Hype um Begriff
Wie Dichtestress zum Schlagwort wurde

Warum das Schlagwort so häufig verwendet wird und welche negativen Effekte die Zuwanderung tatsächlich hat. Einige Fakten zur Politdebatte.
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Zum ersten Mal tauchte der Begriff «Dichtestress» im Jahr 1987 in einem Leserbrief der NZZ auf.
Foto: Keystone

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Andreas Valda und Andreas Valda
Bilanz

Ein Begriff macht Karriere: Dichtestress. Zum ersten Mal tauchte er in den Archiven der etablierten Schweizer Medien im Jahr 1987 auf, und zwar in einem Leserbrief der NZZ: «Immer mehr Schweizerinnen reagieren instinktiv auf die Verhältnisse und halten sich mit der Fortpflanzung zurück. Es handelt sich um eine vollkommen natürliche Anpassung in Richtung auf einen geringeren Dichtestress, auf ein bevölkerungsmässiges Fliessgleichgewicht auf tieferem Niveau.» Mit diesen Worten beschwerte sich ein Auslandschweizer über die Zuwanderung in die Schweiz und die negativen Folgen der Hochkonjunktur.

Die Wirtschaft brummte damals viermal so stark wie heute, der Fortschritt war beträchtlich, die Reallöhne wuchsen. Es waren goldene Jahre für die Schweiz. Die obligatorische berufliche Altersvorsorge wurde eingeführt. Die S-Bahnen und die «Bahn 2000», das Rückgrat der heutigen SBB-Schnellstrecken, wurden gebaut. Doch der NZZ-Leser klagte, dass das Ökosystem «schwerste Schädigungen» aufweise. Die Schweiz verkomme «zur Grossagglomeration» und sei dazu verurteilt, «eine Art Singapur zu werden».

Die damalige Debatte darüber, wie viel Zuwanderung das Land verträgt, wird seitdem mit zunehmender Intensität geführt. Das zeigt sich exemplarisch an der Verwendung des Begriffs «Dichtestress». Seit seiner ersten Erwähnung im Leserbrief von 1987 wurde er bis dato in knapp 12'000 Presseberichten verwendet. Jeden Tag kommen im Mittel derzeit zehn Artikel hinzu. Das Wort ist zum Platzhalter für das negative Befinden über die Folgen der Zuwanderung geworden. Das ist kein Zufall: Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» der SVP steht vor der Tür. Und die Frage ist: Wie echt ist der Dichtestress?

Artikel aus der «Handelszeitung»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Handelszeitung» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du auf www.handelszeitung.ch.

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Ein Liebling der Ecopop-Bewegung

Der Duden kannte das Wort lange nicht. Bis 2009 blieb es fast unbenutzt. Zwischen 1987 und 2008 wurde es ein- bis dreimal pro Jahr in etablierten Medien verwendet, meist von Anhängern der wachstumskritischen Ecopop-Bewegung. Darunter waren Journalisten, die sich mit den Anliegen identifizierten. Sie verwendeten den Begriff sehr vielfältig, so etwa zur Erklärung der Abnahme männlicher Samenproduktion, in der Asylpolitik, im Zusammenhang mit Stauverkehr und sogar zur Erklärung der Taubenplage in Grossstädten.

In der emotionalen Debatte zur Volksinitiative zur Begrenzung der Einwanderung im Jahr 2000 findet sich das Wort «Dichtestress» allerdings in keinem einzigen Bericht – und dies, obwohl das Ziel der SVP damals war, eine maximale Ausländerquote von 18 Prozent in der Verfassung festzuschreiben – bei 6,2 Millionen Einwohnern und Einwohnerinnen. Die Initiative scheiterte, denn das Volk wollte die Wirtschaft nicht abwürgen. Zwei Jahre später, 2002, trat die Personenfreizügigkeit mit der EU in Kraft.

