»
22.33 Uhr: Alessandro Vogt kriegt das Mikrofon, aber er ist fast zu schüchtern, um zu reden. Dann kriegt der Bald-Hoffenheimer zum Abschied ein Trikot mit der Nummer 69 und dem Namen «Vogoat» hinten drauf. Wer auch immer für dieses Wortspiel verantwortlich ist, sollte vielleicht noch einmal über die Bücher.
22.35 Uhr: Ein Marketingfachmann drückt Görtler das neue Trikot für die nächste Saison in die Hand und fordert den Captain auf, es auf der Bühne anzuziehen. Dieser aber sagt: «Wir sind zum Feiern hier und nicht zum Trikotpräsentieren.» Ausgezogen hat das Trikot Christian Witzig. Nach dem Treffer zum 3:0.
22.40 Uhr: Görtler stellt Tom Gaal als Man of the Cupfinal vor und brüllt dermassen laut, dass er wohl noch im Alpstein oben zu hören ist.
22.45 Uhr: Als Letzter schnappt sich Mihailo Stevanovic das Mikrofon und verkündet herzige Neuigkeiten. «Ich werde heute abgehen, weil ich in den nächsten beiden Tagen im Spital sein werde. Meine Frau ist schwanger.» Tosender Applaus.
23.03 Uhr: Görtler wird zum Abschluss zum Sängerknaben und stimmt den Espenmoos-Song an. Zehntausende Kehlen stimmen mit ein. Ein magischer Moment für die ganze Region.
23.09 Uhr: Die Mannschaft verlässt die Bühne, einzig Carlo Boukhalfa, Lukas Watkowiak und Lukas Görtler sind noch drauf. Erstgenannter legt ein Tänzchen aufs Parkett.
23.12 Uhr: FCSG-Coach Enrico Maassen gibt einen Einblick in sein Seelenleben: «Wahnsinn, was hier abgeht. Um das alles richtig einzuordnen, braucht es Zeit.»
23.20 Uhr: Lukas Görtler ist nicht von der Bühne zu kriegen, posiert mit Fans, stemmt den Kübel, grinst über beide Backen.
23.35 Uhr: Die Mannschaft verabschiedet sich geschlossen ins Alpenchique. Ein Club, der gemäss seiner Homepage «Chalet-Charme mit Extravaganz» kombiniert.
Es ist ein Slogan, der zu den Drama-Königen in Grün-Weiss passt. Weil normal einfach nicht zu gehen scheint.
