Darum gehts
Braucht die Schweiz einen Wachstumsstopp? Umfragen räumen der Begrenzungsinitiative der SVP gute Chancen ein. Wie wirkt sich die Zuwanderung wirklich auf das Leben im Land aus? Der «Beobachter» ist zu den Leuten gegangen. In die Stadt und ins Dorf, in die Schule und ins Altersheim, an die Grenze und in die Berge. Immer wieder ist er dabei auf die gleiche Frage gestossen: Was will die Schweiz eigentlich sein?
Quartier Guthirt in Zug: Der Kampf um die letzte grüne Wiese
Zwei Buben dreschen einen Fussball aufs Tor. Zwei Mütter unterhalten sich auf einer Sitzbank und schauen ihren Mädchen beim Tanzen um eine Boombox zu. Der Pausenplatz der Schule Guthirt im gleichnamigen Zuger Quartier ist auch nach der Schule ein Treffpunkt. Aber bleibt er das?
Das ist ein Beitrag aus dem «Beobachter». Das Magazin berichtet ohne Scheuklappen – und hilft Ihnen, Zeit, Geld und Nerven zu sparen.
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Die Stadt will auf dem Fussballfeld und auf der Wiese daneben ein neues Schulgebäude erstellen. «Damit geht einer der letzten freien Plätze im Viertel verloren», sagt Quartiervereinspräsidentin Hemma Fuchs. Die 50-Jährige lebt seit über 20 Jahren im ehemaligen Industriequartier nördlich des Bahnhofs, hat hier zusammen mit ihrem Mann vier Kinder grossgezogen.
Zurzeit ist das Guthirt eine einzige Baustelle. Entlang der beiden Hauptstrassen entstehen Hochhäuser von bis zu 80 Metern Höhe. Die Siedlung «Colin – urbane Idylle» bietet zwölf «Private Houses» mit «exklusivem Wohnraum ohne Kompromisse». In den «City Zug Apartments» sind die Briefkästen mit «Jones», «Vaz Zuilen», «Wu» oder «Krivizki» beschriftet. Andere Neubauten wie der Lüssihof geben dem Gegensteuer, indem sie 100 preisgünstige Wohnungen bevorzugt an Zugerinnen und Zuger anbieten. In den kommenden 15 Jahren wird die Bevölkerung im Guthirt von knapp 5000 auf fast 8000 Menschen anwachsen, so die Prognose.
Am Konflikt ums neue Schulhaus zeigen sich die Schattenseiten, die das schnelle Wachstum mit sich bringt. Die tiefen Steuern für Firmen und Private haben seit Jahren eine Maschine in Gang gesetzt, die vielen Einheimischen ihre Stadt um die Ohren haut. Nicht nur die Wohnungen werden immer teurer. «Es fehlt vor allem am Platz fürs Quartierleben. Zum Spielen für die Kinder», sagt Hemma Fuchs, die einst selbst aus der Steiermark in die Schweiz gezogen ist.
Wie so vielen gefällt ihr an Zug das Überschaubare und doch Urbane, die Nähe zu den Bergen und die Lage am See. Hier ein Wink, dort ein Gruss, im Guthirt kennen sie «Hemma». Mit dem Quartierverein versucht sie, dieses Persönliche im Quartier zu bewahren. Es gab Zeiten, da zählte er 600 Mitglieder, dann mal nur noch 320, jetzt wieder 380. Sie selber sei über die Schule ins Quartier integriert worden. An schulfreien Nachmittagen im Kontakt mit anderen Eltern. «Die Schule hält das Quartier zusammen», sagt Fuchs. «Wenn wir die Neuen an die Privatschulen verlieren, verlieren wir sie auch im Viertel.»
Bürgerpatrouille in Sissach BL: Für ein besseres Sicherheitsgefühl in der Grenzregion
Ein älterer Herr kommt in Hausschuhen die Treppe vor seinem Haus herunter. «Darf man fragen, was Sie hier machen?» Lukas Hartmann und Mélanie Gindroz stellen sich vor. Ein kurzer Schwatz entwickelt sich. «Ja, das ist ein Problem», sagt der Hausbesitzer und winkt zum Abschied. «Finde ich gut, was Sie da tun.»