Ruhig bis 2009

Danach blieb es zunächst lange ruhig. Doch dann folgte das Schicksalsjahr 2009: Es wandern 160'000 Menschen ein, 90'000 verlassen das Land im gleichen Jahr; so nimmt die Schweiz 70'000 Personen auf – eine Sensation. Zwei Drittel sind zur Arbeit hergekommen. Die meisten stammen aus EU-Ländern, darunter viele Deutsche.

Etablierte Medien wie die NZZ, die «SonntagsZeitung» und die «Weltwoche» greifen das Wort «Dichtestress» auf. Und obwohl in den nachfolgenden vier Jahren die Nettoeinwanderung auf ein Minimum zurückfällt, bleibt das Schlagwort in der Öffentlichkeit. Die SVP hat es entdeckt und beginnt, Protestwähler der Wirtschaftskrise um sich zu scharen. 2011 lanciert sie die Masseneinwanderungs-Initiative (MEI). Sie fordert die Wiedereinführung von Zuwanderungskontingenten, wie sie bis 2001 existierten.

2014 wird die MEI knapp angenommen. Daraufhin explodiert die Zahl der Berichte über Dichtestress von 84 auf 925 Artikel in einem Jahr. Der Begriff wird zum Wort des Jahres erklärt. Der Duden nimmt es in seinen Katalog auf und definiert es als «die psychische Belastung, resultierend aus zu hoher Bevölkerungsdichte und fehlendem individuellen Rückzugsraum».

Bundesrat erwähnt das Wort nie

Doch der Bundesrat ignoriert den Begriff durchwegs. Er erwähnt Dichtestress in keiner seiner nachfolgenden Botschaften zu Ausländerrecht-Initiativen. Das sind die Ecopop-Initiative (2014), die Begrenzungs-Initiative (2020) und die aktuelle «Keine 10-Millionen-Schweiz»-Initiative. Sie alle haben zum Ziel, die Personenfreizügigkeit zu beenden. Lieber spricht der Bundesrat von Herausforderungen, die im Viereck der «Bedürfnisse der Wirtschaft, der ansässigen Wohnbevölkerung, der humanitären Verpflichtungen und der gesellschaftlichen Akzeptanz zu bewältigen» seien. So steht es in der Botschaft zur aktuellen Volksinitiative, die am 10. Juni zur Abstimmung kommt.

Dass der Bundesrat sich dem Dichtestress als Erklärung verweigert, liegt an der Subjektivität des Begriffs. Denn Stress ist ein Gefühl und lässt sich nicht objektiv messen. Dies zeigt schon der erwähnte NZZ-Leserbrief von 1987. Damals zählte die Schweiz bloss 6,6 Millionen Menschen. Der Wanderungssaldo betrug 28’000 jährlich – einen Drittel des Wertes von 2025. Auch steuerte die Schweiz die Migration damals mit Kontingenten – so, wie es die SVP heute will. Und dennoch beklagten der Leserbriefautor und darauffolgende Schreiberlinge bereits vor vierzig Jahren den gefühlten Dichtestress.

Um den Begriff auf eine objektivere Ebene zu heben, hat das liberalbürgerliche luzernische Forschungsinstitut IWP die negativen Effekte von Zuwanderung als «Überfüllungseffekte» bezeichnet. Die Autoren, darunter Christoph Schaltegger, gingen 2025 der Frage nach, welche dieser Effekte an Zahlen festzumachen sind. Sie untersuchten staatliche und nicht staatliche Infrastruktur. Unter Letzterer verstehen sie etwa Wohnungsknappheit, die Zunahme der Siedlungsfläche, den abnehmenden Selbstversorgungsgrad mit Strom und Lebensmitteln sowie die Folgen für die Umwelt. Die Antworten sind vage. Die Autoren beklagen «Forschungslücken». Die meisten Überfüllungseffekte seien «heute kaum beziffert».

Die Unterschiede von harter und weicher Infrastruktur

Recherchen der Handelszeitung in sieben Bereichen zeigen grosse Unterschiede.

