Darum gehts
- 41 Tote und über 100 Verletzte beim Brand in Crans-Montana-Bar
- Agata (16) überlebte mit Verbrennungen an 65 Prozent des Körpers
- 25 Verletzte, davon 9 in der Schweiz, sind weiterhin hospitalisiert
Jugendliche, die eine Show mit Champagnerflaschenkerzen feiern. Sie machen Videos, grölen, singen, feiern den Start ins neue Jahr. Wenig später Schreie, Feuer, Gedränge, Verletzte, Tote, Stille. Für 41 vor allem junge Menschen endete in dieser Horrornacht das Leben, die Zukunft. Die Erinnerungen an sie bleiben.
Ein halbes Jahr ist seit dem Silvester-Inferno in der Bar Le Constellation in Crans-Montana VS vergangen. Neben den Todesopfern, die zu beklagen waren, überlebten über 100 Leute verletzt. Eine davon ist Agata* (16). Blick hat die Teenagerin getroffen und mit ihr über die Erlebnisse seit der Tragödie gesprochen.
Über das, was sichtbar ist. Und über das Unsichtbare – ihre Gefühle, ihre Seele. Sichtbar sind ihre Hauttransplantationen. Deren vier hat sie über sich ergehen lassen müssen. Mit Fischhaut – einer Methode, deren Ergebnisse laut Experten vielversprechend sind. Am Rücken, am Bauch und an den Armen hat sie viele Stellen, die dunkler sind als ihre normale, gesunde Haut.
Keine Detailerinnerungen an Brandnacht
Aufgrund ihrer schweren Verletzungen war Agata nach dem Silvester-Drama lange im Universitätsspital in Lausanne. Total fünf Monate. Und zu Beginn mehr als einen Monat im Koma. «Als ich aus dem Koma erwachte, konnte ich mich nicht wirklich an den verhängnisvollen Abend und die Details erinnern», sagt die Teenagerin. «Nur daran, dass es einen Brand gab.»
Was sie aber sofort bemerkte: dass etwas mit ihrer Haut nicht stimmt. «Es machte mir extrem Angst, als ich auf meinen Armen die transplantierte Haut sah.» Die Eingriffe waren nötig: Sie hat an 65 Prozent ihres Körpers Verbrennungen – also an zwei Dritteln. Doch nun durfte Agata das Spital verlassen und ist wieder zu Hause in Sion VS.
Andere Brandverletzte konnten das noch nicht: Wie «Le Temps» berichtet, befinden sich 25 Verletzte weiterhin im Spital, 9 davon in der Schweiz. Sie kämpfen darum, ihr Leben Schritt für Schritt wieder aufzubauen. Ein Leben, dass durch den Vorfall erschüttert wurde. Ein Leben, bei dem nichts mehr wie vorher sein wird. Nach dem Koma und den Operationen müssen sie noch zahlreiche Therapien durchlaufen. In der Hoffnung, wieder an die Schule oder ins Studium zurückkehren zu können und nach und nach wieder Halt im Leben zu finden.
«Gemischte Gefühle»
Auch Agata muss wieder Halt finden. «Im Moment fällt es mir schwer, zu beschreiben, wie ich mich fühle», sagt sie. «Ich kann nicht akzeptieren, was passiert ist. Ich habe nicht akzeptiert, was ich wegen dieser Bar durchmachen musste, und im Moment habe ich gemischte Gefühle.»
Diese Gefühle sind absolut nachvollziehbar, hat Agata doch beim Drama einen engen Freund verloren. Und daher betont sie auch, wie wichtig es sei, den Jugendlichen, die im «Le Constellation» anwesend waren, keine Schuld zu geben: «Ich finde, dass über diese Unterscheidung nicht genug gesprochen wird, aber das Wichtigste ist nicht, zu wissen, wo sie gestorben sind», meint die Schülerin. Sondern: «Man muss sich darauf konzentrieren, dass sie durch einen Brand ums Leben gekommen sind. Und nicht, weil sie an diesem Abend in einer Bar waren.»
Agata war an diesem Abend in der Bar. Sie hat überlebt. Sie hat eine Zukunft. Die Walliserin hofft, im September wieder zur Schule gehen zu können. Und sie will auch anderen Jugendlichen und deren Angehörigen, die vom Branddrama betroffen sind, eine Botschaft mitgeben.
Sie sagt: «Man darf weder sich selbst noch anderen Vorwürfe machen. Der Brand wurde durch mangelhafte Instandhaltung der Bar verursacht und nicht, weil wir zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Und: «Den Mädchen, denen es so geht wie mir, will ich sagen, dass es wichtig ist, sich Zeit zu nehmen, um wieder ein wenig zu sich selbst zu finden. Und dass es immer möglich ist, gestärkt zurückzukommen.»
* Name bekannt