Darum gehts
- Lukas Görtler kann sich beim FC St. Gallen unsterblich machen
- Familie reist mit fünf Autos für den Cupfinal an
- Görtler hat Achterbahn-Karriere hinter sich
Wer genau wissen möchte, warum sich Lukas Görtler in der ländlichen Ostschweiz so wohlfühlt, braucht von St. Gallen aus bloss 412 Kilometer in den Norden zu fahren. Nach Kemmern, einem Pfarrdorf in Oberfranken nahe Bamberg. Direkt am Main. Idylle pur. Eine Brauerei, ein Landgasthof, ein Kirchturm, keine Einkaufsmöglichkeiten. Ein Bäcker, der nur halbtags offen hat. Und, Herz und Seele des Dorfs: das Sportgelände hinter der Mainbrücke.
Dort, wo Lukas Görtler seine ersten Schritte als Fussballer tat. Papa Bernhard, der damals bei den F-Junioren sein Trainer war, erinnert sich, als sei es gestern gewesen: «Luki war knapp drei Jahre alt und konnte es kaum erwarten, endlich mit zu trainieren. Schon früher war er immer dabei, stand am Rand, hat alles aufgesogen. Er hat zwei ältere Brüder, Nicolas und David, und er eiferte den beiden nach.»
Nicolas hat es ebenfalls zum Profi geschafft, kickte für Schweinfurt, Wehen Wiesbaden und Eintracht Bamberg. Einer vertrauenswürdigen Quelle zufolge war er nicht schlechter als sein kleiner Bruder. «Lukas aber hatte mehr Ehrgeiz, und mir haben die Familie und die Freunde gefehlt. Darum bin ich zum SC Kemmern zurückgekehrt», sagt Nicolas.
«Ein Knipser war er nicht»
Dort kickt er noch immer. Zusammen mit seinem Bruder. Papa Bernhard ist im Sportvorstand und beim Sportklub eine Legende. Von 1981 bis 2006 kickte er im Sturm, absolvierte über 900 Spiele, erzielte 500 Tore. In seiner letzten Saison spielt er zusammen mit seinem ältesten Sohn David. Bezirksliga. Nach seinem Rücktritt übergibt Bernhard ihm die Nummer 9.
Lukas Görtler hingegen sei nie ein richtiger Stürmer gewesen, wie sein langjähriger Juniorentrainer Peter Altenbach verrät. «Er war eher im Mittelfeld zu Hause, auch wenn er auf dem Platz fast überall zu finden war. Er war einer wie Günter Netzer, der das Spiel lesen konnte. Er wusste schon als ganz kleiner Junge, wann Einwurf und wann Eckball ist. Er war vom Kopf her viel weiter und reifer als seine Mitspieler. Ein Knipser aber war er nicht.»
Görtlers haben acht Doppelzimmer gebucht
Der Mann für die wichtigen Tore ist Görtler beim FC St. Gallen gleichwohl. Im Cup-Halbfinal gegen Yverdon bringt er die Espen in der ersten Halbzeit nach einem Abstaubertor in den Final, insgesamt hat er in seinen 241 Pflichtspielen für die Espen 46 Tore erzielt und 46 weitere aufgelegt. Am Sonntag will sich der von den FCSG-Fans als Fussballgott gefeierte Captain unsterblich machen und eine titellose Generation für immer erlösen. Acht Doppelzimmer am Rorschacherberg haben die Görtlers gebucht, mit fünf Autos reiste die Familie am Samstag in die Schweiz, guckte dort am TV das deutsche Pokalfinale und reist am Sonntag mit dem Zug nach Bern, wo sie am Fan-Marsch teilnehmen wird.
«Nervös», sei er, sagt Bernhard Görtler. Die Wunde nach dem verlorenen Cupfinal gegen Lugano vor drei Jahren ist noch frisch. «Alle hatten damals so grosse Hoffnungen und wurden am Ende enttäuscht.» Nach dem Spiel gegen SLO am Sonntag werde er so oder so weinen, so Bernhard. «Entweder aus Freude oder aus Traurigkeit.»