Der Wohnungsmarkt ist seit acht Jahren zuwanderungsbedingt stark angespannt. Das Bundesamt für Wohnungswesen macht die Zuwanderung «für rund 60 Prozent der Nachfrage» verantwortlich. Dass das Angebot mit dieser steigenden Nachfrage nicht mithalten kann, hat vor allem mit der gescheiterten baulichen Verdichtungsstrategie städtischer Gebiete zu tun. Seit 2019 wird massiv weniger gebaut als früher. Die harte Infrastruktur hat Mühe, sich an die Zuwanderung anzupassen.

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Am anderen Ende der Skala stehen Dienstleistungen wie die externe Kinderbetreuung: Sie zeigt keine «Überfüllungseffekte». Der Bund fördert seit 2003 Neugründungen, den Rest regelte der Markt. Bei starker Zuwanderung erhöhte sich das Angebot und umgekehrt.

Weiche Infrastruktur kann sich also anpassen, um den gefühlten Dichtestress zu vermeiden.

Die Schweiz hat zu wenig investiert in Strassen

Ein Gegensatzpaar sind auch der Bahnpersonenverkehr und der motorisierte Individualverkehr. Trotz notorischen Klagen ist die Bahn nach wie vor moderat ausgelastet. «Überfüllungseffekte» gibt es nur regional und zu Stosszeiten. Dies zeigt die nationale Sitzplatzauslastung.

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Anders der Autoverkehr: Die Staustunden haben sich innert 25 Jahren versiebenfacht. Mit ein Grund dafür ist auch hier die Zuwanderung.

Doch der Hauptgrund für Staus ist die unterschiedliche Förderung. In den Bahnausbau wird seit vierzig Jahren viel Geld investiert. Das Angebot konnte dank dieser Investitionen mit der Nachfrage Schritt halten. Nicht so die Autobahnen. Seit 2007 investiert der Bund fast nichts mehr in ihren Ausbau.

Und das Volk lehnte einen weiteren Autobahnausbau 2024 ab. Die Staustunden sind also hausgemacht. Auch hätten es Unternehmen und Ausbildungsstätten in der Hand, die Stauklagen zu mindern. Die Corona-Pandemie hat es gezeigt: Dank Homeoffice und Zu-Hause-Lernen gab es zu Stosszeiten kaum Stau und halb leere Züge. Jetzt müssen alle wieder zurück in die Büros und Studiensäle. Willkommen im Dichtestress.

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Falsche Prognose hat Wohnungsmangel mitverursacht

Die Knappheit harter Infrastruktur hat in der Raumplanung auch mit einer falschen Prognose zu tun. 2010 schätzte das Bundesamt für Statistik die Nettozuwanderung auf jährlich 15'000 Personen. Tatsächlich waren es jährlich 68'000 in der Zeitspanne von 2010 bis 2024. Diese Fehlprognose führte zu falschen, sprich zu tiefen Annahmen in der Raumplanung bei der Bemessung von Bauzonen und sie verschärfte den Wohnungsmangel.

Treiber der Nachfrage sind fast immer überlagerte Effekte. Sie sind auch im Inland zu suchen. Ein Beispiel dafür ist das Gesundheitswesen. Der medizinische Fortschritt generiert seit Jahren ein Mengenwachstum. Dieses ist stärker als die Zusatznachfrage durch Zuwanderer. So ist es etwa bei ambulanten Notfallbehandlungen. Deren Zahl hat sich von 2012 bis 2022 fast verdoppelt, während die Bevölkerung in dieser Zeit um 10 Prozent gewachsen ist.

Wo es der Markt regelt, passen sich weiche Infrastrukturen wie Kita-Plätze rasch der Nachfrage an. Und nicht das gesamte Nachfragewachstum ist auf Zuwanderung zurückzuführen.

Fakt ist: Bei harter Infrastruktur braucht es Jahre und viel Geld, bis Planungsfehler korrigiert sind. Und das hat sich als der Nährboden erwiesen, auf dem der Hype um den Dichtestress entstanden ist. Ein gefundenes Fressen für politische Kampagnen.

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