Kantonsspital St. Gallen entsorgte Akten
Sie sucht ihren Vater – und spürt 22 Halbgeschwister auf

Das Kantonsspital St. Gallen liess zu, dass ein Samenspender Dutzende Kinder zeugte – und vernichtete danach die Unterlagen. Eine seiner Töchter ist Nathalie Haller.
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«Die Wahrheit gehört dem Kind und nicht den Eltern», sagt Nathalie Haller.
Foto: Samuel Schalch
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Yves Demuth
Beobachter

Nathalie Haller war 26, als sie es erfahren hat. «Meine Mutter hockte sich mit mir an den Küchentisch und meinte: ‹Ich muss dir etwas sagen: Papa ist nicht dein Papa. Du stammst von einem anonymen Samenspender.›» 

Die Offenbarung sei ein Schock gewesen. «Ich musste weinen. Und ich war wütend, dass mich meine Eltern so angelogen haben», erzählt Haller. «Ich schaute mich im Spiegel an und fragte mich, wer ich bin.» Sie habe danach eine schwierige Zeit durchlitten.

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Heute ist Nathalie Haller 44 und hat mittels DNA-Test herausgefunden, dass sie 22 Halbgeschwister hat. Mindestens. «Immer mal wieder kommt jemand dazu, der uns über eine Gendatenbank gefunden hat.» 

Haller will mit ihrer Geschichte die Öffentlichkeit sensibilisieren. «Eltern sollten wissen, was sie tun, wenn sie ihren Kindern die Herkunft verschweigen. Die Wahrheit gehört dem Kind und nicht den Eltern.»

Das etwas andere Familientreffen

Haller tauscht sich per Whatsapp-Gruppenchat mit über einem Dutzend der Halbgeschwister aus. Man treffe sich einmal pro Jahr. «Wir können es ernst und lustig haben miteinander», sagt sie. 

Ernst und lustig gehen die Halbgeschwister auch die Suche nach ihrem Spendervater an. Sie folgen derzeit einer möglichen Spur. 

Unbefriedigend ist für Nathalie Haller, dass das Kantonsspital St. Gallen bis heute wenig sagt. «Warum hat es die Akten der Spender vernichtet, obwohl es damals im Grossen Rat eine grosse Diskussion darum gab und klar war, dass die Spendernamen für uns wichtig sind?»

«Ich war wütend, dass mich meine Eltern so angelogen haben», sagt Nathalie Haller.
Foto: Samuel Schalch

Kantonsspital sagte Unwahrheit

Einer von Hallers Halbbrüdern ist Michael Lüthi, geboren 1987. Da viele im Umfeld seines Vaters noch nicht wissen, dass er ein Spenderkind ist, nennen wir seinen richtigen Namen nicht. 

«Es kann gut sein, dass wir nicht nur 22, sondern sogar 30 oder noch mehr Halbgeschwister sind», sagt Lüthi. Das sei doch sehr fragwürdig. «Warum hat das Kantonsspital St. Gallen mit einem Samenspender so viele Kinder gezeugt, wo doch schon damals klar war, dass das Risiken birgt?»

Heute dürfen pro Spender höchstens acht Kinder gezeugt werden. Zudem dürfen die Samen nicht mehr anonym abgegeben werden, damit erwachsene Spenderkinder eine Chance haben, mehr über ihren Erzeuger zu erfahren. Denn es gibt «einen klagbaren Anspruch auf Kenntnis seiner Abstammung» laut Bundesgericht.

1987 hatte das Kantonsspital St. Gallen gegenüber einer Kommission des Kantonsparlaments noch angegeben, nur «bis höchstens zehn Schwangerschaften» pro Spender zuzulassen, «um unerwünschte Blutsverwandtschaften durch Halbgeschwisterehen» zu verhindern. Das stimmt im Fall der Halbgeschwister Haller und Lüthi jedoch nicht.

Dazu muss man wissen: Das Kantonsspital St. Gallen betrieb die erste und grösste Samenbank der Schweiz. Zwischen 1970 und 1986 waren 1821 Schwangerschaften durch anonyme Samenspenden erfolgt. 