Holt sein Sohn am Sonntag den Kübel, würde sich Görtler gleichzeitig zum wohl grössten Spieler der Vereinsgeschichte machen. Klar, Marc Zellweger ist Kult, Rekordspieler, hat über 500 Mal Grün-Weiss getragen, wurde vor 26 Jahren Meister. Aber er stand bei der grössten Niederlage der Klubgeschichte, beim 3:11 gegen Wil für den Gegner auf dem Feld. Und der eher schüchterne Winterthurer hatte nicht denselben Einfluss auf die Teamchemie, auf den Klub, auf die ganze Region, wie der Mann aus Kemmern.
Reizfigur, Provokateur und umweltbewusst
Görtler hat meist einen lockeren Spruch auf den Lippen und ist ein erfrischender Ausgleich zur sonst doch eher faden Interview-Suppe. Auf dem Platz ist er eine Reizfigur, von den Gegnern als grösster Provokateur der Liga verflucht. Neben dem Rasen ist er ein Typ, der über den Tellerrand hinausblickt, sich Sorgen um die Zukunft macht, Lösungen sucht, anpackt.
Er organisiert Fahrräder für seine Teamkollegen, damit die nach dem Training nach Hause radeln können, statt im Stau zu stecken, rechnet aus, wie viel CO2 damit gespart wird. Und als er vor sieben Jahren beim FCSG unterschreibt, macht er sich bei Boss Matthias Hüppi schnell dafür stark, dass die PET-Flaschen aus der Garderobe verschwinden und jeder Spieler eine Aluflasche erhält. Weil der gelernte Industrie-Informatiker ausrechnet, dass die erste Mannschaft pro Jahr 15 000 Plastikflaschen verbraucht.
Mit wem auch immer man im Umfeld des Vereins spricht, ausnahmslos alle schwärmen in den höchsten Tönen von ihm. Er hilft bei der Wohnungssuche und gibt jedem Reservisten das Gefühl, wichtig zu sein. Wird ein neuer Spieler verpflichtet, kriegt er noch vor der Unterschrift eine Nachricht vom Capitano. Fränkische Willkommenskultur. Gibts einen Team-Event, ist der Captain in Sachen Planung stets an vorderster Front zu finden. «Er ist ein geborener Organisator. Einer, der anpackt. Das war er schon immer. Wenn er in den Länderspielpausen nach Hause kommt, trommelt er all seine Kumpels zusammen. Dann wird auf dem Sportplatz gekickt und hinterher im Klubhaus in alten Erinnerungen geschwelgt», sagt Papa Bernhard.
Zu Hause, am Dorfrand von Kemmern, von wo aus der Besucher aus jedem Fenster in die Natur hinausblickt, hat die Familie Görtler ein Haus gebaut. Und kurz vor dem Einzug einen ganz speziellen Raum eingerichtet. «Das Zimmer bestand bloss aus zwei Toren und wir haben den ganzen Winter über «2 gegen 2» gespielt. Wenn es eine Weltmeisterschaft im Zimmerfussball gegeben hätte, dann hätten wir gewonnen. Meine Frau hat jede Minute gedacht, dass bald die Decke runterkommen wird», sagt Papa Görtler. Und bei jedem Wort ist seine Fussball-Leidenschaft zu spüren.
Dass sein kleiner Lukas Fussballprofi geworden ist, macht ihn stolz. Unter Druck gesetzt hat er seinen Sohn nie. Ein bisschen nachgeholfen aber schon. Mit elf Jahren absolviert Lukas ein Probetraining bei Greuther Fürth, Papa Bernhard hat jenes Mail, das er den Fürthern geschrieben hat, noch heute. «Es war am 24. April 2005. Da habe ich meinen Sohn für den Talenttag angemeldet.» Im ersten Training sind 80 Kinder dabei, beim zweiten nur noch 20. Am Ende wird Lukas als Einziger aufgenommen.
Informatikkaufmann bei Bosch
Weil Fürth aber 50 Kilometer von Kemmern entfernt liegt, wird der Wechsel zur Herausforderung für die Familie. Papa Bernhard arbeitet zu jener Zeit als Industriekaufmann bei Bosch, die Fahrten ins Training und zurück kommen trotzdem zustande. Auch, weil Mama Susanne, die als Kindergärtnerin in Bamberg arbeitete, voll hinter ihren fussballverrückten Söhnen stand. In der C-Jugend erleidet Lukas Görtler einen Fersenbruch, kehrt zum SC Kemmern zurück, spielt in der Jugend von Eintracht Bamberg und Nürnberg, ehe er mit 18 in der Regionalliga für die Eintracht Bamberg debütiert. «Lukas war relativ lang ziemlich klein. Erst mit 16 hat er richtig zu wachsen angefangen, zuvor war er vielleicht 165 Zentimeter gross. Darum ist seine Karriere erst relativ spät ins Laufen gekommen», sagt Peter Altenbach.