Seit diesem Winter ist die IG Sicherheit für Sissach unterwegs. Drei- bis fünfmal die Woche patrouillieren Hartmann, Gindroz und zwei Dutzend weitere Freiwillige abends durch die Quartiere. Nirgendwo in der Deutschschweiz gibt es so viele Einbrüche wie im Baselbiet. Zwischen 2020 und 2024 zählte das Dorf 188 Fälle.
«In Sissach ist man schnell und auch schnell wieder weg», sagt Mélanie Gindroz zur günstig-ungünstigen Lage der 7000-Einwohner-Gemeinde direkt an der A2. Die Nähe zur Grenze schätzen nicht nur Schweizer Einkaufstouristen, sondern auch kriminelle Banden aus Frankreich. In Genf und in der Waadt sind die Zahlen noch höher. Das macht Angst. «Als sie bei meiner 70-jährigen Mutter eingestiegen sind, musste ich nachher eine Woche lang bei ihr schlafen», erzählt Gindroz.
Patrouillenpartner Hartmann steuert seinen Škoda im Schritttempo durch die Quartierstrassen. Während oben am Sonnenhügel Doppelgaragen und hohe Hecken dominieren, stehen im Einfamilienhausquartier aus den Sechziger- und Siebzigerjahren die Gärten ziemlich offen. Gartenstühle und Kugelgrills glitzern in der Abendsonne, viele Autos sind auf den Strassen parkiert. «Beim blauen Jeep ist ein Fenster offen», sagt der frühere Securitymann und deutet auf einen Geländewagen, der auf dem Parkplatz vor einem Schulhaus steht.
Über die Sissacher Bürgerpatrouille haben schon SRF und sogar die «Zeit» berichtet. Die Polizei sieht sie eher zwiespältig. Sie kann ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe aber nicht verbieten, solange sie sich aufs Beobachten und Melden beschränkt. «Wir sind keine Bürgerwehr», macht Hartmann wiederholt klar. «Die Kriminellen sollen aber wissen: Hier ist man wachsam.»
Mélanie Gindroz hat das Fenster heruntergelassen, lässt die kühle Abendluft in den Wagen. Sie hofft, dass sich bis im Winter, der Hauptsaison für Einbrüche, noch weitere Freiwillige finden. Die Verkäuferin schaut nicht nur wegen der Kriminaltouristen mit gemischten Gefühlen auf die nahe offene Grenze. «Ich kann verstehen, dass die Schweiz anziehend ist.» Doch wer kommt? Und wie wirkt sich das auf die Schweiz aus? «Diese Frage dürfen wir uns doch stellen. Deutschland und Frankreich sind mahnende Beispiele», sagt die 44-Jährige und lugt weiter in jede Einfahrt. Längst ist es in den Strassen dunkel geworden.
Altersheim Eichi in Niederglatt ZH: Multikulti-Truppe für eine Schweiz anno dazumal
Am Ortseingang von Niederglatt hängt ein rotes Banner mit Schweizerkreuz aus einem Wohnblock. «Bewahren, was wir lieben». Es ist der Leitspruch der SVP in ihrem Kampf für ihre Begrenzungsinitiative. Im Altersheim Eichi, etwas weiter vorn in der Dorfmitte, würden den Satz wohl alle unterschreiben. Nicht weil die 5000-Seelen-Gemeinde im Zürcher Glattal SVP-Stammland ist. Sondern weil die Aussage in jedem Herzen ihren Platz findet.
Im «Eichi» ist es eine Multikulti-Truppe aus zwölf Nationen und drei Weltreligionen, die täglich versucht, den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Heimat zu bieten. Zum Zmittag gibts Schweinsvoressen mit Röstikroketten, am Nachmittag spielt die Rafzerfälder Huusmusig, und im Eingang steht ein Blumenbouquet auf einem Podest mit Schweizerkreuz. Fast nirgendwo ist die Schweiz noch so homogen wie hier, wo die Bewohner fast alle Egli, Schmid oder Keller heissen. Und mittendrin beim Kafi in der Cafeteria sitzt eine junge Frau mit dunklem Teint und schwarzen Locken, die mit einer Gruppe Senioren Fotos anschaut.
