Darum gehts
- Öffentlicher Verkehr ist heute ein Raum voller Verhaltensregeln und Hinweisschilder
- SVP-Nationalrat Rémy Wyssmann kritisiert die vielen Regeln
- Leserberichte zeigen Alltagserfahrungen
Wer heute in den Zug steigt, reist selten nur von A nach B. Er bewegt sich durch einen Raum voller stiller Regeln und klarer Hinweise. In Zügen und Bussen erinnern Schilder an leises Telefonieren, korrektes Ein- und Aussteigen oder daran, Sitzplätze freizugeben. Der öffentliche Verkehr ist damit zu einem Ort geworden, an dem Anstand zunehmend erklärt werden muss.
Diese Entwicklung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Warum braucht es all diese Hinweise überhaupt? Haben wir verlernt, uns rücksichtsvoll zu verhalten, oder trauen Institutionen den Menschen immer weniger zu? Kritische Stimmen sehen darin eine schleichende Bevormundung. Auch SVP-Nationalrat Rémy Wyssmann findet die wachsende Regel-Dichte problematisch. Er warnt davor, dass Eigenverantwortung nicht gestärkt, sondern verdrängt werde, wenn selbst einfache Umgangsformen schriftlich festgehalten werden müssen.
Umfrage zeigt gespaltene Meinungen
Die Sinnhaftigkeit der zahlreichen Verhaltensregeln beschäftigt auch unsere Leserschaft. In einer Blick-Umfrage mit über 2000 Teilnehmern sprechen sich 58 Prozent dafür aus, dass die Hinweise den Alltag im öffentlichen Verkehr angenehmer machen. Sie sehen darin eine notwendige Orientierung in einem immer dichteren und konfliktanfälligeren Raum. 42 Prozent hingegen empfinden die Regeln als störend und bevormundend.
Erfahrungen aus dem öffentlichen Verkehr
In der Kommentarspalte berichten zahlreiche Leserinnen und Leser von ärgerlichen Alltagserlebnissen im Zug- und Busverkehr. Michèle Lochmann teilt ihre Sicht als Tramfahrerin. «Was man erlebt, ist fast Standard: Telefonate im Bus, oft über Lautsprecher. An fast jeder Haltestelle ein Sprint, als gäbe es eine Medaille zu gewinnen, dabei werden Türen blockiert, obwohl das nächste Fahrzeug in drei Minuten kommt. Der Fahrgastwechsel wirkt wie ein offener Machtkampf. Über Mittag wird gegessen, abends gedönert, am Feierabend und Wochenende mit Dosenbier ‹entspannt› – geruchlich sehr präsent. Der ÖV ist rauer geworden. Vielleicht auch ein Spiegel unserer Dauerstressgesellschaft. Die Verhaltensregeln kennen viele nicht.»
Ähnliches berichtet Leser Raphi aus seinem Pendleralltag: «Beim Einsteigen fängt es an, geht über Gespräche oder Telefonate, die viel zu laut oder persönlich sind, und endet damit, den Platz mit Gepäck, Jacke oder Füssen zu belegen. Anstand Älteren gegenüber ist ebenfalls eine Seltenheit. Die Leute benehmen sich weniger. Also muss man logisch mehr auf das korrekte Verhalten aufmerksam machen, wenn es nicht mehr als selbstverständlich gilt.»
«Das Volk braucht solche Anweisungen»
Auch Ernst Küng spricht sich für Verhaltensregeln im Zug, Bus und Tram aus. «Leider ist es nötig, einen Teil unseres egoistischen Volkes wieder beginnen zu erziehen.» Er berichtet von einer kürzlichen Erfahrung am Basler Bahnhof, bei der sich eine grosse Menschenmenge zum Einsteigen drängte. «Ich schrie genervt in die Runde: ‹Kann man hier eigentlich irgendwie aussteigen, um das Tram zu verlassen?› Es ginge dann vermutlich auch schneller und besser vorwärts. Siehe da, es wurde mir Platz gemacht. Ohne meinen Ausruf würde man wahrscheinlich noch heute warten. Also braucht das Volk leider solche Anweisungen.»
Ein anonymer Leser berichtet von einem besonders drastischen Vorfall: «Im Zug von Zürich nach Bern hat eine Passagierin hinter mir in den Zug gepinkelt, weil das WC besetzt war. Es war so widerlich!» Er sieht darin einen dringenden Beleg dafür, dass klare Verhaltensregeln im öffentlichen Verkehr unerlässlich sind.
Kritik an der Regel-Flut
Auf der anderen Seite gibt es auch Leserinnen und Leser, die den Verhaltensregeln im öffentlichen Verkehr kritisch gegenüberstehen. Beatrice Forrer, die früher bei der SBB gearbeitet hat, sieht darin den Ursprung vieler Probleme. «Laute Telefonate, laute Beats, Leute, die extra laut zusammen sprechen – all das, um wahrgenommen zu werden. Sich bemerkbar machen ist für unser Selbstwertgefühl wichtiger als der Respekt zum Gegenüber.» Für sie ist klar: «Mehr Benimmregeln wird dieses Verhalten genau ins Gegenteil bringen. Es wird noch mehr eskaliert, randaliert und zu Gewalt kommen. Aus dieser Schleife rauskommen werden wir nicht durch Benimmregeln, da der Respekt ein Ablaufdatum hat.»
Arthuro Turi teilt diese Ansicht: «Alles wird vorgeschrieben. Ich stehe in vielen Bereichen in der Verantwortung und nehme diese auch jeden Tag wahr. Ich brauche diese Bevormundung in vielen Bereichen schlicht nicht.» Wie er erklärt, sei es, «wie immer in den letzten Jahren»: Eine kleine Minderheit verursache Probleme, während die grosse Mehrheit immer mehr Freiheit und Selbstbestimmung verliere. «Das führt langsam, aber sicher, in eine Diktatur. Dabei wäre es ganz einfach, die paar Unbelehrbaren mal richtig zur Brust zu nehmen», betont er.
Ähnlich sieht es Diego De La Vega, der von einer «erschreckenden Infantilisierung» spricht. «Überall hängen Schilder, die uns Selbstverständlichkeiten erklären, als wären wir im Kindergarten. Solange Rücksichtnahme als Schwäche und Egoismus als Selbstverwirklichung missverstanden wird, wird die Flut an Verboten weiter zunehmen.» Für ihn ist es ein Teufelskreis: Je mehr uns Piktogramme das Denken abnehmen, desto mehr verkümmere der gesunde Menschenverstand. «Wir brauchen keine Anleitungen, sondern wieder eine echte Kinderstube. Eigenverantwortung beginnt im Kopf, nicht auf einem Plakat!»