Das beeindruckt HCD-Stürmer Lemieux an der Schweiz
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«Wasser aus dem Hahn trinken»:Das beeindruckt HCD-Stürmer Lemieux an der Schweiz

Geburt des Sohnes, Heiratsantrag, Spengler-Cup-Triumph
Lemieux’ Erinnerungen fürs Leben an Davos

Brendan Lemieux hat sich entschieden, sich in Davos niederzulassen und hier eine Familie zu gründen. Mit seiner Verlobten Brooke und Söhnchen Luc schätzt der HCD-Stürmer die gemeinsame Zeit und ist dankbar – auch in herausfordernden Phasen. Dabei hilft ihm sein Glauben.
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Ex-NHL-Stürmer Brendan Lemieux ist ein sympathischer und offener Charakterkopf, der seit Dezember 2024 für den HC Davos spielt.
Foto: Stefan Bohrer

Darum gehts

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Nicole VandenbrouckReporterin Eishockey

Am liebsten hätte er wohl schon Schlittschuhe an: Luc, das zehnmonatige Söhnchen von Brendan Lemieux, lacht vergnügt, als ihn sein Vater übers Eis schiebt und Faxen mit ihm macht. Seine Mama Brooke Monahan, ebenfalls auf Schlittschuhen, schaut ihren beiden Herzensmenschen liebevoll zu. Die junge Familie ist auf dem Spaziergang durch Davos, ihre neue Heimat seit etwas mehr als einem Jahr. In der höchstgelegenen Stadt Europas haben die beiden US-Amerikaner in dieser kurzen Zeit schon Erinnerungen fürs Leben geschaffen. Doch von vorne.

Im Dezember 2024 vermeldet der HC Davos die Verpflichtung von Lemieux. Der 29-Jährige kommt mit einem grossen Hockey-Namen und mit einer Erfahrung aus 315 NHL-Partien für Carolina, Philadelphia, Los Angeles, New York und Winnipeg ins Bündnerland. Und mit einem unrühmlichen Ruf, der ihm vorauseilt. Der Sohn der NHL-Legende und des vierfachen Stanley-Cup-Siegers Claude Lemieux (60, ex Dallas, Phoenix, New Jersey, Colorado, Montréal), der 2004 für zwölf Partien beim EVZ spielt, hat sich einen Namen gemacht. Als Bösewicht, Provokateur, Raubein, Prügler.

Als der Stürmer sich entscheidet, seine Karriere in der National League fortzusetzen, sind Brendan und Brooke gerade mal 20 Monate ein Paar. Sie lernen sich im Frühjahr 2023 in West Palm Beach kennen, ihre beiden Familien haben in Florida ihren Wohnsitz. «Zu unserem ersten Date kam Brendan mit einer Zahnlücke. Einige Tage zuvor wurden ihm in einem Spiel ein paar Zähne rausgeschlagen.» Brooke, die davor nichts mit Hockey am Hut hat, trägts mit Fassung. Die Erinnerung daran lässt beide schmunzeln. «Das muss wahre Liebe sein.»

Diese Liebe ist noch jung, dennoch ist es für die 36-Jährige klar, dass sie mit ihrem Schatz das Abenteuer Schweiz wagt. «Hockey ist Brendans DNA. Sein Dad spielte in der Schweiz, sie erzählten mir viel davon. Es ist Teil seiner Familiengeschichte und es bedeutet ihm viel, auch hier spielen zu können», erzählt Brooke. Er grinst: «Ich musste ihr nur sagen, dass man in Davos Ski fahren kann, das liebt sie. Damit war die Sache geritzt.» Sie fliegt Lemieux einen Monat später nach – hochschwanger. Er verrät Blick damals während des Spengler Cups, dass ihr erstes gemeinsames Kind hier zur Welt kommen soll.

Optimismus trotz vieler neuer Herausforderungen

Es ist eine herausfordernde Zeit für den Zweitrunden-Draft von 2014 (Buffalo). Reflexartig erwartet man von einem vormaligen NHL-Spieler, dass er in der hiesigen National League Wunder vollbringt, übers Eis tanzt und Tore am Laufmeter schiesst. Und Lemieux? Er steht rasch in der Kritik, weil er weder den Tritt findet noch für physisches Spektakel sorgt. Oft ist er als überzähliger Ausländer auf der Tribüne. Man hofft, dass er für den HCD wenigstens in den Playoffs 2025 zum X-Faktor wird.

Doch dort wird ihm im dritten Halbfinal-Duell gegen die ZSC Lions eine unabsichtliche Aktion zum Verhängnis: Im Gerangel packt Zürichs Aggressivleader Chris Baltisberger den Davoser am Kragen. Als Lemieux zum Rückschlag ausholt und sich befreien will, trifft er den intervenierenden Linesman, der sich unglücklich zwischen die beiden Brocken schiebt, am Kinn. Dafür kassiert er vier Spielsperren. «Das hat mich länger beschäftigt als der Umstand, dass ich letzte Saison kein Tor geschossen habe», gesteht Lemieux.

Zu jenem Zeitpunkt ist Söhnchen Luc gerade mal einen Monat alt. Und sein Vater muss mit vielem klarkommen. Seinem Spielstil, der nicht in diese Liga zu passen scheint. Hohen Erwartungen, denen er in der öffentlichen Wahrnehmung nicht gerecht wird. Und einem Baby zu Hause, das seinen Eltern einiges abverlangt. «Es war nicht einfach», erzählt Brooke, «Luc hatte in den ersten Monaten regelmässig Koliken, schrie oft und lange. Doch was hatten wir für eine Wahl, als einfach damit umzugehen? Das hat uns zusammengeschweisst, wir wurden zu einem noch besseren Team.»

