Darum gehts
- Eine Frau starb am Mittwoch bei einem Seilbahnunglück am Titlis
- Windböen bis 100 km/h sollen die Gondel aus der Bahn geworfen haben
- Ab 40 km/h gelten Sicherheitsgrenzen, bei Missachtung drohen Strafen
Haben die Titlis-Bergbahnen den Wind im Gebiet ignoriert oder unterschätzt? Hat dies zum Unglück am Mittwoch geführt, bei dem eine Frau ums Leben kam?
Das zumindest impliziert die Aussage des Chefs des Seilbahnherstellers Garaventa, Arno Inauen. Seine Firma ist die Herstellerin der Gondeln. «Zum Zeitpunkt des Unfalls herrschten starke, böige Winde», sagt er zu Blick. «Nach aktuellem Kenntnisstand wurde das betroffene Fahrzeug durch eine unerwartet kräftige Böe so stark ausgelenkt, dass es mit einer Stütze kollidierte und in der Folge vom Seil gerissen wurde.»
Das Onlineportal «Watson» berichtet in diesem Zusammenhang, dass Sicherheitschefs von Bergbahnen von Geschäftsleitungen unter Druck gesetzt würden, ihre Anlagen trotz zu hoher Windgeschwindigkeiten weiterfahren zu lassen. «Es gibt viele Skigebiete und Bergbahnen, in denen schon Grenzen überschritten wurden wegen dieses finanziellen Drucks», sagt einer der befragten anonymen Sicherheitschefs.
Kunden machen Druck
Druck geht dabei auch von den Gästen selbst aus. Ein Blick in die Bewertungen zu den Titlis-Bergbahnen zeigt: Fährt eine Bahn nicht, sind die Kunden schnell sauer.
Ein Gast schreibt: «Abzocke! Es herrschte kaum Wind, uns aber wurde gesagt, die Lifte seien wegen zu starken Windes geschlossen.»
«Die Bergbahn verkauft Tickets, obwohl absehbar war, dass der Betrieb unmittelbar nach dem Verkauf der Tickets eingestellt wird», schreibt ein anderer Kunde.
«Keine Grauzone»
Der Sicherheitschef einer grossen Schweizer Bergbahn, auch er will anonym bleiben, sagt zu Blick: «Ja, die Leute wollen die Bahnen nutzen, wenn sie dafür bezahlt haben. Das ist klar. Auch wir als Bahn haben natürlich Interesse daran, dass der Betrieb läuft.»
Von einer systematischen Regelverletzung könne keine Rede sein, erklärt der Sicherheitschef. «Die Regeln sind klar, es gibt keine Grauzone», sagt er. «Man darf fahren oder eben nicht. Wer dagegen verstösst, handelt illegal! Für solche Kollegen, die die Richtlinien bewusst und systematisch ignorieren, habe ich null Verständnis.»
Doch es gibt dennoch ein Problem – das Wetter selbst. «Manchmal sind Windböen sehr schwer vorauszusehen. In dieser Sekunde ist noch alles im grünen Bereich, kurz danach nicht mehr. Heisst: Der Grenzwert wird kurzzeitig überschritten», so der Sicherheitschef. «Einen katastrophalen Unfall sollte es deshalb aber noch lange nicht geben.» Es sei so, wie wenn man kurz mit 130 km/h auf der Autobahn fahre, weil man gerade jemanden überhole. «Ist verboten, kann aber halt vorkommen.»
Beobachtungen ab 40 km/h
Genau das sei das Problem, bestätigt das Bundesamt für Verkehr BAV gegenüber Blick. «Die Grenzwerte sind an sich schon klar, die Entwicklung des Wetters und insbesondere der Windgeschwindigkeiten aber nicht. Es kann sein, dass kurzzeitig während einiger Minuten örtliche Windböen auftreten und Grenzwerte überschritten werden, anschliessend aber wieder nicht mehr», sagt Mediensprecher Mark Siegenthaler.
Deshalb müssen die Bahnen auf Nummer sicher gehen. Siegenthaler sagt: «Bei sehr böigem Wind oder an ausserordentlich exponierten Stellen ist es nicht ausgeschlossen, dass eine Kabine schwingt und sich aufschaukelt, bis zu hohe Pendelungen auftreten.» Aus diesem Grund sei es auch so wichtig, dass der Betrieb ab einer bestimmten Windstärke beobachtet werde. Dies ist in der Schweiz ab 40 km/h der Fall. «Unter Umständen muss dann schon langsamer gefahren werden», so der BAV-Sprecher.
«Das wäre dumm»
Im Falle einer Missachtung der Vorschriften drohen den Bahnen Konsequenzen. Sie reichen bis zu einem Entzug der Betriebsbewilligung und einem Strafverfahren wegen Verletzung der Sorgfaltspflicht.
Der CEO einer weiteren grossen Bergbahn argumentiert aus einer wirtschaftlichen Perspektive. «Es geht nicht nur um die Sicherheit der Kunden, sondern auch um die der Bahn», sagt er zu Blick. Zu starker Wind könne die Bahn beschädigen. «Das kann schnell sehr teuer werden, viel teurer als ein kurzer Betriebsunterbruch. Es wäre auch deshalb dumm, die Grenzwerte zu ignorieren», sagt er. Hinzu komme, dass die Gäste auf ein schlechtes Sicherheitsgefühl sofort mit negativen Bewertungen reagieren würden.
Wie stark war der Wind?
Die Frage nach dem Wind steht bei der Untersuchung zum tragischen Seilbahnunglück vom Mittwoch im Moment im Vordergrund. Denn: Zum Unglückszeitpunkt sollen Windböen mit bis zu 100 km/h über den Titlis gefegt sein.
Kurz nach dem Unglück teilte Meteo Schweiz mit, es sei in der Region am Mittwochmorgen zu einem «kurzen, aber starken Föhnereignis» gekommen. Auf dem 3200 Meter hohen Titlis wurden Böenspitzen von 100 km/h gemessen. Unklar blieb jedoch, ob es weiter unten am Unglücksort auf rund 2000 Metern gleich windig war.
Die Titlis-Bergbahnen wiesen auf Anfrage von Blick eine mögliche Verletzung der Betriebsregeln in Bezug auf die Windgeschwindigkeiten deutlich zurück.