Ärzte onanieren für eigene Frauenklinik

Urs Haller war von 1977 bis 1990 Chefarzt der Frauenklinik des Kantonsspitals St. Gallen und somit oberster Chef der Samenbank. Er will am Telefon gegenüber dem Beobachter nichts zu den Vorgängen damals sagen. 

Geredet hatte Urs Haller, der nicht mit Nathalie Haller verwandt ist, jedoch 1987 in der «Weltwoche». «Zwischen 10 und 15 Samengeber stehen jeweils auf der aktuellen Liste des Kantonsspitals», sagte Chefarzt Haller damals. «Hat ein Mann 10 bis 15 Kinder gezeugt, wird er aus dem Verkehr gezogen.» Das Spital würde den Namen und die Personalien der Spender später vernichten, sagte der Chefarzt. Diese seien in erster Linie Studenten der Hochschule St. Gallen. 

Einzelnen Eltern wurde indes gesagt, dass auch junge St. Galler Ärzte zu den Spendern gehören. An der Frauenklinik Bern wurde das so gehandhabt, wie der Beobachter 2018 aufdeckte. In der «Schweizerischen Medizinischen Wochenschrift» wurde das 1974 auch offen so propagiert.

SP-Nationalrätin Barbara Gysi will die Geschichte der Samenbanken in der Schweiz nun ausleuchten. «Ist der Bundesrat bereit, diese Thematik systematisch aufzuarbeiten?», fragt sie in einer Interpellation. Und: «Gibt es Hinweise auf Spender, deren Samen für eine hohe Zahl von Behandlungen verwendet wurden?»

Heute ist nicht alles besser

Seit 2001 muss eine Samenbank den Namen des Spenders zwar zwingend registrieren. Doch haben bisher bloss 10 Spenderkinder Informationen über ihren Spender herausverlangt – obwohl mindestens 738 ein Anrecht darauf hätten. 

Interessieren sich also bloss 1,35 Prozent der Generation-Z-Spenderkinder für ihren biologischen Vater? Nein, meint Nationalrätin Gysi. Die tiefe Zahl an Auskunftsbegehren bedeute vor allem, dass Handlungsbedarf bestehe.

Nathalie Haller dürfte eher die Ausnahme sein: Viele Menschen wissen bis heute nicht, dass sie aus einer Samenspende entstanden sind.
Foto: Samuel Schalch

Es stelle sich die Frage, «ob viele Betroffene überhaupt wissen, dass sie durch eine Samenspende entstanden sind». Denn Eltern könnten ihren Spenderkindern die Abstammung ja auch heute noch einfach verheimlichen. Wer nichts wisse, könne auch nicht nachfragen beim Bund. Wenn die Samenspende im Zivilstandsregister stünde, so wie bei Adoptionen, könnten Eltern hingegen nichts mehr verheimlichen.

Recht des Kindes unter Druck

Laut Samuel Keller von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist das Recht des Kindes auf das Wissen seiner Abstammung heute unter Druck. Die Gesellschaft laufe Gefahr, bei anonymer Leihmutterschaft oder anonymen Samenspenden und Eizellenspenden im Ausland die Fehler aus den 1970er- und 1980er-Jahren zu wiederholen.

«Das klinische Umfeld von Fruchtbarkeitskliniken ist ein gefährliches Konstrukt.» Es wirke alles sauber und korrekt. «Die Geschichte der Heimkinder, der jenischen Kinder der Landstrasse oder der adoptierten Kinder aus Sri Lanka, die heute häufig nach ihren verlorenen biologischen Wurzeln suchen, scheint da ziemlich weit weg. Doch auch hier werden Gene von Menschen in potenziell schwierigen Lebenssituationen weitergegeben, ohne den Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre Wurzeln je zu erfahren.» 

Das elterliche Schweigen kann heute jedoch mit Technologie ausgehebelt werden. Berufsgenealogin Yvonne Hausheer sagt, man könne bereits mit wenigen Spuren den biologischen Vater finden – mithilfe von DNA-Datenbanken und klassischer Ahnenforschung.

Ein Sprecher des Kantonsspitals St. Gallen hält fest, dass das Spital gegen kein Gesetz verstossen habe. Die Fragen des Beobachters beantwortet das Spital nicht.

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