Darum gehts
- Ioana P. (44) kämpft am Zürcher Depotweg mit aggressiver Konkurrenz
- Rumänische und ungarische Gruppen beanspruchen Standplätze
- Ioana P. lebt aktuell von Erspartem, sie plant Karrierewechsel zur Masseurin
Ioana P.* (44) ist verzweifelt. Die Prostituierte will in der Schweiz ein neues Leben beginnen. Doch auf dem Zürcher Strichplatz Depotweg drohen ihre Träume zu platzen.
Zu Blick sagt die Sexarbeiterin: «Der Ort schien mir sicher zu sein.» Aber: «Rumänische und ungarische Frauengruppen kontrollieren den Platz. Sie waren sehr aggressiv und jagten mich fort!»
Strichplatz als Hoffnung
Die 44-Jährige ist in Rumänien geboren, zog 2009 nach Spanien, hat die dortige Staatsbürgerschaft und arbeitete ab 2018 als Sexarbeiterin. Nur: «Dort herrschen extrem schlechte Arbeitsbedingungen für Sexarbeiterinnen.»
Hier versuchte die Sexarbeiterin ihr Glück über Inserate. «Es haben sich jedoch nur wenige Freier bei mir gemeldet», sagt sie und erklärt: «Die Konkurrenz ist gross. Viele der Frauen sind jünger und hübscher als ich.» Auch kontaktierte Ioana P. diverse Sex-Clubs. Doch die lehnten die Sexarbeiterin wegen ihres Alters ab.
Also versuchte P. beim Zürcher Strichplatz Depotweg ihr Glück. Noch bevor sie dort startete, informierte sie sich über allfällige Bewilligungen. Die nötigen Dokumente hat die Rumänin.
Die Konkurrenz
Sie berichtet: «Ich begab mich zu einem freien Standplatz im vorderen Bereich des Strichplatzes.» Dort sei die Wahrscheinlichkeit auf einen Freier grösser. «Wenn die Kunden auf dem Corso unterwegs sind, haben sie weiter hinten bereits eine Frau im Auto und sind nicht mehr interessiert.»
Doch später sei sie von den rumänischen und ungarischen Frauengruppen angegangen worden. «Sie meinten, dass das ihr Platz sei und sie seit Jahren dort arbeiten.»
Ioana P. erklärt: «Die Situation hat mich irritiert, weil die Platzvorschriften auf der Website eindeutig besagen, dass es untersagt ist, feste Standplätze zu beanspruchen.»
Platz mit eigenen Spielregeln
Sie wandte sich an das Platzteam, das den Depotweg managt. «Aber auch der Staff meinte zunächst, dass diese Frauen schon länger dort seien und ich mir doch einen anderen Standplatz suchen soll.»
Die Sexarbeiterin verliess den Strichplatz daraufhin. Zurück im Hostel wandte sie sich schriftlich an die Zürcher Stadtpolizei – in der Hoffnung auf eine Lösung.
Deren Antwort: ernüchternd. So heisst es in einem Mail an P.: Grundsätzlich könne niemand bestimmte Standplätze reservieren. Es sei aber so, dass «die meisten Frauen seit Jahren an denselben Plätzen stehen» und dass es «immer eine gewisse Konkurrenz zwischen Frauen aus Rumänien und Ungarn gibt». Der Stadtpolizist erklärt auch: «An diesem Ort gelten eigene Regeln.» Weiter schreibt er, die Polizei sei an diesem Ort «Aussenstehende», sie habe kein Recht, Anweisungen zu erteilen.
Auf Blick-Anfrage bestätigt Marc Surber, Sprecher der Stadtpolizei Zürich, am Dienstag die Angaben seines Kollegen gegenüber Ioana P.: «Die Regelung solcher Angelegenheiten obliegt dem Platzteam. Sexarbeiter*innen können sich bei Problemen jederzeit an diese Personen wenden.» Und: «Die Stadtpolizei interveniert bei Streitigkeiten mit strafbaren Handlungen. Bei Regelverstössen oder schwerwiegenden Fällen kann das Platzteam die Stadtpolizei beiziehen, um eine gemeinsame Lösung zu finden.»
Konflikt um besseren Standplatz
Nadeen Schuster, Sprecherin der Abteilung Soziale Einrichtungen und Betriebe des Sozialdepartements der Stadt Zürich, die den Depotweg betreibt, bestätigt am Dienstag auf Blick-Anfrage: «Das Beanspruchen fester Standplätze ist grundsätzlich untersagt.» Aber: «Wenn Personen regelmässig kommen, können informelle Nutzungsmuster entstehen.»
Bei Konflikten unter den Sexarbeiterinnen interveniere das Platzteam – so auch im Fall von Ioana P. «Hier hat sich ein Konflikt um den besten Standplatz entwickelt. Das Platzteam hat mehrmals und länger versucht zu vermitteln und der Klientin geraten, in Dialog mit den anderen eine Lösung zu finden.» Nur: «Dies war nicht möglich. Die Situation konnte nicht geklärt werden. Die Klientin hat den Platz daraufhin verlassen.»
Wie es nun weitergehen soll, weiss die Sexarbeiterin nicht. Aktuell lebt sie von ihrem Ersparten. Ihr Wunsch: «Ich will in der Schweiz bleiben, eine Ausbildung zur Masseurin machen. Aber die ist teuer, und ich habe kaum mehr Geld übrig.» Bei der Art von Massage ist Ioana P. offen: «Egal ob physiotherapeutische Therapien oder Sexmassagen – Hauptsache weg von der Prostitution.»
* Name geändert