«Ohne Zugewanderte ist ein Altersheim schlicht undenkbar, das wissen auch wir Bewohner», sagt Gerda Balogh. Die 88-Jährige ist als junge Röntgenassistentin selbst einmal aus der bayerischen Oberpfalz in die Schweiz eingewandert. Nach einem Leben in Herisau und Dielsdorf mit drei Töchtern, fünf Enkeln und drei Urenkeln bringt ihr nun ein Mann aus Kuba den Tee, hilft ihr eine Frau aus dem Kongo bei der Pflege, wäscht eine Inderin ihre Wäsche und kocht eine Bosnierin für sie. «Ich bin dankbar dafür und glaube nicht, dass irgendjemand von uns Bewohnern ein Problem damit hat.»
Das bestätigt Sandra Galli, zuständig für die Aktivierung. «Die Bewohnenden nehmen die ausländische Herkunft des Personals wahr, bewerten aber die Personen nach ihrem Charakter.» Die Welt von draussen mit ihren Debatten über Dichtestress, Kopftuchverbot, Armutsflüchtlinge und Fachkräftemangel dringe kaum bis in den Alltag der «Eichi»-Bewohner vor. «Was zählt, ist der unmittelbare Kontakt. Ist jemand einfühlsam, geduldig, liebevoll?»
Beim Personal hingegen gebe es schon Konflikte, die auch entlang der Kulturgruppen laufen. Welten prallen aufeinander. Ansichten über die Schweiz und wie sie sein soll. «Im ‹Eichi› fühle ich mich als Einheimische nie fremd, draussen aber manchmal schon», sagt die 54-jährige Zürcherin.
Was hier allen bewusst ist: Irgendwann werden auch die «Eichi»-Bewohner nicht mehr alle Schweinsvoressen zum Zmittag wollen. Und auf den Briefkästen andere Namen stehen.
Mit dem Taxi durch Altendorf SZ: Wo Bauern Millionäre sind
Die «Märchler» sind nicht bekannt für ihre Willkommenskultur. Sie sind gern unter sich. Lange Zeit waren sie das auch. Der Bezirk March war kein Magnet. Inzwischen aber hat sich die Agglomeration Zürich das Ufer des Sees hinaufgefressen. Die Region boomt.
Zum Beispiel Altendorf. In den frühen 1970ern lebten hier rund 2500 Menschen – und ebenso viel Geflügel und Vieh. Die Altendörfler waren die «mit em Chuedräck zwüschet dä Zechä». Inzwischen können sie damit kokettieren; die Gemeinde zählt an die 7500 Einwohner. Wer je ein Häuschen oder etwas Bauland besass, gehört zu den rund 1000 Vermögensmillionären im Dorf.
Sehen tut man vom Wohlstand wenig. Die vereinzelten Villen sind versteckt, an den Hängen kleben keine Terrassen. Verdichtet wurde im Zentrum und entlang der Kantonsstrasse. «Wir sind kein Bauerndorf, aber wir sind bäuerlich geprägt»; ein Motto, das man hier gern hört.
Wenn man mit «Wali» durchs Dorf fährt, tönt es gleichwohl so: «Hier stand mal», «Auch das ist neu», «Keine Ahnung, wem das heute gehört». Seit über 40 Jahren betreibt der Eberhard Valentin ein Taxi- und Car-Unternehmen. Inzwischen ist er pensioniert. Er selbst kam in den 1980ern nach Altendorf. Schon damals: «Wenn man kein Einheimischer war, wurde man nicht immer sofort akzeptiert.» Geholfen hat, dass «Wali» gern in den Beizen verkehrte. Doch von denen sind inzwischen die meisten zu. Und mit ihnen sind auch die Nachtschwärmer verschwunden. Menschen wie der «Brüggli-Heiland», die er nachts mit dem Taxi auflas und nach Hause fuhr.