Glaube an Gott macht Lemieux dankbar und demütig

Brooke beschreibt Brendan als besten Dad, der einen liebevollen und innigen Umgang mit Luc hat. «Diese Seite sollen die Menschen auch sehen. Und er ist ein Optimist, das habe ich von ihm gelernt.» Deshalb stellt sich Lemieux allen Widrigkeiten immer positiv und hoffnungsvoll. Auch weil ihn dies der Glaube an Gott so gelehrt hat. «Faith – Family – Hockey». Glaube, Familie, Hockey. Diese Worte zieren sein Instagram-Profil. «Ich wurde christlich erzogen, Brooke ist katholisch. Der Glaube ist wichtig für uns.»

Das Paar lebt ihn im Stillen, er erdet es und rückt so einige vermeintliche Probleme in eine andere Perspektive. «Wir sind voller Dankbarkeit und Demut. Für Luc, dass wir hier sein dürfen. Jeden Morgen wache ich mit dem Gedanken auf, dass ich für etwas dankbar bin in meinem Leben», beschreibt der Sturmtank, der in herausfordernden Phasen einfach Gottes Plan vertraut.

Egal, ob in Gesprächen übers Leben oder übers Hockey – der auf dem Eis unbändige Charakterkopf ist immer offen, direkt, ehrlich und auch selbstreflektiert. Und immer mal wieder blitzt der Schalk auf in seinen hellblauen Augen. Er fasst seine Gedanken gerne in Worte. Auch wenn es darum geht, seine Wandlung als Spieler für jeden verständlich zu beschreiben. Er arbeitet an sich, passt sein Hockey an.

Lemieux ist kein Leichtgewicht gewesen mit fast 100 Kilogramm. «Mein Körper war aufgebaut für zehn Minuten Eiszeit pro Match und kurze Shifts.» Beim HCD kommt er auf fast doppelt so viel Eiszeit und längere Einsätze. «Darum war die letzte Saison schwierig für mich», gesteht er Blick im letzten November. Er spürt das Fehlen der in der NHL üblichen zweiminütigen Werbeunterbrechungen, die willkommene Verschnaufpausen sind. Er muss sein Tempo erhöhen, aber gleichzeitig geduldiger spielen aufgrund der grösseren Eisfläche. Weil er aber oft überzählig und manchmal einen Monat ohne Spiel ist, findet er seinen Rhythmus kaum.

Lemieux richtet sein Sommertraining auf die Anforderungen der National League aus. Das Playoff-Hockey habe ich als Basis genommen.» Der Stürmer verliert etwas an Gewicht, verbessert sich langsam, aber stetig. Nach zwei Treffern in den ersten Saisonspielen folgt jedoch erneut eine Baisse, sofort zweifelt man wieder an seinen Fähigkeiten. «Die Leute hier sind fixiert auf Punkte statt auf den Prozess.»

Das ändert sich im letzten Dezember. Der leidenschaftliche Golfer spielt regelmässiger, weil Teamkollegen verletzt ausfallen, und findet sich immer besser zurecht. Am Spengler Cup überzeugt er viele Kritiker. Es wird wertgeschätzt, was er ins Spiel, ins Team bringt. Vor dem gegnerischen Kasten schafft er Platz, nimmt den Goalies die Sicht – und macht so den Weg frei für die Schüsse und Treffer seiner Mitspieler.

Romantischer Heiratsantrag in Davos

Am Spengler-Cup-Triumph der Davoser hat er mit seiner Rolle massgeblichen Anteil. Das Schönste und Unvergessliche für Lemieux: Er feiert den Titel auf dem Eis mit Söhnchen Luc in den Armen, «das Gold-Konfetti hat er super gefunden». Der Spengler Cup ist nicht das einzige Highlight für Lemieux in der Altjahreswoche. An Weihnachten macht er seiner grossen Liebe einen romantischen Heiratsantrag, kniet nieder, Brooke sagt Ja.

Geahnt habe sie nichts, «aber die Festtage mit Eltern-Besuch waren einfach perfekt dafür». Wo die Hochzeit stattfinden soll, haben die Verlobten noch nicht entschieden. Ob in Florida oder in ihrer neuen Heimat, der Schweiz. Wohl fühlen sich hier beide, «Luc liebt es, draussen an dieser frischen Luft zu sein. Das hat ihn schon als Baby beruhigt, als er bereits im Spital kurz nach seiner Geburt Koliken hatte», erzählt seine Mama.

Für Lemieux hat sich in Davos sein ganzes Leben geändert. Er geniesst und liebt sein Familienleben. Auch auf dem Eis hat sich alles zusammengefügt. In sechs aufeinanderfolgenden Liga-Partien schiesst er Tore, gegen Lausanne bucht Lemieux am 9. Januar gar einen Hattrick. Er grinst. Nicht aus Genugtuung nach all den Kritiken, sondern aus Freude. Um dann zu sagen: «Natürlich ist es schön, dass es jetzt läuft. Aber es gibt Grösseres, als Mannschaft haben wir ein Ziel. Und ich bin nur ein Puzzleteil auf dem Weg dahin.»

Ihn selbst erfüllt mit purem Glück, dass ihn sein Sohn langsam erkennt, wenn in einem Spiel am TV eine Nahaufnahme von ihm zu sehen ist. «Und dass Luc ihm sofort entgegenkrabbelt, wenn sein Dad nach Hause kommt», ergänzt Brooke. Lemieux’ blaue Augen strahlen. Die Sonne drückt endlich durch die Wolkendecke, der HCD-Star packt Luc in die warme Decke im Kinderwagen, es geht nach Hause.

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