Was Open Airs wirklich bedroht
«Die Hälfte aller Festivals ist gefährdet»

Nirgendwo gibt es eine so hohe Festivaldichte wie in der Schweiz. Doch wie lange bleibt das noch so? Insider berichten von ernsthaften Problemen.
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Konzert von US-Rapper Gunna am Frauenfeld 2026.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweizer Festivals kämpfen mit steigenden Kosten und Fachkräftemangel seit Pandemie
  • Künstlergagen der Headliner sind massiv gestiegen
  • Kleinere Festivals leiden unter dem sinkenden Barumsatz
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Robin BäniRedaktor

Der Alkohol fliesst, auf dem Festivalgelände wird getanzt: Die Schweizer Open-Air-Saison ist in vollem Gange. Mit Klappstuhl und Bierkasten pilgern Abertausende zu den Zeltstädten hierzulande. Dank gutem Wetter herrscht gute Stimmung. Doch hinter den Kulissen braut sich ein Sturm zusammen.

Das Züri-Open-Air fällt dieses Jahr aus. Die Verantwortlichen gönnen sich eine «kreative Pause», heisst es offiziell. Auch das Stars of Sounds in Aarberg BE macht eine «kreative Pause». Ebenso «pausiert» das Hive Air in Wohlen AG. Die Pausenliste liesse sich problemlos fortführen. Man könnte meinen, eine Kreativitätsflaute habe die Schweizer Festivalszene erfasst. Oder man muss bilanzieren, dass nichts davon freiwillig geschieht – dass die Zwangspausen Symptome einer tiefer gehenden Krise sind.

«Die fetten Jahre der Festivals sind vorbei», sagt Thomas Dürr (59), auch bekannt als Eventkönig der Schweiz. Als Chef von Act Entertainment führt er den grössten Konzertveranstalter hierzulande. Zu seinem Portfolio gehört das Greenfield in Interlaken BE. Und Dürr sagt es so: «Gagen, Technik, Infrastruktur – alles wird teurer.» Bis zu 50 Prozent betrage die Kostensteigerung der vergangenen Jahre. Und das, so Dürr, würden nicht alle überleben. «Die Hälfte aller Festivals ist gefährdet.» Eine Prophezeiung? Schwarzmalerei? Oder wie dramatisch ist die Lage wirklich?

Die Welt der Giganten

Wer sich in der Branche umhört, stellt fest: Es gibt Probleme. Ihren Ursprung haben sie in der Pandemie. Zahlreiche Firmen für Licht, Bühne und Ton überlebten die Lockdowns trotz Finanzspritzen nicht. Wer übrig blieb, zog die Preise an. Gleichzeitig kehrten viele Tontechniker der Branche den Rücken, nachdem ihnen ein Virus über Nacht sämtliche Aufträge weggefegt hatte. Der Fachkräftemangel, der daraus entstand, trieb die Kosten weiter nach oben. Doch das allein erklärt die Krise der Festivalbranche nicht.

Wobei: «Die Festivalbranche» gibt es streng genommen nicht. Eigentlich sind es zwei Welten, die sich nur indirekt konkurrenzieren. Die grossen bis gigantischen Open Airs auf der einen, die kleinen bis mittleren auf der anderen Seite. Und beide kämpfen mit unterschiedlichen Hauptproblemen.

Um die Welt der Giganten zu verstehen, muss man über die Landesgrenze blicken, nach Europa, ja in die ganze Welt. Die gute Nachricht: Es gibt nach wie vor viele Festivals. Die schlechte: Sie buhlen mehr oder weniger um dieselben Headliner. Das stärkt deren Verhandlungsmacht und lässt die Gagen explodieren.

Gleichzeitig konzentriert sich der Markt. Vier Veranstalter kontrollieren über 150 der grössten Festivals Europas, darunter das Unternehmen Live Nation, das auch das Frauenfeld besitzt. Mit dem Kapital solcher Giganten mitzuhalten, wird für eigenständige Open Airs immer schwieriger. Das Gurtenfestival etwa muss für Künstlergagen heute 1 Million Franken mehr aufwenden als noch vor wenigen Jahren.

