Darum gehts
- Am Mittwoch stürzte in Engelberg eine Gondel ab, Frau (†61) tot
- Unfall durch starke Windböe; ähnlicher Fall geschah im Jahr 2019 im Kanton Schwyz
- Windspitzen bis 130 km/h, Seilbahnen müssen 80 km/h Wind standhalten
Man könnte es ein tragisches Déjà-vu nennen: Am Mittwoch stürzte im Skigebiet Engelberg-Titlis OW eine Gondel des «Titlis Xpress» ab. Der Unfall kostete einer Frau (†61) aus der Region das Leben. Für Kenner der Branche wirkt der Unfallhergang bedrückend vertraut – denn bereits am 20. Oktober 2019 ereignete sich in Rickenbach SZ ein ähnliches Unglück mit einer Seilbahngondel der Rotenfluebahn.
Die Parallelen zwischen den beiden Vorfällen sind auffallend – und werfen drängende Fragen auf: Wurden aus dem ersten Unglück nicht genügend Lehren gezogen? Und können Gondelbahnen überhaupt gegen die Gewalt extremer Windböen geschützt werden?
Zwei Unfälle, ein fatales Muster
In beiden Fällen spielte eine explosive Mischung aus ungünstigen Faktoren zusammen. Im Oktober 2019 schwenkte eine heftige Windböe kurz nach 11 Uhr eine talwärts fahrende Kabine der Rotenfluebahn so stark aus, dass sie gegen eine Stütze prallte. Die Kabine wurde vom laufenden Förderseil gerissen und stürzte etwa 20 Meter in die Tiefe. Glück im Unglück: Die Gondel war leer.
Sieben Jahre später wiederholt sich das Szenario fast genau gleich am Titlis – diesmal mit tödlichem Ausgang. Nach ersten Erkenntnissen der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) kollidierte die Klemme der Unglücksgondel mit Rollen an einem Mast, woraufhin sich die Kabine vom Seil löste. Die 61-jährige Frau aus der Region, allein in der Gondel, hatte keine Überlebenschance.
Besonders beunruhigend: In beiden Fällen hatten die Betreiber-Teams bereits reagiert. Bei der Rotenfluebahn war um 10.50 Uhr entschieden worden, keine Fahrgäste mehr einsteigen zu lassen und den Betrieb zu beenden. Am Titlis war das Personal gerade dabei, die Gondeln wegen starker Winde einzuparken, als das Unglück geschah. «Aufgrund des starken Windes haben die Mitarbeiter entschieden, die Bahn abzustellen und die Gondeln in Sicherheit zu bringen», erklärte Hans Wicki, FDP-Ständerat und Verwaltungsratspräsident der Titlis Bergbahnen. Der Unfall habe sich ausgerechnet während dieses Vorgangs ereignet.
Die tückische Unberechenbarkeit von Windböen
Die Sust kam 2020 im Fall Rickenbach zu einem eindeutigen Schluss: «Ein Reagieren auf die unvermittelt aufkommende Windböe war nicht möglich.» Diese Erkenntnis gilt möglicherweise auch für den Titlis-Fall. Trotz moderner Windmesssysteme und gut ausgebildetem Personal können extreme Böen so plötzlich und lokal begrenzt auftreten, dass selbst bei korrektem Verhalten der Betreiber Unfälle passieren.
Am 20. Oktober 2019 herrschte in Rickenbach eine Südföhnlage mit Windgeschwindigkeiten zwischen Warn- und Alarmwert (40 / 60 km/h). Die entscheidende Böe wurde mit 90 km/h gemessen – wobei die tatsächliche Geschwindigkeit aufgrund der Trägheit der Messgeräte vermutlich höher lag.
Am Titlis waren am Mittwoch Windspitzen von bis zu 130 km/h vorhergesagt.
In beiden Fällen variierte die Windstärke stark: Was an einer Messstelle noch im grünen Bereich liegt, kann wenige hundert Meter weiter bereits zur tödlichen Gefahr werden.
Technische Gemeinsamkeiten wecken Fragen
Beide betroffenen Bahnen stammen vom renommierten Schweizer Hersteller Garaventa, der seit 2002 Teil der österreichischen Doppelmayr-Gruppe ist. Die Rotenfluebahn wurde 2014 in Betrieb genommen, der Titlis Xpress 2015. Beide Anlagen waren kurz vor den Unfällen gewartet worden.
Pikant: Bereits 2021 hatte die Sust den Klemmen von Doppelmayr Garaventa kein gutes Zeugnis ausgestellt. Norbert Patt, CEO der Titlis Bergbahnen, räumte ein, dass die Klemme beim aktuellen Unfall «eine wichtige Rolle gespielt» habe. Arno Inauen, CEO von Garaventa, erklärte gegenüber dem Blick, die betroffene Gondel sei «durch eine unerwartet kräftige Böe so stark ausgelenkt worden, dass sie mit einer Stütze kollidierte und in der Folge vom Seil gerissen wurde.»
Ungelöste Probleme
Die Norm sieht vor, dass Gondelbahnen Windgeschwindigkeiten von 80 km/h standhalten müssen – eine Vorgabe, die in beiden Fällen offenbar überschritten wurde. Doch reichen diese Sicherheitsmargen noch aus? Müssen Klemmsysteme robuster konstruiert werden? Sollten Windmesssysteme dichter und sensibler platziert werden?
Die Herausforderungen sind gross: Die Sust schloss ihre Untersuchung zum Fall Rickenbach 2020 mit der Feststellung ab, dass «weitergehende Untersuchungshandlungen keine zusätzlichen, für die Verhütung von Zwischenfällen zweckdienlichen Erkenntnisse» erbringen würden.
Heute, nach dem tödlichen Unfall am Titlis, klingt diese Einschätzung bitter. Wird es dieses Mal gelingen, aus dem Unglück Konsequenzen zu ziehen, die zukünftige Tragödien verhindern?