Darum gehts
Die Begrüssung ist stürmisch. Hund Mastyn rast vor Aufregung über die Gäste aus der Schweiz wie wild umher, ehe er sich von Marc Surer eher widerwillig in die Schranken weisen lässt. «Er ist neu bei uns, wir haben ihn aus dem Tierheim. Ein guter Kerl, der auch schon viel besser folgt als am Anfang», stellt der frühere Formel-1-Rennfahrer lachend den neuesten Mitbewohner vor.
Mastyn, der Name ist angelehnt an seine Rasse «Mastin Espanol», ist der dritte Hund in Surers spanischer Heimat, seit der Baselbieter noch mitten in seinen Aktivzeiten vor 30 Jahren diesen malerischen Fleck an der Costa Blanca für sich entdeckt hat. Surer lebt mit seiner argentinischen Frau Silvia Arias (63) im Küstenort Javea.
Schweizer Raclettekäse mitten in spanischen Tapas
Der Trubel der angesagten Strandpromenade in der Stadt ist aber weit weg. Ganz bewusst. «In der Hochsaison ist alles voller Touristen aus den Städten, eine riesige Hektik. Das brauchen wir alles nicht mehr. Ich bin einfach am liebsten hier mit Silvia zusammen», sagt Surer und blickt seine Gattin liebevoll an.
Dieser Artikel wurde erstmals in der «Schweizer Illustrierten» publiziert. Blick+ Nutzer haben exklusiv Zugriff im Rahmen ihres Abonnements. Weitere spannende Artikel findest du auf www.schweizer-illustrierte.ch.
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Im Tischgrill schmilzt der Raclette-Käse, der Standventilator kämpft gegen die Hitze. Die Schweizer Spezialität im Hochsommer, als Gourmet-Exot inmitten spanischer Tapas-Köstlichkeiten, die das Paar fürs Abendessen auftischt? «So machen wir unsere Cheeseburger», sagt Surer schmunzelnd.
Auch wenn sie beide auch regelmässig in ihren Herkunftsländern weilen und Surer auch seit jeher in der Schweiz Steuern bezahlt: Ihre Herzen gehören «El Casup», auf valencianisch das «kleine Haus». Kein Luxus, dafür viel Charme. Das Haus ist rund 100-jährig und beansprucht nur einen kleinen Platz auf dem 2,5 Hektar grossen Areal, das Surer im Laufe der Jahre zu einer Pferdepension ausgebaut hat. Von hier aus starten sie ihre Reisen in die hektische Formel 1.
Surer spricht mit seiner Frau Englisch
Surer kommentiert als Experte beim SRF die Grands Prix. Aber auch seine Frau gehört als Journalistin und Buchautorin seit Jahrzehnten zu den vertrauten Gesichtern im Fahrerlager. «Es ist für uns das Grösste, wenn wir zusammen an ein Rennen fahren können», sagt Surer und blickt Silvia vertraut an. Er sagt es auf Englisch. Das Paar hatte sich eines Tages darauf geeinigt, auf Englisch miteinander zu reden, obwohl Surer im Laufe der Jahrzehnte sehr gut Spanisch gelernt hat. «So ist es für beide eine Fremdsprache und wir bleiben in der Übung, weil in der Formel 1 englisch die Hauptsprache ist.»
Jetzt wird Surer 75 Jahre alt. Ein Geburtstag wie jeder andere? «Nein, ein sehr wichtiger», sagt Surer und erklärt: «Alle 25 Jahre feiere ich richtig. Beim 50. gab es ein grosses Fest in der Schweiz. Und genau das gibt es nun erneut.» Gefeiert wird in Eptingen BL.
Doch die Vorbereitung auf das grosse Fest waren nicht immer ein Spass. 25 Jahre sind nicht spurlos vorbei gezogen. Bei einer Einladung erhielt Surer eine Todesanzeige als Antwort zurückgeschickt. «Plötzlich realisiert man: Gopf, da können ja gar nicht mehr alle dabei sein, die man dabei haben möchte», sagt er nachdenklich.
