«Ich hatte Angst, meine Hände zu sehen»
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Brandopfer Roze (18):«Ich hatte Angst, meine Hände zu sehen»

Crans-Montana könnte Milliarden kosten – der Fall von Familie I. zeigt, warum
56 Millionen Schadenersatz allein für eine Familie

56 Millionen Franken fordert die Familie I. nach dem tragischen Barbrand in Crans-Montana. Die Geschwister Fabienne (18) und Gilles I. (25) überlebten schwer verletzt und leiden seither an physischen und psychischen Folgeschäden.
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Jacques uns Jessica Moretti müssen sich nun auch mit gewaltigen Schadensersatzforderungen befassen.
Foto: ALESSANDRO DELLA VALLE

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Geschwister fordern 56 Mio. CHF Schadenersatz für Brandverletzungen in Crans-Montana
  • Fabienne erlitt Verbrennungen an 10 Prozent, Gilles an 30 Prozent des Körpers
  • Insgesamt über 1 Milliarde CHF Schadensersatzforderungen gegen mutmasslich Verantwortliche erwartet
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Martin MeulReporter News

Die Geschwister Fabienne I.* (18) und Gilles I.* (25) aus dem Kanton Waadt erleben am Neujahrstag Schlimmes. Gegen 00.30 Uhr treffen die beiden mit einer Kollegin im «Le Constellation» in Crans-Montana ein. Nur eine Stunde später werden beide schwer verletzt und auf dem Weg ins Spital sein. 

Für die traumatischen Erlebnisse und die Verletzungen, die die beiden erleben mussten, fordern sie nun Schadensersatz. Fabienne und Gilles wollen je 25 Millionen Franken. Die Forderung zeigt: Neben den Schicksalen und der juristischen Aufarbeitung geht es beim Inferno von Crans-Montana auch um Geld – um sehr viel Geld.

Gedränge auf der Treppe

Berichte, die Blick einsehen konnte, zeigen, was Fabienne und Gilles I. im «Le Constellation» widerfahren ist. Sekunden vor der Katastrophe beobachtete Fabienne einen Aufzug von Kellnern, die Champagnerflaschen bringen, an deren Hälsen brennende Wunderkerzen befestigt sind. Diese Show findet direkt an ihrem Tisch und dem Nachbartisch statt, die für diesen Zweck zusammengeschoben werden. 

Plötzlich hört die junge Frau ein Geräusch, dreht sich zur Bar um und sieht das Feuer an der Decke. Die Flammen breiten sich extrem schnell aus. Fabienne I. schreit mehrmals: «Es brennt!».

Ihr Bruder Gilles schiebt sie in Richtung der Treppe, um ins Freie zu gelangen. Als sie die Treppe erreichen, lodert das Feuer bereits über ihnen an der Decke, die Luft ist brennend heiss. 

Auf der Treppe vom Keller nach oben staut sich eine Menschenmenge. Fabienne ist in der Masse gefangen, kann sich nicht mehr bewegen und sieht nur noch oranges Licht. In diesem Moment glaubt sie, sterben zu müssen. Sie beschreibt, wie sie plötzlich von einer «Feuerwalze» überrollt wird und spürt, wie das Feuer ihren Körper durchdringt.

Gerettet vom Bruder

Kurz darauf spürt Fabienne die frische Luft. Wie sie es aus der Bar geschafft hat, kann sie nicht erklären. Erst draussen bemerkt sie, dass ein Teil ihrer Haare verbrannt ist.

Ihre Rettung verdankt Fabienne ihrem Bruder. Gemäss seinen Aussagen schiebt er sie durch das Gedränge auf der Treppe. Dabei erleidet er schwere Verbrennungen im Nacken, am Rücken und an den Händen. 

Im Erdgeschoss bricht Gilles zusammen, wird ohnmächtig. Er kommt erst draussen vor dem «Le Constellation» wieder zu sich. 

In einer nahe gelegenen Bar trifft er später wieder auf seine Schwester. Von dort kommen die beiden ins Spital. 

