Fragwürdiger Lifecoach
Der Seelenfänger vom Starnberger See

Eine erfolgreiche Juristin bricht mit ihrer Familie. Sie glaubt nach Kursen bei einem Coach, sie sei in ihrer Kindheit und auch schon in früheren Leben missbraucht worden.
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Partnerin Brigitte Kander berichtete Paul Staub (Namen geändert) von den ungeheuerlichen Vorwürfen seiner Tochter.
Foto: Joan Minder

Darum gehts

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Andrea M. Haefely
Beobachter

«Meine Tochter Cristina hält mich für einen schwarzmagischen Missbraucher», sagt Paul Staub, 56, aus dem Kanton Zürich. Die Erinnerungen an den Missbrauch sollen in Sitzungen mit einem Mentor hochgekommen sein, der mit Hypnose und esoterischen Ideen hantiert. Der Mann heisst Marc A. Pletzer und stammt aus Bayern.

Cristina ist heute 34 Jahre alt und das älteste von drei Mädchen, die Paul Staub in eine Patchworkfamilie mit Brigitte Kander, 54, eingebracht hat. Kander brachte zwei Mädchen mit, gemeinsame Kinder haben die beiden nicht. Seit rund 20 Jahren sind die sieben Personen eine Familie. Alle Namen der Familie hat der Beobachter aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert.

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Im Spätsommer 2024 kam Paul Staub von einem längeren Segeltörn zurück, als seine Partnerin Brigitte ihm von den ungeheuerlichen Vorwürfen seiner Tochter berichtete. «Eine Welt brach über mir zusammen. Sie liegt noch immer in Scherben.»

Die Tochter ist eine erfolgreiche Juristin

Der Vorwurf des Missbrauchs nistet sich ein, sät Zweifel. Auch Brigitte Kander zweifelte zu Beginn: «Wohl jede Frau hinterfragt ihren Partner, wenn die Stieftochter plötzlich erzählt, sie sei vom Vater missbraucht worden. Es ist eine zutiefst verunsichernde Anschuldigung.» Heute ist sich Brigitte Kander sicher: Es handelt sich beim Missbrauchsvorwurf um Scheinerinnerungen, sogenannte False Memories. 

Cristina ist eine erfolgreiche Juristin. Eine «Überfliegerin», sagt ihr Vater. Trotzdem besuchte sie Pletzers «Akademie» in Tutzing (D) am Starnberger See. Er bot dort sogenannte NLP-Kurse an – zur Persönlichkeitsentwicklung und für besseres berufliches Vorankommen. Das Akronym NLP steht für Neuro-Linguistisches Programmieren, basiert aber weder auf dem einen noch auf dem anderen. «Sie schwärmte von ihrem Coach, distanzierte sich aber gleichzeitig immer mehr von uns», erzählt Brigitte Kander. 

NLP ist nicht evidenzbasiert. Die Anhänger glauben trotzdem, dass sich damit Vorgänge im Gehirn verändern lassen, und erhoffen sich davon, ihr Leben besser in den Griff zu bekommen. 

Die Stiefmutter sollte sich schwer wundern

Hypnose ist ein elementarer Bestandteil der Technik, manche Coaches gleiten dabei wie Pletzer ins Esoterische ab. Neben banalen Lebensweisheiten und Anekdotischem aus seinem Leben bespricht auch Marc Pletzer in seinen Podcasts Themen wie «Rückführungen in frühere Leben», «Wiedergeburt» und die angebliche Existenz von «Seelenpartnern». 

Brigitte Kander wollte sich selbst ein Bild machen und meldete sich für einen zweiteiligen NLP-Kurs in Tutzing an. Kostenpunkt: 4100 Euro für zwei Wochen, ohne Unterkunft. «Es nahm mich einfach Wunder», sagt Brigitte Kander.

Sie sollte sich in der Tat wundern.

Mitten im Unterricht soll Pletzer vor den anderen Kursteilnehmenden zu ihr gesagt haben: «Du bist ja auch mit so einem schwarzmagischen Typen zusammen.» Sie meinte, sich verhört zu haben. Kander erzählt, Pletzer habe sie nach der Stunde beiseitegenommen und gesagt, ihr Partner habe seine Tochter Cristina missbraucht. 

