Darum gehts
- Fremdenfeindlicher Flyer im Zug Zürich-Baar sorgt für Empörung und Verunsicherung
- SBB prüft rechtliche Schritte gegen Verteilung rassistischer Inhalte
- 2023: Durchschnittlich 6 Gewaltdelikte pro Tag an Schweizer Bahnhöfen
Ein lautes Gespräch am Morgen, den Nachbarsitz mit der Tasche besetzen – typische Verstösse gegen den Zug-Knigge. Wer sie missachtet, erntet böse Blicke. Für Felipe H.* aber endete ein Telefongespräch in einer unangenehmen Überraschung.
Am vergangenen Montag telefoniert der 46-Jährige auf dem Weg zur Arbeit im Zug von Zürich ZH Richtung Baar ZG auf Spanisch. Plötzlich tritt eine ihm unbekannte Person an den Tisch, legt eine Karte vor den Rohstoffhändler und macht sich davon. Blick liegt ein Bild der Karte vor, die fordert: «Ausländer, Klappe halten!»
Neun Sprachen, eine klare Botschaft: «Ausländer, Klappe halten!»
Felipe H. ist sprachlos: «Zuerst war ich verwirrt, weil die Karte mit dem blauen Design, den Symbolen und dem SBB-Logo unten rechts wie ein echter Flyer der SBB aussah. Ich dachte, ich sitze in einem Ruheabteil», sagt er Blick. Ihm wird aber schnell bewusst, dass es sich um eine Imitation handelt und die Karte nicht vom Unternehmen stammt.
In neun Sprachen werden scheinbar laute Personen mit Migrationshintergrund aufgefordert, ruhig zu sein. Die Piktogramme zeigen ein Telefonverbot, eine Figur mit Geste zum Schweigen sowie eine Person, die von einem mit Schweizerkreuz versehenen Schuh getreten wird – die Botschaft ist selbsterklärend.
Der Rohstoffhändler ist verunsichert. «Die Karte hat insofern eine Wirkung auf mich, weil ich mich nicht mehr willkommen fühle, wenn sich einige Menschen durch meine Fremdsprache und meine Anwesenheit gestört fühlen», erklärt er. Insbesondere mit Hinblick auf die 10-Millionen-Initiative, wie er weiter ausführt.
Karte platziert und nun?
Der Betroffene fragt sich, was die SBB gegen den Vorfall machen. Auf Blick-Anfrage teilt Mediensprecher Moritz Weisskopf mit: «Die SBB distanziert sich ausdrücklich von den Inhalten dieser Flyer und prüft rechtliche Schritte. Das Verteilen von rassistischen Inhalten wird zudem konsequent zur Anzeige gebracht.» Auch sei das Austeilen von Drucksachen in Zügen und Bahnhofsareal ohne schriftliche Bewilligung der SBB untersagt.
Die Person sei laut Felipe H. nach dem Platzieren der Karte weggelaufen. Laut dem Betroffenen habe niemand sonst reagiert, weil der Vorfall still ablief und er alleine im Abteil sass. «Der Mann legte die Karte einfach auf mein Ablagetischchen am Fenster und ging wortlos weiter. Ich war verwirrt», beschreibt er die Situation.
Sowohl beim Unternehmen als auch beim Betroffenen hinterlässt die Begegnung Spuren. «Die SBB verurteilt jegliche Form von Rassismus und Diskriminierung aufs Schärfste.» Das Unternehmen stehe für eine offene und integrative Schweiz, in der sich alle Fahrgäste sicher und willkommen fühlen dürfen, ergänzt der Mediensprecher. Felipe H. hingegen zieht sich zurück: «Ich werde in den nächsten Monaten wohl etwas leiser sprechen, bis sich das Gefühl gelegt hat.»
* Name der Redaktion bekannt