Fabienne I. fordert 25 Millionen Franken

Für das erlebte Martyrium fordern die Familie I. von den mutmasslich verantwortlichen Personen nun Schadenersatz. Gemeint sind damit alle, gegen die derzeit eine Strafuntersuchung läuft. Also Jacques (49) und Jessica Moretti (40), aber auch der Gemeindepräsident von Crans-Montana, Nicolas Féraud, sowie verschiedene aktuelle und ehemalige Beamte. Fabienne I. fordert 25 Millionen Franken. Die Begründung: Sie erlitt schwere Verbrennungen an 10 Prozent des Körpers und musste mehrfach operiert werden. 

Als Schülerin im Abschlussjahr muss sie aufgrund ihrer Verletzungen das Schuljahr wiederholen. Die Forderung begründet sich zudem durch das Erleben von Todesangst während des Brandes und den Verlust enger Freunde. «Seitdem leide ich unter sehr präsenten Erinnerungen an diese Nacht, unter starken Ängsten und grossen Schwierigkeiten, wieder ein normales soziales Leben aufzunehmen», erklärt die junge Frau.

Insgesamt 56 Millionen Franken

Auch ihr Bruder Gilles fordert 25 Millionen Franken. Er erlitt Verbrennungen an 30 Prozent des Körpers. «Bei meiner Ankunft im Spital musste ich sofort intubiert und für mehrere Tage in ein künstliches Koma versetzt werden, während mein Leben ernsthaft in Gefahr war. Anschliessend wurde ich nacheinander nach Zürich, Luzern und ins Unispital Lausanne verlegt, um mehrere chirurgische Eingriffe sowie Hauttransplantationen zu erhalten, fern von meiner Familie und meinen Angehörigen, die im Kanton Waadt leben», so Gilles I. 

Er ist zu 100 Prozent arbeitsunfähig und auf ständige Reha angewiesen. Die Forderung umfasst auch physische Schmerzen, psychische Traumata sowie berufliche und persönliche Einbussen. «Die Schäden, die ich erlitten habe, stehen in direktem Zusammenhang mit dem Brand. Was ich erlebt habe, verfolgt mich bis heute.»

Die Mutter und der Vater fordern jeweils 2,5 Millionen Franken. Wegen der psychischen Belastung für die Familie, die Reisekosten und die beruflichen Ausfälle. Auch der Bruder fordert eine Million Franken – wegen der Auswirkungen des Infernos auf die Familie und sein Studium. 

Aberhunderte Millionen Franken

Zusammengefasst fordert allein die Familie I. 56 Millionen Franken und macht klar: Die mutmasslich Verantwortlichen sollen nicht nur juristisch bestraft, sondern auch finanziell massiv zur Rechenschaft gezogen werden. 

Die Frage nach den finanziellen Folgen des Infernos dürften in den kommenden Wochen und Monaten, neben den strafrechtlichen Untersuchungen, zunehmend in den Fokus rücken und gewaltige Dimensionen erreichen.

Opferanwalt Sebastien Fanti erklärte gegenüber Blick schon Anfang Februar: «Wir sprechen hier von Hunderten Millionen Franken.» Geld, das Fanti und andere Opferanwälte für die Opfer erkämpfen wollen. Fanti erklärt: «Wir hoffen, dass das schnell passiert, wenn möglich aussergerichtlich. Wir werden aber sicher alle Möglichkeiten ausschöpfen, auch internationale.»

Andere Schätzungen gehen von über einer Milliarde Franken aus, die an die Opfer gezahlt werden müssen. Staatsrechtsexperten gehen davon aus, dass eine Staatshaftungsklage gegen die Gemeinde Crans-Montana aussichtsreich sein könnte. «Feuerpolizeiliche Normen sind elementare Verpflichtungen von Gemeinwesen, um für eine gewisse Sicherheit zu sorgen», sagte Felix Uhlmann, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht gegenüber «SRF».

* Namen geändert

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