Schwarze Riten auf dem Friedhof

Die Stiefmutter konfrontierte Cristina gleich nach der ersten Kurswoche. «Sie sagte, ihr Vater habe sie wie schon in früheren Leben als Baby missbraucht, vor allem oral. Er habe auch über sie uriniert. Das sei die Erklärung dafür, dass sie als kleines Kind so häufig unter Mandelentzündungen gelitten habe. Zudem habe Papa gleich nach ihrer Geburt schwarze Riten auf einem Friedhof vollzogen.» 

Weiter behauptete Cristina laut ihrer Stiefmutter, sie habe einen «Seelenvertrag» mit ihrem Vater abgeschlossen. In diesem Leben habe sie ihm noch eine letzte Chance geben wollen, die er wieder nicht genutzt habe. Das alles sei in Hypnosesitzungen und Rückführungen mit Marc Pletzer ans Licht gekommen. Der Vater sei so schwarzmagisch, dass sie ihn nicht einmal gemeinsam mit Pletzer heilen könne. 

Zu diesen Vorwürfen gegen ihren Vater wollte Cristina keine Stellung nehmen, sie reagierte nicht auf eine Anfrage des Beobachters.

Am letzten Tag des zweiten Kursteils habe Pletzer sie nach dem Unterricht noch sprechen wollen, sagt Brigitte Kander. «Er sagte tatsächlich, auch ich sei als Kind von meinem Vater missbraucht worden. Da war ich mir endgültig sicher, dass er Cristina den Missbrauch eingeredet haben muss.»

«Das Phänomen der falschen Erinnerungen ist eine ernst zu nehmende Gefahr», sagt Susanna Niehaus, Professorin an der Hochschule Luzern. Niehaus ist forensische Psychologin und seit 25 Jahren aussagepsychologische Sachverständige in Strafverfahren. Diese echt wirkenden Erinnerungen ohne Realitätsbezug zerstören gemäss der Expertin nicht nur den vermeintlichen Täter, sondern erschüttern auch die angeblichen Opfer tief. Sie leben fortan mit dem entsetzlichen Gefühl, missbraucht worden zu sein. «Scheinerinnerungen bringen viel Leid über ganze Familien und beschäftigen die Gerichte. Und – besonders perfide – sie untergraben indirekt die Glaubwürdigkeit echter Missbrauchsopfer.»

An der Mediation nahm Cristina nicht teil

Vater Paul schrieb Mails an NLP-Coach Pletzer. Fragte, was das soll. Bat um ein persönliches Treffen. Er erhielt von ihm keine Antwort. 

Schliesslich erstattete er bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in München Anzeige wegen «Verbreitung von rufschädigenden Unwahrheiten». «Immerhin hat Pletzer den ungeheuerlichen Vorwurf des Missbrauchs auch vor Dritten geäussert», sagt Paul Staub. Die Untersuchungen in Bayern laufen noch.

Innert Kürze zersplitterte die Familie in verschiedene Gruppen. «Die Kommunikation innerhalb der Familie wurde immer schwieriger, das Vertrauen immer kleiner», sagt die Stiefmutter. Die Eltern bemühten sich um eine Mediation. Cristina weigerte sich, teilzunehmen. Eine Strafanzeige gegen ihren Vater hat Cristina seines Wissens bislang nicht eingereicht. 

Die Eltern versuchten, die ganze Familie zum Besuch einer Informationsveranstaltung zu bewegen – ohne Erfolg.
Foto: Joan Minder

Bekannt bei False Memory Deutschland

Sind die Schilderungen von Brigitte Kander Schutzbehauptungen einer Frau, die nicht wahrhaben will, dass ihr Partner seine Tochter missbraucht hat?

