Darum gehts
Für viele Kinder und Jugendliche hiess es in der Schweiz ab dieser Woche wieder: Znünitäschli oder Schulthek packen.
Die Bildungsdirektion Kanton Zürich konnte zum Schulanfang aufatmen. Denn: Erstmals seit 20 Jahren stagniert die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die ins neue Schuljahr starten. Gleichzeitig erklärte sie den Lehrkräftemangel für beendet. Bis auf zwölf Klassen konnten für alle Klassen Lehrpersonen gefunden werden. Und die Städte Zürich und Winterthur ZH vermeldeten, dass nach jahrelangem Wachstum weniger Kinder und Jugendliche ins neue Schuljahr starten.
Der Kanton hat bereits im Frühjahr auf diese Situation reagiert: Ab diesem Schuljahr dürfen keine Lehrpersonen ohne Lehrdiplom – sogenannte Poldis – mehr unterrichten. Im Zuge des Lehrkräftemangels waren viele von ihnen angestellt worden. Wer weiterhin als Lehrerin oder Lehrer arbeiten will, muss also eine entsprechende Ausbildung an einer pädagogischen Hochschule absolvieren.
Mehr Lehrpersonen, sinkende Geburtenrate
Dass sich die Situation entspannt, zeigt sich auch in anderen Kantonen – allerdings unterschiedlich stark. So sind etwa im Kanton Luzern zum Schulstart alle Stellen für Klassenlehrpersonen besetzt. Das Bildungs- und Kulturdepartement spricht von einer gewissen Entspannung. Angespannt bleibe die Lage allerdings bei den Heilpädagoginnen und Heilpädagogen.
In Basel-Stadt ist die Lage ebenfalls stabil. Zwar sinken dort die Geburtenzahlen, gleichzeitig wächst die Bevölkerung durch Zuzüge. Für die kommenden Jahre rechnet der Kanton deshalb weiterhin mit steigenden Schülerzahlen – und entsprechend mit einem hohen Bedarf an Schulraum. Beim Personal gebe es aber weder einen Mangel noch ein Überangebot; sämtliche offenen Stellen konnten besetzt werden. Die meisten Personen ohne anerkanntes Lehrdiplom befinden sich laut Erziehungsdepartement bereits in Ausbildung.
Zur Entspannung der Situation im Schulwesen dürften einerseits die steigenden Studierendenzahlen an pädagogischen Hochschulen beigetragen haben. Andererseits sinkt die Geburtenrate in der Schweiz, wodurch weniger Kinder in die Regelschule eintreten. Das Bundesamt für Statistik rechnet damit, dass die Schülerzahlen auf der Primarstufe ab 2027 schweizweit sinken werden. Laut Prognosen dürfte der Bedarf an neuen Lehrpersonen sich bis 2034 um 40 Prozent verringern.
Bevölkerungswachstum kompensiert sinkende Geburtenrate
Eine ähnliche Entwicklung zeigt sich im Aargau. Dort sinken zwar die Zahlen bei den Eintritten in den Kindergarten und die erste Primarklasse leicht. Insgesamt wächst die Zahl der Schülerinnen und Schüler an der Volksschule aber weiterhin. Grund dafür sind gemäss dem Departement Bildung, Kultur und Sport unter anderem die vielen Zugezogenen, welche die sinkende Geburtenrate bislang weitgehend kompensieren.
Bei den Lehrpersonen stellt der Aargau eine leichte Entspannung fest. Schwierig bleibe jedoch die Rekrutierung von Fachpersonal, insbesondere in der Heilpädagogik und in anderen Förderbereichen. Gleichzeitig plant der Kanton Änderungen bei den Anstellungsbedingungen: Lehrer, die noch nicht über eine ausreichende Qualifikation verfügen, sollen künftig mit höheren Lohnabzügen rechnen.
Bern setzt weiterhin auf Quereinsteiger
Auch im Kanton Bern steigen die Schülerzahlen derzeit noch. Mittelfristig rechnet die Bildungs- und Kulturdirektion jedoch mit einem leichten Rückgang in der Volksschule, während auf der Sekundarstufe II weiterhin mit einem Anstieg gerechnet wird. Beim Lehrpersonenmangel gebe es zwar eine Entspannung, überwunden sei er aber noch nicht. Besonders in der Primarschule, der Heilpädagogik und auf der Sekundarstufe I bleibe die Situation angespannt. Dementsprechend plant Bern anders als Zürich derzeit keine Änderungen beim Einsatz von Personen ohne Lehrdiplom.
Eine etwas andere Situation zeigt sich im Kanton Waadt. Auch dort steigen die Schülerzahlen weiter, allerdings deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren. Von einem eigentlichen Lehrpersonenmangel will der Kanton dennoch nicht sprechen. Die Lage bleibe zwar angespannt, insbesondere weil es in einzelnen Fächern schwierig sei, genügend Lehrpersonen zu rekrutieren. Insgesamt habe sich die Situation gegenüber dem Vorjahr jedoch kaum verändert.
«Das Problem ist noch nicht gelöst»
Beat A. Schwendimann, Leiter Pädagogik des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), gibt trotz Entspannung in einigen Kantonen keine Entwarnung. «Das Problem des Personalmangels ist noch nicht gelöst», sagt er.
Aufgrund des akuten Lehrpersonenmangels in den letzten Jahren hätten viele Stellen mit unqualifizierten Personen besetzt werden müssen. «Der Lehrpersonenmangel ist erst vorbei, wenn jede Klasse von einer qualifizierten Lehrperson unterrichtet wird.»
Aus Sicht des Verbandes müsse deshalb weiterhin in die Ausbildung qualifizierter Lehrpersonen investiert werden. «Es darf nicht sein, dass man langfristig ohne jegliche Qualifikation unterrichtet.» Der Verband begrüsst daher, dass Lehrerinnen und Lehrer ohne Diplom im Kanton Zürich künftig eine PH-Ausbildung nachholen müssen. Der LCH setze sich dafür ein, dass dies auch in anderen Kantonen umgesetzt werde.
Dabei sollten die bereits gesammelten Unterrichtserfahrungen angerechnet werden. Gleichzeitig brauche es finanzielle Unterstützung für die Betroffenen sowie flexible, berufsbegleitende Studienmodelle. «Viele haben familiäre Verpflichtungen, und drei Jahre Vollzeitstudium sind für sie keine Option.»
Positiv bewertet Schwendimann, dass die pädagogischen Hochschulen hohe Studierendenzahlen verzeichnen würden – auch dank attraktiver Quereinsteigerprogramme, die in den letzten Jahren stark ausgebaut worden seien. «Wenn die Schülerzahlen sinken und gleichzeitig mehr Lehrpersonen ausgebildet werden, könnte sich die Situation langfristig beruhigen», sagt Schwendimann. «Eine wichtige Entwicklung zur Sicherung der hohen Bildungsqualität der Schweiz.»