Statt auf die Karte Fussball setzt Görtler auf einen Job in der Wirtschaft, macht eine Berufslehre zum Informatikkaufmann bei Bosch. Als 2014 der grosse FC Bayern anklopft, steht der damals erst 19-Jährige vor der wichtigsten Entscheidung seines Lebens: «Luki wurde nach dem Abschluss seiner Lehre von Bosch übernommen. Ein super Job, der beste Arbeitgeber in der Region. Er hat dann gefragt, ob er sich beurlauben lassen und wieder zurückkommen könne, wenn es bei den Bayern nicht klappen sollte. Die Firma aber wollte diesen Deal nicht eingehen.»
Lukas kündigt bei Bosch und wechselt in die zweite Mannschaft des FC Bayern. Von «einem Risiko» spricht Bernhard Görtler. Davon, aus dem gemachten Nest auszubrechen und zu schauen, wie weit die Flügel jemanden tragen können. Bei den Bayern spielt er unter Erik ten Hag, seinem späteren Trainer beim FC Utrecht, in der zweiten Mannschaft. Und er darf unter Pep Guardiola bei den Profis trainieren. Dort fällt er neben Stars wie Lewandowski, Müller, Lahm und Schweinsteiger fussballerisch ab, überzeugt aber mit seiner Hartnäckigkeit. «Nach jedem Training habe ich Pep gefragt, ob ich morgen wiederkommen dürfe. Ich habe ihn nach jedem einzelnen Training genervt. Das hat ihm offenbar gut gefallen», antwortet Görtler, wenn er auf seine Zeit unter dem Trainer-Maestro angesprochen wird.
In München findet Görtler sein Glück
Im Mai 2015 unterstreicht Pep Guardiola seine Wertschätzung gegenüber seinem stets motivierten Jungspund und schenkt ihm gegen Leverkusen 18 Bundesliga-Minuten. Die ersten und wohl auch letzten in der höchsten deutschen Spielklasse.
Sportlich läufts an der Säbener Strasse nicht grandios. Privat hingegen findet Lukas in München sein Glück. Weil er zwar zum ersten Mal weit weg von zu Hause ist, aber trotzdem Heimatgefühle bekommt. Dank Helena, seiner grossen Liebe. «Die beiden kannten sich schon als Kinder, Helena ist nur acht Kilometer von Kemmern entfernt in Reckendorf aufgewachsen. In München haben sie sich dann wieder getroffen. Am Oktoberfest», erzählt Papa Görtler. Seit mehr als zehn Jahren sind die beiden ein Paar, im Mai 2022 die Hochzeit, letzten Herbst krönte Tochter Paulien ihr Glück. Gemeinsam lebt die Familie in der Region St. Gallen. Und sie macht den Anschein, als wolle sie noch ein bisschen bleiben.
Fast sieben Jahre sind vergangen, dass Görtler beim FCSG unterschrieben hat. Immer mal wieder klopften Vereine an, unter anderem der 1. FC Nürnberg. Niemand wäre ihm böse gewesen, hätte er, der Urfranke zum grössten Klub der Region gewechselt. Dass er trotzdem geblieben ist, spricht für sein grün-weisses Herz. Es sind dieselben Klubfarben, die auch der SC Kemmern trägt. Zufall ist das wohl kaum.
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Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Thun | 38 | 28 | 75 | |
2 | FC St. Gallen | 38 | 25 | 70 | |
3 | FC Lugano | 38 | 17 | 67 | |
4 | FC Sion | 38 | 23 | 63 | |
5 | FC Basel | 38 | -3 | 56 | |
6 | BSC Young Boys | 38 | 11 | 55 |
Mannschaft | SP | TD | PT | ||
|---|---|---|---|---|---|
1 | FC Luzern | 38 | 10 | 53 | |
2 | Servette FC | 38 | 8 | 53 | |
3 | FC Lausanne-Sport | 38 | -14 | 42 | |
4 | FC Zürich | 38 | -23 | 38 | |
5 | Grasshopper Club Zürich | 38 | -26 | 33 | |
6 | FC Winterthur | 38 | -56 | 23 |