«Davon ist nicht auszugehen», sagt Heide-Marie Cammans. Sie ist Gründerin und Vorsitzende von False Memory Deutschland. Der Verein kümmert sich um Opfer, denen von «Gurus» und Vertretern sogenannter Aufdeckungstherapien solche falschen Erinnerungen eingepflanzt wurden. Auch Angehörigen wird Hilfe geboten. Meist seien die Opfer jung und weiblich, sagt Cammans. Und Marc Pletzer ist dem Verein wohlbekannt. «Wir hatten zu ihm schon etliche Anfragen von verzweifelten Betroffenen, von Opfern wie auch von Angehörigen.»

«Der Kontakt zu Frau Cammans tat uns gut. Offensichtlich sind wir nicht die Einzigen», sagt Paul Staub. Die Eltern versuchten, die ganze Familie zum Besuch einer Informationsveranstaltung des Vereins zu bewegen. «Quasi für einen Faktencheck, zur Aufklärung.» Doch Cristina und ihre beiden Schwestern wollten nicht mitkommen.

Doch was ist das Motiv dahinter, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen? «Grundsätzlich kann man festhalten, dass solche Gurus meist ein narzisstisch geprägtes, nach Macht strebendes Ego haben. Ob das auch auf Herrn Pletzer zutrifft, kann ich aus der Ferne nicht sagen», sagt Expertin Susanna Niehaus.

Mitte letzten Jahres löste Marc Pletzer seine Pletzer Academy in Tutzing auf. Seine Website «Marcs kleine Welt», über die seine Online-Coaching-Programme und seine Bücher angeboten werden, ist aber nach wie vor aufgeschaltet. Über die dort angegebene E-Mail-Adresse hat der Beobachter dem Coach eine Anfrage zu den Vorwürfen geschickt. 

Geantwortet hat Pletzers ehemalige Geschäftsführerin. Sie habe Marc Pletzers Firma Marcs kleine Welt GmbH 2025 übernommen. Herr Pletzer sei unter dieser E-Mail deshalb nicht mehr erreichbar, und sie werde diese E-Mail auch nicht weiterleiten.

Pletzer will zu «weltanschaulichen Begriffen» nichts sagen

Einige Tage später meldet sich Pletzer doch beim Beobachter. «Ich äussere mich grundsätzlich nicht zu angeblichen Inhalten von Gesprächen oder Kontakten mit einzelnen Personen», schreibt er. Zu den weltanschaulichen Begriffen – damit dürften die esoterischen Themen gemeint sein – will er nichts sagen. Und: Er habe zu keinem Zeitpunkt Menschen eingeredet, Opfer von Missbrauch zu sein.

Was macht Pletzer seit der Schliessung seiner Akademie? Er wolle sich intensiv mit dem Thema KI und persönlicher Weiterentwicklung beschäftigen, steht auf seiner Website, die jetzt seiner ehemaligen Geschäftsführerin gehört. Und in seinem drittletzten Podcast sagt er: «Ich arbeite jetzt in meiner Freizeit sehr viel mit jungen Frauen und bemühe mich, deren Leben noch schöner zu machen, als es heute ist. Indem wir bestimmte Themen lösen miteinander, also sie für sich und so. Und ich unterstütze sie dabei.»

Problem von Falschbeschuldigungen noch unter dem Radar

Mittlerweile hat Paul Staub auch in der Schweiz Anzeige erstattet, gegen Marc Pletzer und gegen unbekannt. Der Grund: Staubs Arztpraxis erhielt eine vernichtende anonyme Google-Rezension. Pletzer sagte auf Anfrage des Beobachters, er habe die Bewertung nicht geschrieben. Die Angelegenheit liegt nun bei der Staatsanwaltschaft II des Kantons Zürich, Abteilung Besondere Untersuchungen. 

Der forensische Psychiater Frank Urbaniok sitzt im wissenschaftlichen Beirat des Vereins False Memory Deutschland, ist aber auch im beruflichen Alltag mit Falschbeschuldigungen konfrontiert. Er stellt eine massive Zunahme solcher Fälle fest, sowohl im therapeutischen Umfeld als auch im Kontext von Lifecoaches aller Arten. «Die Zunahme von Falschbeschuldigungen ist in den Medien, der Öffentlichkeit und der Justiz noch unter dem Radar. Es braucht dringend eine Sensibilisierung für dieses Thema.»

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