Darum gehts
- Starke Schneefälle im Wallis führten zu Lawinenwarnstufe 5, Wintersportler auf Belalp aktiv
- Arbaz VS abgeschnitten, Familie ohne Nahrung, Belalp mit Sicherheitsvorkehrungen
- Ein Meter Neuschnee auf Belalp VS in drei Tagen gefallen
Lange liess er auf sich warten, nun ist er endlich da: der grosse Schnee. Gerade noch rechtzeitig zu den Sportferien hat es im Wallis kräftig geschneit. Innert drei Tagen ist auf der Belalp VS gut ein Meter Neuschnee gefallen. Die Wintersportler freuts.
Doch die weisse Pracht hat auch ihre Schattenseiten. Die Lawinenwarnstufe wurde am Dienstagmorgen für Teile des Wallis auf 5 angehoben. Maximale Warnstufe. Betroffen war vor allem der Norden des Kantons sowie der äusserste Südwesten.
In Arbaz VS kämpft Familie Käser mit den Schneemassen. Der Ort liegt in der Zone, in der aktuell die grösste Lawinen-Gefahrenstufe herrscht. «Wir können mit dem Auto nicht mehr wegfahren», sagt Vater Stephan zu Blick. «Die Kinder und Teenies haben Spass, aber für uns Eltern ist es stressig und ein wenig beängstigend. Wir müssen jetzt dringend schauen, dass wir irgendwo einen Bus nehmen können, um Nahrung zu kaufen. Diese ist uns bereits ausgegangen.»
Muntere Wintersportler
Gefahrenstufe 5 herrschte am Dienstag auch auf der Belalp. Peter Schwitter (64) ist dort Sicherheitschef. Er erklärt gegenüber Blick: «Stufe 5 kommt äusserst selten vor. Es bedeutet, dass Lawinen spontan abgehen und bis in den Talgrund vordringen können.»
Während in Arbaz der Schnee das Leben zum Erliegen gebracht hat, wird auf der Belalp munter Wintersport betrieben. Die Skischulen sind unterwegs, die Pisten gut gefüllt, obwohl das Wetter eher schlecht ist. Blick trifft Elia (8) und seine Mutter Ursula (37) aus dem Berner Oberland. «Wir fühlen uns absolut sicher hier auf den Pisten», sagt Ursula. Sie kommt seit Jahren auf die Belalp. «Nach dem Lawinenwinter 1999 wurde sehr viel in die Sicherheit investiert, deshalb geniessen wir vor allem den frischen Schnee», sagt sie.
Sicherheitschef Schwitter stützt diese Aussage. Er sagt: «Wegen der 99er Lawine haben wir eine unglaublich gute Infrastruktur. Wir haben viele automatische Sprenganlagen an der Abrisskante der Gratlawine aufgestellt.» Die sogenannte Gratlawine drang im Winter 1999 weit bis ins Dorf Blatten unterhalb der Belalp vor und zerstörte mehrere Häuser. «Dank der Sprenganlagen können wir die Lawine auslösen, auch wenn das Wetter zu schlecht für den Einsatz des Helikopters ist. Darum kann man bei uns weiterhin Skifahren», so Schwitter.
Dennoch viel Arbeit
Was leicht tönt, ist dennoch mit viel Arbeit und Verantwortung verbunden. Bei der Entscheidung, ob eine Piste geöffnet werden kann, kommt Pisten- und Rettungschef Michael Salzgeber (54) seine Erfahrung zugute. Man weiss, wo sich gefährliche Hänge befinden, wo sich Schneeverfrachtungen bilden und wo Skifahrer unterwegs sind. «Das muss man im Gefühl haben, damit man rasch entscheiden kann», sagt er.
Neben der Sicherheit der Gäste muss Salzgeber aber auch auf seine eigenen Leute schauen. «Nachts sind unsere Pistenfahrzeugführer im Einsatz. Auch sie sind exponiert – trotz der grossen Maschinen. Bei solchen Verhältnissen müssen wir jederzeit mit grossen Lawinen rechnen, die auch für sie gefährlich werden können.»
Das Gefährliche kommt erst
Paradoxerweise bereitet die aktuelle Situation dem Pisten- und Rettungschef nicht die grössten Sorgen. Er sagt: «Bei Lawinenstufe 4 oder 5 liegt meist so viel Schnee, dass abseits der Pisten oft gar nicht vernünftig gefahren werden kann. Das wirkt eher bremsend. Die Gefahr von Lawinenunfällen steigt, wenn die Lawinenwarnstufe wieder sinkt.» Bereits wurde die Gefahrenstufe auch für das Wallis am Dienstagabend wieder auf 4 runtergestuft.
Mit Sorgen blickt der Rettungschef nun auf das Wochenende, wenn sich die Sonne wieder zeigen soll. «Das macht mir schon Bauchschmerzen. Die Leute sind dann kaum zu bremsen. Dann beobachten wir sehr genau und versuchen, mit allen Kommunikationsmitteln auf die Gefahren hinzuweisen», sagt Salzgeber. Aber in dieser Phase werde viel ausprobiert, und es herrsche teilweise «eine gewisse Sorglosigkeit».
Für Salzgeber ist entscheidend, dass eine allfällige Auslösung durch einen Freerider kein Schneebrett auf eine offene Piste drücken kann. «Das ist matchentscheidend. Da geht es nicht nur um Eigenverantwortung, sondern auch um die Verantwortung gegenüber anderen Gästen», sagt er eindringlich.
Weitreichende Folgen
Wie angespannt die Situation ist, zeigte sich derweil an anderen Orten im Land. Eine gewaltige Staublawine ging am Dienstag am Wetterhorn oberhalb von Grindelwald BE nieder. Ein Blick-Leser filmte, wie sich eine riesige Schneewolke ins Tal wälzte. Personen kamen laut bisherigen Informationen nicht zu Schaden, für die Region gilt jedoch Lawinenstufe 4 («gross»).
Im Wallis ist die Lage noch dramatischer: Bei Täsch blockierte eine Staublawine die Strecke nach Zermatt, die Züge der Matterhorn-Gotthard-Bahn standen still, Ersatzbusse verkehrten.
DCX STORY: doc84m4xd5qmhg5z1yf149c [Riesige Staublawine bei Täsch VS]
La Fouly VS musste wegen der extremen Lawinengefahr bereits am Montag evakuiert werden. Bisher sind in diesem Winter in der Schweiz zwölf Lawinentote zu verzeichnen, wie der Website des WSL-Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) zu entnehmen ist. Das letzte tödliche Unglück ereignete sich am Sonntag in Davos GR.