Ist das Altendorf der letzten Jahre eine Erfolgsgeschichte? Markus Suter findet: «Ja.» Für zwei Amtszeiten war er Säckelmeister; so heisst der Finanzvorstand hier. Aber man habe auch viel getan, damit Altendorf keine Schlafgemeinde werde. Steuerfuss von 70 Prozent für Firmen. Tagesbetreuung an den Schulen. Gratisbadi für alle. Zudem hätten vom Boom nicht nur institutionelle Anleger oder Landbesitzer profitiert – darunter viele Alteingesessene, die das einst unattraktive Sumpfland am See teils für ein Trinkgeld gekauft hatten. «Auch das lokale Gewerbe hat was vom Aufschwung», so Suter.
Er selber wohnt quasi «second row» – von einem direkten Seezugang trennen den 41-jährigen Bankangestellten nur die Villen in der ersten Reihe. Eine 3,5-Zimmer-Wohnung in einem der vier Blocks, vor drei Jahren fertiggestellt und mit Engadiner Lärchenschindeln verkleidet, kostet gut 3000 Franken im Monat. Auch dies ein Preis, den der Aufschwung in der ländlichen Agglo kostet.
Wer ihn nicht zahlen kann, zieht weiter, weg vom See, die Linthebene hinauf. Der Boom ist auch dort längst angekommen. Die einen reiben sich darob die Hände. Andere ballen die Fäuste. Doch wie meint der Eberhard Wali: «Auch Altendorf hat sich lange gewehrt, um ein einfaches, überschaubares Dorf zu bleiben. Aber irgendwann machen sie doch alle mit.»
Schule Ahorn in Schwamendingen ZH: 20 Sprachen und ein Autobahndach am Horizont
An der Tür zum Klassenzimmer steht eine Mutter mit einem farbigen Schal über dem Kopf und einem Kleinkind im Arm. «Haben Sie die Kinder verstanden?», fragt Schulleiterin Gabriella Zürcher. «Ja. Ein bisschen», sagt die Frau und lächelt entschuldigend.
Es ist Projektwoche an der Gesamtschule Ahorn-Friedrich im Zürcher Stadtteil Schwamendingen. Mehrere Tage lang haben sich die Kinder und Jugendlichen vom Kindergarten bis zur Sekundarstufe mit dem Thema «Sprechen und Debattieren» befasst. Jetzt präsentieren sie den Eltern selbst getextete Rapsongs, servieren im Literaturcafé Kurzgeschichten oder führen ein Lesetheater auf. Im Publikum ist hörbar: Deutsch ist hier bei den wenigsten die Muttersprache.
Im «Ahorn-Friedrich» besuchen Mädchen und Buben aus 31 Nationen den Unterricht. In einem Artikel in der Zeitschrift «Schweizer Monat» erschien diesen Frühling ein anonymer Bericht eines Quereinsteiger-Lehrers, der ein verheerendes Bild von solchen Schulen zeichnet. Respektlose Kinder, kaum funktionierender Unterricht, Schulleitungen, die vor der Realität die Augen verschliessen, und Lehrer, die Ausländer hinter vorgehaltener Hand als «Gfotz» und «Gesindel» bezeichnen. In migrationspolitischen Fragen sei er deutlich nach rechts gerückt, zieht der Autor ein Fazit.
«Ich will einen solchen anonymen Bericht hier nicht kommentieren», sagt Schulleiterin Zürcher. Sie sehe ihre Schule nicht so. Der kulturelle Hintergrund der Kinder wirke sich weit weniger auf ihren Schulerfolg aus als ihre individuellen Lernfähigkeiten und ihre Arbeitshaltung. Deutsch lernen stehe im «Ahorn-Friedrich» im Vordergrund, «aber davon profitieren Schülerinnen und Schüler mit Erstsprache Deutsch genauso». Die Lehrerinnen unterrichten in allen Fächern sogenannt sprachbewusst und auf individuell angepasstem Niveau. Während eine Schülerin an einem komplexen deutschen Sachtext arbeitet, erklärt die Lehrerin zwei Bänke weiter dasselbe Thema mithilfe von Bildkarten und einfachen Vokabeln. Dank Quims, einem Förderprogramm für Schulen mit vielen fremdsprachigen Kindern, erhält die Schule Ahorn-Friedrich Fördergelder für Sprachprojekte und Weiterbildungen.
