Darum gehts
- Heftige Schneefälle in Alpen, Schneebrett in Davos tötet Snowboarder
- Lawinengefahr Alarmstufe 4 betrifft fast gesamte Schweizer Alpen
- 10 Prozent Lawinentodesfälle bei hohen Warnstufen laut SLF Statistik
Heftige Schneefälle haben dieser Tage die Alpen im Griff. In Davos GR löst sich am Sonntagnachmittag ein Schneebrett und reisst einen 38-jährigen Snowboarder in den Tod. Auch das Wallis hat mit Lawinen zu kämpfen. In Goppenstein VS entgleist ein Zug mit 29 Passagieren an Bord wegen einer Lawine. Dabei werden fünf Personen verletzt. Die Bahnstrecke ist bis Samstag unterbrochen. Ausserdem werden Teile des Dorfs La Fouly in der Gemeinde Orsières VS gestern Morgen wegen Lawinengefahr evakuiert. Dabei müssen rund 50 Menschen ihre Häuser verlassen.
Für grosse Teile der Alpen gilt Alarmstufe 4 von 5, wie das WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF verkündet. Die Gefahrenzone ist gross, sie reicht einmal quer durch die Alpen. Besonders Regionen über 2000 Meter sind betroffen. Diese Gefahrenstufe gilt üblicherweise nur an wenigen Tagen in einem Winter. Sehr selten passiert es, dass praktisch die ganzen Schweizer Alpen gleichzeitig betroffen sind. Gemäss Statistik geschehen rund 10 Prozent aller Todesfälle im Zusammenhang mit Lawinen dann, wenn die Warnstufe als «hoch» gilt. Das SLF gibt jeden Abend um 17 Uhr eine Prognose für die nächsten 24 Stunden heraus.
«Wie ein Kartenhaus»
Thomas Stucki (57), Leiter vom Lawinenwarndienst beim SLF, schätzt die Lage ein: «Das kann jeden Winter grossflächig vorkommen. Es ist daher nicht ausserordentlich, aber sicher auch nicht alltäglich», so Stucki. Bei der aktuellen Situation sei die Vorgeschichte wichtig.
Weil es in der letzten Zeit grossflächig eher wenig geschneit hat und jetzt viel Neuschnee dazukommt, führt das zu einem ungünstigen Aufbau in der Schneedecke. Auch das stürmische Wetter trägt dazu bei. Die unteren Schneeschichten sind weich und brüchig und können leicht Lawinen auslösen. «Das kann man sich so vorstellen wie ein Kartenhaus. Wenn da eine Last darauf kommt, dann bricht das Kartenhaus zusammen. Die schwache Schicht kollabiert, und die Lawine stürzt ab.» Dies mache die Situation zusätzlich gefährlich. «Lawinen können sehr leicht ausgelöst werden oder spontan abstürzen, also von ganz alleine.»
«Abseits der Piste nichts verloren»
Selbst erfahrene Bergführer wie Peter Schmid (70) aus Adelboden BE sehen die Lage aktuell als sehr zugespitzt. Schmid ist seit bald 50 Jahren weltweit als Bergführer tätig und gibt Lawinenkurse. Gefahrenstufe 4 sei selbst für Profis ein hohes Risiko. «Wer kein Experte ist, hat abseits von Strassen, von Skiliften und Pisten nichts mehr verloren.»
Wintersportler müssen ihren Ausflug jedoch nicht direkt abbrechen. Solange das Skigebiet offen sei, könne man es weitestgehend bedenkenlos betreten. «Aber keinen einzigen Meter neben den Pisten, die freigegeben sind», warnt Schmid. «Es ist auch für die Patrouilleure und die zuständigen Menschen eine schwierige, grosse Aufgabe. Wo geben sie frei? Wo können sie die Verantwortung tragen?»
Patrouilleure sorgen für Sicherheit
Mithilfe der Daten und der verhängten Gefahrenstufe des SLF entscheiden Lawinen- und Sicherheitsdienste vor Ort, ob Pisten gesperrt werden oder Gebäude evakuiert werden müssen. Lars Michel (27) vom Pisten- und Rettungsdienst in Adelboden hat an solchen Tagen alle Hände voll zu tun. Nebst der Pistenkontrolle gehören auch die Einschätzungen der Lage zu seinen Aufgaben. «Solche Tage fangen immer früh an. Oder dauern länger, weil wir die Lawinensituation beurteilen und dementsprechend Massnahmen ergreifen müssen.»
Zu diesen Massnahmen gehört auch das Auslösen von Lawinen. «Das machen wir mit einer Sprengpfeife oder Lawinengalgen. Das sind grosse Fischerruten, mit denen man Sprengsätze über der Schneedecke hängen lassen und dann zur Detonation bringen kann», berichtet Michel. «Im besten Fall können wir so die Pisten und Wanderwege sichern. Wenn nicht, können wir die Pisten sperren.»
Besonders Menschen, die die Skipiste gerne verlassen, sogenannte Freerider, sollen sich bei dem hohen Lawinenrisiko an die Begrenzungen halten. «Im Moment sehe ich das Freeriden nicht als besonders schlau an. Wenn man es macht, auch bei geringerer Lawinengefahr, muss man verantwortungsvoll vorgehen.»
Lage bleibt gefährlich
Laut Thomas Stucki vom SLF bleibt die Lage weiter angespannt. «Am Dienstag steht noch mal ein sehr kritischer Tag bevor. Es schneit bis Dienstagabend weiter», so Stucki. «Danach ist aber dieses Niederschlagsereignis fertig. Dann ist davon auszugehen, dass sich die Lawinensituation beruhigt.» Die aktuelle Prognose vom SLF von gestern Abend weitet die Gefahrenzone weiter, unter anderem auf den ganzen Kanton Graubünden, aus.