In solchen Momenten schätzt der einstige Rennstrecken-Held das Leben umso mehr, das er führen darf. Surer hat eine der mörderischsten Ären des Autorennsports überlebt. Der Formel-2-Europameister fuhr von 1979 bis 1986 in der Formel 1, er startete 82 mal zu einem Grand Prix. Die Sternstunde ist der 4. Rang 1985 in Monza – hinter Alain Prost, Nelson Piquet und Ayrton Senna. Diese Rangliste mit drei der grössten Legenden und dem gelernten Schlosser aus dem Baselbiet auf den ersten vier Plätzen hängt eingerahmt in Surers Stube.
Es war die Zeit, als die Rennwagen immer schneller wurden, aber die Sicherheit der Autos und Circuits nicht Schritt halten konnte. Die Spuren seiner schweren Unfälle werden sichtbar, als Surer in den Swimming-Pool steigt. Der Feuerunfall im Rallye-Auto 1986 hat seinem Freund Michael Wyder das Leben gekostet, Surers Karriere beendet und ihn auch äusserlich fürs Leben gezeichnet.
Im heutigen Alltag mehr ein Thema sind aber seine 1980 bei einer Formel-1-Testfahrt kompliziert gebrochenen Knöchel. «Es hiess lange, mit 60 Jahren müsse man mir beide Fussgelenke versteifen», schildert Surer. Nun, 15 Jahre nach der prognostizierten Versteifung, hat er sich noch immer 10 und 30 Prozent Beweglichkeit erhalten. «Ich habe mein striktes Programm, den Körper im Schwung zu halten. Das lohnt sich, auch wenn man sich zwischendurch mal zwingen muss.»
Surer und seine Leidenschaften Pferde und Pferdestärken
Die Motivation: Surer will sein Leben im spanischen Paradies noch lange weiterleben, dafür muss er in Form bleiben. Auf seiner Ranch macht er vieles selber: Zäune flicken, Wiesen mähen, Bäume schneiden, und seit neuem wieder: einen Hund erziehen. Und natürlich: Ausreiten.
Wenn Surer seinen als Cowboy-Hut getarnten Reithelm aufsetzt, auf sein geliebtes Pferd Cartucho sitzt, in die Hügel hinter Javea reitet und einen fantastischen Blick über die Stadt und den prägnanten Hausberg «El Montgo» geniesst, lebt er seinen Kindsheitstraum. Surer wollte immer schon Cowboy sein. Dass er dann als Asphalt-Cowboy Karriere machte, war eigentlich ein Zufall. Richtig Gas geben tut er aber auch mit 75 noch immer.
Surer zeigt seine Motorsport-Werkstatt, die Poster an der Wand aus den 80er Jahren beweisen, wie lange er hier schon zu Hause ist. «Ich muss sowieso noch die Reifen wechseln», sagt er und zeigt auf seine beiden Go-Karts, mit denen er regelmässig auf spanischen Kart-Rennstrecken unterwegs ist. Noch immer sehr schnell unterwegs ist, wie eine Zeitenliste auf seinem Handy beweist
Kart, Pferde, Formel 1. Surer will und braucht nichts anderes mehr. Kinder hatte er nie. Er bereut es nicht: «Ich hatte nie den Drang, mich fortzupflanzen.» Der einstige Playboy ist an der Seite seiner dritten Frau längst zur Ruhe gekommen. «Es funktioniert so gut mit uns, weil wir die gemeinsame Zeit geniessen, aber jeder auch seine eigene Welt hat.» Zum Beispiel das Tomaten-Beet im Garten – Silvia hegt und pflegt es, Marc hält sich fern. Und schwärmt dafür umso mehr, wenn er das Gemüse aus dem eigenen Garten in seinen Hamburger klemmen darf.