Darum gehts
- Lars Rutschmann, bekannt als «Wintifigger», lebt seit zehn Jahren in Prag
- Er verdiente in der Pornobranche bis zu 30'000 Franken monatlich
- Nach Wendepunkten arbeitet er seit über zehn Jahren bei einer Escort-Plattform
Er war einst bekannt als «Wintifigger»: Blick trifft den Ex-Pornodarsteller Lars Rutschmann (48) in einem Zürcher Café. Grauer Bart, weisses Leinenhemd, weisse Hose, ein Wohlstandsbäuchlein und eine Sonnenbrille im Haar.
Rutschmann begrüsst offen, herzlich. Als die Fotografin die Kamera hebt, huscht für einen Moment Nervosität über sein Gesicht. Dann richtet er die Schultern und posiert.
Er bestellt einen Espresso Tonic, also einen Espresso mit Tonic-Wasser. «In Prag trinken das alle», sagt er. Die tschechische Hauptstadt ist seit zehn Jahren sein Zuhause. Ausgewandert war er für seine damalige Freundin.
Von der Spedition ins Sex-Business
Angesprochen auf seine Kindheit erzählt er von seinem Bubentraum: «Ich wollte Lastwagenfahrer werden.» Im Teenie-Alter ändern sich die Pläne: Er wird Speditionskaufmann.
Anfang der 2000er-Jahre verlässt der junge Mann die Transportbranche, jobbt im Casinotheater Winterthur – und dreht nebenbei Pornofilme. «Ich fand Pornos einfach geil. Ich sammelte sie – damals als VHS-Kassetten. Irgendwann dachte ich: Das kann ich auch.»
Im Jahr 2004 legt der damals 25-Jährige los: Er leiht sich eine Kamera von einem Freund, bucht über eine Agentur vier Pornodarstellerinnen und produziert seine ersten Filme. Um diese unter die Leute zu bringen, habe er eine eigene Internetseite programmiert und so schliesslich sein erstes Porno-Geld verdient.
Als sein Arbeitgeber, das Casinotheater, herausfindet, was er nebenberuflich macht, stellt es Rutschmann vor die Wahl: Sexfilme oder Kleinkunst. Mit seinem Entscheid für die Pornobranche startet er seine Karriere unter dem Alias «Michael Ryan» und wird 2008 auch bekannt als «Wintifigger».
30’000 Franken im Monat und Tripper
Der Zugang zur Branche fällt ihm leicht: Er reist viel in die USA, trifft dort Menschen aus aller Welt, feiert an Partys von grossen Pornoproduzenten und hat viel Sex – auch mit berühmten Pornostars. Er verdient «nicht schlecht»: Monatlich landen bis zu 30’000 Franken auf seinem Konto.
Michael Ryan dreht «klassische Pornos», wie er sagt – eher härter und schnell. Vor der Kamera fühlt er sich wohl. Er hat mit Hunderten Frauen geschlafen. «Bei 500 habe ich aufgehört zu zählen», sagt er. «Ich lebte ein Highlife. Während andere im Büro sassen, flog ich First Class und lebte dieses wilde Leben.»
Schnell hat er mehrere Funktionen: Neben Sex vor der Kamera schreibt er Porno-Drehbücher, führt Regie und ist Produktionsleiter bei einem Schweizer Filmunternehmen. So entstehen seine Filme wie «Durch die Schweiz gefickt» (2007), «Hier fickt der Chef noch persönlich!» (2011) oder «Porn in the USA» (2013). «Ich liebe Wortspiele», sagt er stolz.
Sein Job birgt auch Schattenseiten: «Jeder, der erzählt, er hätte sich nie etwas eingefangen, lügt! Ich hatte so oft Tripper und Chlamydien, dass mein Arzt mich gewarnt hat, ich könnte eine Antibiotika-Immunität entwickeln.»
Die Mutter weint, der Vater schweigt
Auch zu Hause bleibt seine Tätigkeit nicht unbemerkt. Als seine Mutter von einer Nachbarin erfährt, was ihr Sohn treibt, weint sie. Die Nachbarin hatte im Jahr 2006 im «Landboten» ein Interview von Rutschmann gelesen. Sein Vater schweigt. Stolz ist er nicht.
Die Reaktion seiner Grossmutter verblüfft ihn bis heute. Er habe ihr nie gesagt, was seine Arbeit sei. Doch als er sie vor Jahren im Altersheim besuchte, sagte sie ihm: «Ich weiss schon lange, was du tust.» Sie meinte, dass man im Alter nicht bereuen solle, etwas nicht gewagt zu haben. Und: «Man muss am Abend in den Spiegel schauen und später im Altersheim über sein Leben schmunzeln können.»
Der Bruch mit der Industrie
Bei Drehs in den USA sieht Rutschmann, wie Darstellerinnen hinter der Kamera Drogen konsumieren. Als er eine Frau darauf anspricht, erzählt sie ihm, dass sie das mache, weil sie ihren Filmpartner derart verabscheue.
«Da hat es Klick gemacht», sagt er. Zum ersten Mal stellt er das System infrage, von dem er lebt. «Ich überlegte: Kann ich am Abend noch in den Spiegel schauen?»
Was anfangs aufregend war, wird zur Routine. «Irgendwann gehen die Reize verloren. Selbst intimste Dinge lösten kaum noch etwas in mir aus», so Rutschmann.
Seine Bedenken stimmen ihn «grantig» – auch bei der Arbeit. Nach einem Zerwürfnis verliert er schliesslich seinen Job beim Filmunternehmen. Im Alter von 36 Jahren beendet er seine Karriere als Pornodarsteller und -produzent.
Von der Pornobranche ins Escort-Business
Schnell findet er einen neuen Job. Ein Freund, der eine Escort-Plattform betreibt, stellt ihn ein. Mittlerweile arbeitet er seit über zehn Jahren dort. Er prüft Inserate von Prostituierten, die um Freier werben, und verdient auch hier offenbar ordentlich Geld.
Vor drei Jahren lernt Rutschmann über eine Dating-App seine heutige Frau (25) in Prag kennen. Als er ihr beim ersten Treffen von seiner Vergangenheit erzählt, zeigt sie grosses Interesse. «Sie sagte, dass sie gerade ihre Masterarbeit über Plattformen wie Onlyfans und deren rechtliche Strukturen schreibt. Das überraschte mich.»
Im letzten Sommer heirateten die beiden. «Sie ist meine Seelenverwandte», schwärmt er. Gemeinsam wollen sie eine Firma gründen und in Tschechien eine Sugar-Daddy-Plattform entwickeln, auf der Männer Frauen Geld für Begleitung anbieten können.
Sollten eines Tages gemeinsame Kinder folgen, würde er ihnen den Einstieg ins Pornobusiness verbieten. Eine Rückkehr komme auch für ihn nicht infrage – obwohl er seine Zeit als Pornostar nicht bereut. «Man macht sich psychisch kaputt», sagt er. «Vor allem als Frau kann ich das niemandem empfehlen – da wirst du in allen Belangen gefickt.»