Darum gehts
Wie ist Anfang Saison noch darüber sinniert worden, wer beim HCD die grosse Lücke von Legende und Captain Andres Ambühl (42) nach dessen Rücktritt füllen soll. Und die Frage gestellt, ob das überhaupt jemandem gelingen kann. Ein halbes Jahr später wissen wir, das tut es. Sein Name: Matej Stransky.
In seiner fünften Saison in Davos ist der Tscheche von Trainer Josh Holden zum Captain befördert worden, dem ersten ausländischen in diesem Jahrhundert und seit Petteri Nummelin (1997–1999). Die Gründe für seine Wahl? «Er ist für alles bereit. Zweikämpfe, er geht dorthin, wo es wehtut, und kurvt nicht aussen rum. Er beschützt den Puck wie ein grosser Bulle, er lässt alles da draussen», beschreibt Holden und zeigt aufs Eis und aufs Herz. Stransky sei ein Familienmensch, «der HCD ist seine zweite Familie».
Stransky scheut sich nicht, die Captain-Nachfolge anzutreten – dafür holt er sich vorher noch das Einverständnis von Ambühl ab. Der 32-Jährige geht als Leader mit Leistung voran, wie schon in der Vergangenheit. Aber irgendwie hat sich Stranskys Aura auf dem Eis nochmals verändert. Er schultert die Verantwortung mit noch mehr Charisma, ist omnipräsent, trägt seine Teamkollegen mit, will sie besser machen.
Gestärktes Selbstvertrauen dank Erfolg
Wie es der Weltmeister von 2024 selbst erklärt? «Ich bin in diese Rolle hineingewachsen.» Stransky bezieht es auf den Lauf seiner bisherigen Karriere. Begonnen hat er sie 2013 in der AHL bei den Texas Stars. «Ich startete in der vierten Linie und irgendwann wurde ich zu jenem Spieler, der auch im Power- oder Boxplay eingesetzt wird.» Er spielt in Nordamerika, Russland, Schweden, Tschechien, seit 2021 in der Schweiz. Und seit acht Jahren ist er Stammgast in der Nationalmannschaft, bei der der Stürmer immer eine defensive Rolle übernehmen muss.
«Die Erfahrungen aus diesen verschiedenen Ligen und Teams haben mich geprägt.» Die besten Punkte setzt er zu einem Ganzen zusammen – er ist die Summe seiner Erfahrungen. Und das Resultat davon ist ein kompletter Spieler? Er schmunzelt. «Noch lange nicht, ich kann jedes Jahr wieder etwas verbessern.» Aktuell aber lieferte Stransky punktemässig seine mit Abstand beste Regular Season beim HCD ab. 2021/22 bucht er 26 Tore und 20 Assists. Diese Saison steht er bei 28 Toren und 25 Assists. Zum Abschluss gegen Biel wurde er geschont – weshalb Genfs Granlund noch die Liga-Topskorer-Krone weggeschnappt hat. Der Tscheche beeindruckt mit seiner Konstanz. «Tut er das nicht schon seit fünf Jahren?», stellt Trainer Holden eine wohl rein rhetorische Frage.
Natürlich habe der anhaltende Erfolg sein Selbstvertrauen noch gestärkt, beschreibt Stransky gutgelaunt. Grantig werde er hauptsächlich nach Spielen, in denen er nicht sein volles Potenzial habe abrufen können. Dabei gehts nicht primär um Tore, sondern um die kleinen Dinge wie gewonnene Zweikämpfe, geblockte Schüsse oder dem gegnerischen Goalie die Sicht zu nehmen.
Stransky ein grosser Fussball-Fan
Kennt man den Tschechen nicht, nimmt man ihn vielleicht als distanziert oder introvertiert wahr. Doch in Stransky steckt laut Teamkollegen ein humorvoller, offener und hilfsbereiter Zeitgenosse, wenn er denn mal Vertrauen gefasst hat. Er ist ein grosser Fussball-Fan, «sein» Klub ist ManUtd. An Fussball-TV-Abenden zieht er Mitspieler, die für andere Klubs fiebern, gerne mal damit auf.
Mit seinen engsten Teamkollegen verbringt er oft Zeit, denn seit dieser Saison ist er Strohwitwer in Davos. Frau Romana (35) ist mit den Kindern Thea (7) und Maxim (3) aus schulischen Gründen zurück in die Heimat gezogen. «Natürlich vermisse ich sie», gesteht Stransky, «aber wir besuchen uns so oft wie möglich.» Das ist nächste Saison wohl nicht mehr nötig: Das hartnäckige Gerücht, er verlasse den HCD trotz laufenden Vertrags (zu Pardubice?), erhärtet sich. Der HCD lässt erstmals verlauten, dass man ihn ziehen lassen würde.
Die Folge davon, von seinen Liebsten getrennt zu sein? «Ich muss selber kochen, meistens Pasta oder Reis und Fleisch.» Und er verbringt mehr Zeit in der Eishalle, geht auch an freien Tagen mal in die Sauna, «ich achte gut auf meine Erholung». Denn darauf angesprochen, was in dieser starken Saison seine bisher grösste Herausforderung gewesen sei, antwortet der HCD-Captain: «Die Anzahl Spiele. Es fühlt sich an, als hätte ich schon einhundert absolviert.» Dabei sind es «nur» 61 mit NL, Spengler Cup und Nati. Bevor die Playoff-Viertelfinals eingeläutet werden, gibt es für den HCD- und wohl auch Liga-Topskorer noch eine wohlverdiente Pause. Danach kann die Jagd nach dem begehrten Titel, den Stransky als Ziel ausgerufen hat, beginnen.