Was entscheidend ist

Die grössten Schweizer Veranstalter haben sich in der Swiss Music Promoter Association (SMPA) zusammengeschlossen. Deren Präsident Christoph Bill (55) sagt es so: «Festivals sind ein Hochrisikogeschäft.» Entscheidend über Erfolg oder Niederlage seien unter anderem die gebuchten Headliner. Um in den schwarzen Zahlen zu bleiben, müssten die meisten Open Airs praktisch ausverkauft sein, so klein seien die Margen. Von einem Festivalsterben will er aber trotzdem nicht sprechen. Lieber von «Herausforderungen».

Um zu beweisen, dass die Branche nicht blutet, verweist Bill auf die Statistik seines Verbands: von 1043 Veranstaltungen im Jahr 2009 auf 3074 Events im Jahr 2025. Ein genauerer Blick offenbart jedoch, dass diese Zahlen mit dem Mitgliederzuwachs des Verbands Schritt halten. Zudem ist diese Erhebung nicht repräsentativ. Vorsichtig lässt sich aber sagen: Bei den grossen Schweizer Festivals ist die Lage derzeit stabil. Anders sieht es bei den kleinen bis mittelgrossen Open Airs aus.

Gerade die vielen kleinen, nicht profitorientierten Festivals machen die Schweizer Livemusiklandschaft so besonders. Veranstaltungen wie die Bad-Bonn-Kilbi, das B-Sides-Festival oder das Rapid-Open-Air. Über 200 solcher Festivals und Musikclubs haben sich im Verband Petzi versammelt. Geschäftsführer Diego Dahinden (39) sagt: «Die Lage bei den kleinen Festivals ist sehr kritisch.» Im vergangenen Jahr hat der Verband eine Umfrage unter seinen Mitgliedern durchgeführt. Über drei Viertel stehen finanziell unter Druck oder stecken in einer kritischen Situation.

Der Wert von Alkohol

Nun liesse sich einwenden, so funktioniere halt der Markt: Übersteigt das Angebot die Nachfrage, folgt die Korrektur, ein Teil der Anbieter verschwindet. Aber Dahinden hält dagegen: «Wir haben kein Problem bei der Nachfrage.» Junge Menschen würden nach wie vor Open Airs besuchen, die Ticketverkäufe seien stabil bis positiv. Das eigentliche Problem liegt woanders: beim sinkenden Barumsatz.

Anders gesagt: Die jungen Erwachsenen trinken und essen zu wenig. Gerade die kleinen Festivals sind enorm davon abhängig. Im Schnitt erzielen sie 40 Prozent ihrer Einnahmen über die Bar. Denn hohe Ticketpreise können sie ohne grosse Headliner nicht durchsetzen.

Dahinden spricht daher von einer «strukturellen Krise». Noch halten sich viele mit Reserven, organisatorischen Anpassungen, Freiwilligenarbeit oder Crowdfunding über Wasser. Nachhaltig ist das aber nicht. In den kommenden Jahren droht ein «relevanter Teil» zu verschwinden. Dahinden rechnet mit einem Drittel aller kleinen Open Airs.

Deshalb fordert der Verband Petzi mehr Geld aus dem Kulturfördertopf. Aktuell finanzieren sich die Non-Profit-Festivals im Schnitt zu einem Fünftel über Subventionen. Zugleich schielen Dahinden und seine Kollegen nach England. Dort zahlen grosse Veranstalter neuerdings 1 Pfund pro verkauftem Ticket in einen Stiftungsfonds ein, aus dem kleinere, unabhängige Veranstalter unterstützt werden. Eine Art Solidaritätsmechanismus. Dahinden hofft auf eine ähnliche Lösung in der Schweiz. Aktuell laufen diesbezüglich Diskussionen.

Das Bedürfnis, ein Festival zu erleben, ist in der Schweiz ungebrochen. Das zeigen die jüngsten Rückmeldungen verschiedener Open Airs. Das gute Wetter hat ihre Tanzflächen trotz Hitzewellen gefüllt. Aber der nächste Sturm wird kommen.

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