Darum gehts
- Die Kanadierin Kalie McCrystal (38) verschwand am 1. September am Matterhorn
- Familie vermutet tödlichen Sturz, Unfall beim Abstieg nicht offiziell bestätigt
- Experten: Abstiege schwieriger, Fehler schwer korrigierbar, besonders für Laien
Rekordjagd mit tragischem Ausgang: Die kanadische Bergläuferin Kalie McCrystal (38) wollte am 1. September den Liongrat am Matterhorn in unter fünf Stunden bezwingen.
Auf knapp 4000 Meter Höhe postete sie ein letztes Foto. Gegen 15.45 Uhr soll sie dann von Zeugen beim Abstieg gesehen worden sein. Danach verliert sich ihre Spur. Weder Helikopteraufnahmen noch Lokalisierungsversuche ihres Handys geben bislang Aufschluss darüber, wo sie sich befindet.
Familie nimmt Abschied
Mit jeder Stunde sinkt die Wahrscheinlichkeit, Kalie McCrystal noch lebend zu finden. Ihre Familie veröffentlichte gestern ein Statement, in dem sie Abschied von der 38-Jährigen nimmt. Darin schreibt sie: «Alles deutet darauf hin, dass sie beim Abstieg gestürzt ist.» Offiziell bestätigt ist ein Unfall beim Abstieg bisher nicht. Was nach Kalies letztem bekannten Lebenszeichen geschah, bleibt unklar. Aber: Dass der Abstieg immer wieder zur Todesfalle wird, ist Fakt.
Erst im Juli verunglückten zwei Bergsteiger tödlich. Beim Abstieg über den Hörnligrat des Matterhorns stürzten die zwei Alpinisten aus bisher unbekannten Gründen in den Tod. Auf dem gleichen Abstieg befand sich auch der südkoreanische Bergsteiger (†58), der im August vergangenen Jahres tödlich verunglückte. Seine Begleitung meldete umgehend den Unfall. Die Bergrettung konnte jedoch nur noch den Tod des Mannes feststellen.
Experteneinordnung
Auch Anjan Truffer (52), Bergführer und Rettungschef der Bergrettung Zermatt, kennt die Tücken eines Abstiegs am Matterhorn. Er sagt: «Abstiege sind tendenziell schwerer.»
Die Route von Kalie McCrystal gilt zwar als nicht besonders anspruchsvoll, doch Truffer erklärte gegenüber Blick bereits: «Da viele Stellen durch Fixseile, Ketten und Leitern entschärft wurden, wird die Tour sehr oft unterschätzt.» Fehler und Unfälle könne man trotz Sicherung nicht immer vermeiden. Auch von einem Fixseil könne man schliesslich abrutschen.
Abstieg birgt Risiken für Laien
Die vorhandene Sicherung könne insbesondere beim Abstieg eine wichtige Rolle spielen. An den Fixseilen könne man sich beim Abstieg festhalten, erklärt der Experte. «An diesen Stellen ist man oft wie beim Aufstieg mit dem Gesicht zum Berg gedreht. An den Stellen, wo solche Ausrüstung fehlt, ist die Körperposition anders.»
Die Körperposition zum Berg kann im Falle eines Sturzes ausschlaggebend für den Verlauf sein. Eine weitere Gefahr: «Fehler beim Abstieg sind schwerer zu korrigieren.»
Für weniger erfahrene Bergsteiger könne der Abstieg besonders schwierig werden, warnt Truffer. Ein Grund dafür sei, dass meist nur der Aufstieg trainiert werde. Der Abstieg werde dagegen häufig weniger geübt. Das bereite starke Mühen.