Studien zeigen: Ab einer gewissen Konzentration von fremdsprachigen Schülern wird es schwierig, im Unterricht die Minimalziele zu erreichen. Es fehlen dann die sprachlichen Vorbilder unter Gleichaltrigen. In einer anderen Schule in Schwamendingen hat die Behörde schon versucht, Klassen besser zu durchmischen. Sie wollte Kinder aus stark migrantisch geprägten Quartieren Schulhäusern mit mehr Schülern mit deutscher Muttersprache zuteilen und umgekehrt. Längere Schulwege oder gar Transporte mit Bussen haben bei Eltern aber einen schweren Stand.
Gut möglich ist, dass die Entwicklung von Schwamendingen jetzt mittelfristig selber für diese Durchmischung sorgt. Die Überdachung der Autobahn hat den Stadtteil auf der Schattenseite des Zürichbergs deutlich attraktiver gemacht. Mittelstandsfamilien ziehen in Quartiere, in denen bis vor kurzem noch Lärm und Abgas dominierten. «In zehn Jahren werden wir wohl keine Quims-Schule mehr sein», sagt Gabriella Zürcher. Aus den Gängen schwappt ein Chor aus Kinderlachen und Kindergeschrei ins Lehrerinnenzimmer. «Viele Mitarbeiter kommen genau wegen dieser Vielfalt zu uns.»
Leben im Eriz: Das Gegenteil von Dichtestress und 72 Prozent SVP
Im Eriz dürfen die Jugendlichen bereits mit 13 statt 14 Jahren die Töffliprüfung ablegen – so weit sind die Schulwege. «Wir sind schon ab vom Schuss, aber nicht ab von der Welt, auch wenn das manche denken», sagt Sibylle Häuptli.
Die Sonnenhänge entlang des Tals der Zulg, unterteilt in Aussereriz, Eriz und Innereriz, zeigen sich an diesem Frühlingsmorgen in Postkartenlaune. Sanfte grüne Hügel schmiegen sich an die Bergkette des Hohgants, den Übergang vom Berner Oberland ins Emmental. Die Giebeldächer der Bauernhöfe bieten Schutz bis fast zum Boden. Es ist die Heimat des «Biete-Housi» und des «Brätsch-Sämu». 96 Prozent der 505 Einwohnerinnen und Einwohner (Stand 1. Januar 2026) haben einen Schweizer Pass. Bei den letzten Nationalratswahlen wählten 72 Prozent die SVP.
Als Sibylle Häuptli bei ihrem Haus ankommt, springt ihr Hündin Syra freudig entgegen. Unten am Hang weiden die acht Dexter-Rinder und die drei Esel, die sie gemeinsam mit ihrem Mann hält. Dazu kommen 80 Schafe. Wie für viele Familien im Tal gehört für sie das Bauern zum Leben dazu, davon leben kann allerdings kaum noch jemand. Häuptlis Mann arbeitet auswärts als Techniker, sie Teilzeit im Marketing einer Handelsfirma. Zudem präsidiert sie den Verein Eriztal Tourismus.
«Ich mag das Persönliche hier. Man kennt sich, man hilft einander», sagt die 53-Jährige. Als gelernte Réceptionistin kennt sie die Welt, hat in Südafrika, Saas-Fee und Luzern gelebt. Vor 15 Jahren zog sie zu ihrem Mann ins Eriz. An freien Nachmittagen streift sie gern mit der Tochter und dem Hund durch Wiesen und Wälder. «Wenn wir hier etwas konservativ sind, dann weil wir es schön finden, wie es ist.»
Im Eriz bereitet nicht die Zuwanderung Sorgen, sondern die Abwanderung. Von einst vier Beizen ist nur noch der Gasthof Schneehas beim Skilift übriggeblieben. Dass die «Keine zehn Millionen»-Initiative wohl trotzdem grosse Zustimmung findet, erklärt sich Häuptli auch mit den Medien. «Sie greifen vor allem die Probleme auf.»
