«Da kommen Lastwagen mit manipulierten Bremsen»
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Verkehr am Simplonpass:«Da kommen Lastwagen mit manipulierten Bremsen»

Noch nie rollten so viele Lastwagen durch Gondo VS
«Was, wenn einer dieser Lastwagen ungebremst ins Dorf rast?»

104'000 Lastwagen sind letztes Jahr über den Simplonpass gefahren. So viele wie noch nie! Und die Zahl wird in Zukunft steigen. Für ein kleines Dorf an der Schweizer Grenze sind das schlechte Aussichten. In Gondo VS fühlt man sich mit dem Problem alleingelassen.
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Das kleine Dorf Gondo ächzt unter der Belastung durch den Schwerverkehr.
Foto: Martin Meul

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Am Brenner: Sperrung am 30. Mai wegen Verkehrsprotesten
  • Am Simplon: 14 Prozent mehr LKW seit 2024, Sicherheitsbedenken steigen
  • 934 LKW kontrolliert 2025: Ein Drittel beanstandet, 10 Prozent gestoppt
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Martin MeulReporter News

Am 30. Mai wird am Brenner nichts gehen: Die wichtige Nord-Süd-Verbindung in Österreich wird an diesem Samstag für viele Stunden gesperrt sein. Umfahrungsmöglichkeiten gibt es nicht.

Der Grund für die Sperrung: Die Menschen der Region haben genug vom Verkehr. Genug davon, Lastwagen und Autos ertragen zu müssen. Sie werden an jenem Samstag gegen den Verkehr vor ihrer Haustür demonstrieren, wie der ORF berichtet. Denn jedes Jahr donnern mehr LKW und Autos über «ihren» Pass. Am Brenner stieg die Zahl der LKW-Fahrten im Jahr 2025 gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent und betrug rund 2,4 Millionen Lastwagen.

Zunahme auch am Simplon

Immer mehr Verkehr, vor allem immer mehr Lastwagen, gibt es auch in den Schweizer Alpen, genauer gesagt am Simplonpass im Wallis. Durch das Grenzdorf Gondo fuhren im letzten Jahr 104'000 Lastwagen, ein Plus von 14 Prozent gegenüber 2024! Pro Tag sind das rund 400 Fahrzeuge. Im Vergleich zum Jahr 2000 hat sich die Zahl der Lastwagen am Simplon damit vervierfacht. 

Im Dorf Gondo schwankt die Stimmung bei den gut 80 Einwohnern zum Thema LKW zwischen Pragmatismus und Ärgernis. «Die gehören halt dazu. Aber man muss aufpassen, und von Zeit zu Zeit nerven sie schon», sagt eine Einwohnerin zu Blick und fügt an: «Selbstverständlich merken wir, dass es immer mehr werden.»

Von morgens um fünf bis abends um zehn Uhr rollen die Lastwagen durch das Dorf. Sie sind auch für Gemeindepräsident Daniel Squaratti (42) ein grosses Thema. «Mit jedem Fahrzeug steigt die Lärmbelastung, aber auch das Risiko für das Dorf», sagt er zu Blick. Squaratti denkt dabei an verschiedene Unfallszenarien. «Auch wenn wir nur wenig Einwohner haben, sind hier Leute unterwegs. Neben den Einheimischen auch Touristen und Wanderer», sagt er. 

Die Sorge um die Sicherheit des Dorfs und seiner Bewohner wird auch vom Umstand genährt, dass viele der LKW in einem schlechten Zustand sind. Denn am Simplon sind sehr oft Lastwagen unterwegs, die nicht im Geringsten dafür geeignet sind, den 2000 Meter hohen Pass mit seinen steilen Strassenpassagen zu befahren. 

Jeder dritte LKW beanstandet

Ende März berichtete der «Walliser Bote», dass am Schwerverkehrskontrollzentrum Simplon im vergangenen Jahr 934 Fahrzeuge kontrolliert worden seien – jedes dritte Fahrzeug sei beanstandet worden, fast jedem zehnten Fahrzeug sei die Weiterfahrt verweigert worden. Oftmals gab es Probleme mit den Bremsen. Für Gondo, das Dorf auf der Simplonsüdseite, ist das eine ständige potenzielle Bedrohung. «Was, wenn einer dieser Lastwagen ungebremst ins Dorf rast?», fragt Daniel Squaratti. «Das ist sehr beunruhigend.» 

Doch auch auf der Nordseite des Simplons beobachtet man die wachsende Zahl der 40-Tönner mit grosser Sorge. Matthias Hildbrand (28, Mitte) ist Abgeordneter im Kantonsparlament und wohnt in Ried-Brig. Das Dorf liegt direkt an der Simplonstrasse. Er sagt zu Blick: «Es werden immer mehr, damit steigt die Unfallgefahr.»

Auch Hildbrand kommt auf die technischen Mängel zu sprechen. «Mit Kabelbindern manipulierte Bremsen oder massive Geschwindigkeitsüberschreitungen sind keine Lappalien», sagt er. Erst recht vor dem Hintergrund, dass viele der LKW gefährliche Chemikalien transportieren. 11 Prozent aller Lastwagen am Simplon haben solche Gefahrengüter geladen. «Auch wenn die Strasse nicht direkt durch das Dorf führt, gibt es angrenzende Häuser, in denen Leute mit ihren Familien und Kindern wohnen. Bei einem Unfall mit Gefahrengütern wären die Folgen verheerend», erklärt Hildbrand.

Tendenz steigend

Die Frage ist: Was tun? Denn die Zeichen stehen auf noch mehr Lastwagen am Simplon. Ende 2025 wurde die sogenannte rollende Autobahn, mit der ganze LKW auf Züge verladen wurden, aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. «Der Bund und der Kanton Wallis sind deshalb massiv gefordert. Es geht um die Sicherheit und die Lebensqualität der Menschen hier am Simplon. Es darf nicht erst Tote geben», sagt Hildbrand.

Auch in Gondo fühlt sich Gemeindepräsident Daniel Squaratti mit dem Problem alleingelassen. «Für den ÖV müssen wir zahlen, die LKW sollen wir aber gratis ertragen. Das ist schon stossend», sagt er. 

Und manchmal muss Squaratti sich sogar darum kümmern, dass ein Geisterlastwagen von seinem Gemeindegebiet entfernt wird. Solche Aktionen heben die Stimmung ebenfalls nicht.

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