«Warum bin ich die einzige, die hinschaut?»
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Wemmse über feige Passagiere:«Warum bin ich die Einzige, die hinschaut?»

«Ich werde nie wieder helfen»
So erlebt die Blick-Community Zivilcourage im Zug

Ein Vorfall in einem Schweizer Zug zeigt die Realität: Zivilcourage bleibt oft Theorie. Viele Leser berichten von eigenen mutigen Einsätzen – aber auch von bitteren Folgen, die sie heute zum Wegsehen bringen.
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An Bahnhöfen und in Zügen kommt es immer wieder zu unangenehmen Situationen, die Zivilcourage und Aufmerksamkeit der Fahrgäste erfordern.
Foto: STEFAN BOHRER

Darum gehts

  • Eine Schweizer Influencerin erlebte Zivilcourage-Mangel während eines Vorfalls im Zug
  • Viele Menschen greifen aus Angst vor Konsequenzen oder Gefahr nicht ein
  • Blick Umfrage zeigt: 45 Prozent würden eingreifen
Die künstliche Intelligenz von Blick lernt noch und macht vielleicht Fehler.
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Sarah RiberzaniRedaktorin Community

Zivilcourage gilt als moralischer Anspruch, doch in der Realität sorgt sie immer wieder für hitzige Debatten. Ausgelöst werden sie oft durch Erlebnisse wie jenes der Schweizer Influencerin Wemmse: In einem Zug sei eine junge Frau von einem Mann bedrängt worden, während andere Passagiere weggesehen hätten. «Warum hilft niemand? Wir waren im Zug eingesperrt, mit einem offensichtlich schlimmen Mann», sagte die 22-Jährige später. Sie selbst habe vor Angst am ganzen Körper gezittert. 

Der Vorfall wirft eine Frage auf, die viele beschäftigt – und auf die Leserinnen und Leser zunehmend ambivalente Antworten geben: Warum greifen so viele nicht mehr ein, obwohl sie merken, dass etwas nicht stimmt?

Zivilcourage in der Theorie

Eine Blick-Umfrage mit über 1500 Teilnehmenden zeigt: Auf dem Papier wäre die Zivilcourage hoch. 40 Prozent der Befragten geben an, sie würden selbstverständlich aufstehen und etwas sagen – selbst dann, wenn die andere Person ihnen körperlich überlegen ist. Weitere 45 Prozent sagen, es komme auf die Situation an: Macht ihnen die Person Angst, würden sie eher nicht eingreifen. Nur 15 Prozent geben offen zu, aus Angst vor einem Konflikt nichts zu tun.

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Doch die Zahlen zeigen auch: In der Realität sind viele Situationen genau jene, die Angst machen. Das «Kommt drauf an» wird dann schnell zum Wegsehen – wie im Fall der Schweizer Influencerin Wemmse, der erneut eine Debatte über Zivilcourage ausgelöst hat.

Mutige Momente, bittere Folgen

Die Zurückhaltung wird von vielen persönlichen Erfahrungen untermauert, die Userinnen und User schildern. Ein anonymer Blick-Leser erzählt: «Ich habe schon eingegriffen, als junge Männer in einem Tram einen Juden verbal belästigt haben. Das Tram war voll, nur ein älterer Mann hat zaghaft interveniert. Alle anderen starrten angestrengt auf ihr Handy. Es stimmt: Die Leute haben weniger Zivilcourage. Gleichzeitig wird es immer gefährlicher, einzugreifen.»

Marek Lupos teilt einen Vorfall in einem Regionalzug in Luzern, bei dem er mutig einen Mann aufforderte, das Pöbeln gegenüber Frauen zu unterlassen. «Der Zug war voll, ich habe den Mann sofort aufgefordert, damit aufzuhören. Daraufhin wurde er aggressiv, und er sowie seine Gruppe haben den Zug mir drohend verlassen.» Doch das Eingreifen hatte für Lupos einen bitteren Nachgeschmack: Im Nachhinein sei er von anderen Personen als Rassist beschimpft worden. Für ihn ist seither klar: «Nie wieder werde ich Anstalten machen zu helfen!»

Ähnlich nachdenklich berichtet Guido Meier von einem Ereignis: «Ich habe Zivilcourage gezeigt und die Polizei angerufen, weil ein Mann einen Ausländer verprügelt hat.» Die Polizei sei jedoch nicht gekommen. Stattdessen habe der Täter bemerkt, dass Meier telefonierte, wodurch die Situation eskalierte. «Ich musste ihn dann selber erledigen.» Weil er zuvor die Polizei gerufen hatte, sei für die Behörden klar gewesen, dass er den Mann geschlagen habe. «Ich hatte dann Glück, denn der angegriffene Mann sagte später, er habe den Mann geschlagen.» So blieb der Vorfall für Meier ohne rechtliche Konsequenzen. «Seither halte ich mich bei Konflikten raus», sagt der Leser. 

«Wer begibt sich schon gerne in Gefahr?»

Die Angst vor rechtlichen Konsequenzen hemmt viele. «Wenn man eingreift und es zu einem Gerangel kommt, in dem man den Typen niederschlägt, wird man angezeigt und ist am Ende der Dumme. Deshalb will kein Mann eingreifen. Ähnlich ist es bei einem Einbruch zu Hause: Schlägst du den Täter nieder, kannst du angezeigt werden. Die Gesetze müssten dringend angepasst werden!», kommentiert Jacques Schmid. 

Ähnlich argumentiert Marlis Hättenschwiler: «Erstens sind heute viele Täter mit Messern bewaffnet, und zweitens wird man noch angeklagt, wenn man dem Täter ein Härchen krümmt. Bei unserem Täterschutz ist Wegsehen zwar nicht okay, aber völlig verständlich. Wer begibt sich schon gerne in Gefahr?»

Einsatz trotz Risiko

Demgegenüber ist für einige Leser ein Eingreifen trotz möglicher Konsequenzen eine selbstverständliche Pflicht. So berichtet Roman Bachmair: «Ein Kollege und ich haben auch schon auf eine Durchsage des Zugbegleiters hin umgehend reagiert und sind ihm zur Seite gestanden, als er von vier Jugendlichen bedroht wurde, welche dann nach der Ankunft in Luzern der Polizei übergeben werden konnten. Das war keine Frage, dass man hier beisteht. Aber ja, vielmals sind die meisten halt nur noch mit ihren Handys beschäftigt und ignorieren ihr gegenwärtiges Umfeld!»

Auch für Leser Andreas Haldemann ist klar: «Es geht nicht darum, das Gegenüber abzuschlagen, sondern darum, dem Opfer beizustehen. Wenn dies in einer frühen Phase drei bis vier Menschen bestimmt machen, lässt der Täter in vielen Fällen von seinem Vorhaben ab. Es passt zu unserer Zeit, dass jeder stets die Abwägung zu seinen Gunsten trifft. Das ist schade. Wenn es hart auf hart kommt, sage ich: Einen nehme ich sicher mit!»

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