Was die Menschen hier wirklich umtreibt, ist das Gefühl, vom Kanton und von den Ämtern bevormundet zu werden. «Wir leben mit der Natur und wollen sie schützen. Aber der behördliche Naturschutz ist für uns eine einzige Gängelung», sagt die sonst so gmögige Teilzeitbäuerin. Fast musste der Skilift schliessen. Die Besenbeiz darf draussen keine Tische und Bänke aufstellen. Heidelbeeren pflücken ist strengstens verboten, obwohl sie im Moor zu Abertausenden wachsen. Häuptli muss selber lachen, wie plötzlich der Zorn sie mitreisst. «Sind wir doch zufrieden mit dem, was wir hier haben.»
Wohnlabor statt Höllentor: Leben über dem Shoppingcenter in Spreitenbach AG
Spreitenbach steht für Shoppingcenter, Hochhäuser und Autobahnzubringer. Doch die Aargauer Gemeinde ist vor allem ein Reallabor für die moderne Schweiz: Hier verdichten sich Zuwanderung, Integration – und Verdrängung durch teurere Neubauten.
«Spreitenbach war immer eine Pioniergemeinde», sagt Gemeindepräsident Markus Mötteli, 67. Mit der ersten und grössten Schweizer Shoppingmall verdoppelte der Ort Anfang der Siebzigerjahre seine Einwohnerzahl und wandelte sich vom Bauerndorf zum urbanen Vorort von Zürich. Die Zweiteilung zwischen idyllischem «Dörfli» am Hang und Wohnblocks über dem «Shoppi» besteht bis heute. Als «Höllentor» kritisierten Kritiker damals das Leben in Hochhäusern über Einkaufszentren. «Und schon damals sprach man von einer Zehn-Millionen-Schweiz», sagt Mötteli.
Seit einem Jahr sorgt der Tivoli-Garten für Wachstum: 445 Wohnungen direkt neben dem Einkaufszentrum. Fast alle sind vermietet. Doch etwas hat sich verändert: «Früher zogen Spreitenbacher in neue Wohnungen, wenn sie sich etwas Grösseres oder Moderneres leisten konnten. Die alten Wohnungen wurden für Zuziehende attraktiv, unter ihnen viele Ausländer.» In den neuen Tivoli-Garten ziehen jetzt Neuzuzüger, 40 Prozent aus dem teureren Kanton Zürich.
Während Mötteli eine Chance für die Finanzen sieht – «Es kommen auch etwas bessere Steuerzahler» –, wird günstiger Wohnraum für Geringverdiener knapp. «Sie finden kaum noch Alternativen, wenn alte Blocks saniert werden. Wir haben praktisch keinen Leerwohnungsbestand.» Demnächst wird ein ganzes Hochhaus in einem günstigen Quartier abgerissen und durch ein neues, teureres ersetzt.
Sozial ist «Spreiti» mit über 70 Nationalitäten eine Herausforderung. «Aber weil die Bevölkerung so heterogen ist, haben wir keine Ghettos. Wir sind keine Banlieue, wie man es in Frankreich kennt. Bei uns müssen alle irgendwie miteinander.»
Politisch ist «Spreiti» eine SVP-Hochburg. Und gegen ein zu schnelles Wachstum hat sich die Bevölkerung massiv gewehrt. «2020 lehnte sie den Bau von mehreren Hochhäusern wuchtig ab. Die Investoren wollten einfach zu viel aufs Mal», sagt Mötteli.
Mit seinem Ausländeranteil von rund 52 Prozent – knapp 20 Prozent mehr als im nahen Zürich – ist Spreitenbach schweizweit ein Spitzenreiter. «Jetzt kann eine Minderheit über die Mehrheit entscheiden. Das stimmt schon etwas nachdenklich», sagt der Gemeindepräsident. Doch viele der zugewanderten Ausländer wollten sich gar nicht einbürgern lassen, selbst wenn es für sie möglich wäre.