Mutter aus Erlinsbach nimmt Sohn wegen Hitze aus der Schule
«Ich wollte meinen Sohn schützen, jetzt muss ich bezahlen!»

Als Ende Juni die Temperaturen steigen, meldet Tanja F. ihren Sohn Tobias wegen der Hitze von der Schule ab. Die Schule akzeptiert die Absenzen nicht und büsst sie. Der Lehrerverband fordert klare Regeln bei Hitzetagen.
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Tanja F. (Bild) meldet ihren Sohn Tobias in der Hitzewelle kurz vor den Sommerferien vom Unterricht an der Sekundarschule in Erlinsbach AG ab.
Foto: Philippe Rossier

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Über 30 Grad, ein Schulhaus ohne Klimaanlage. «Es war klar, es wird mega heiss», sagt Tanja F.* zu Blick. Ihr 15-jähriger Sohn Tobias* besucht die Oberstufe. Ende Juni – kurz vor den Sommerferien – fragt sie deshalb bei der Sekundarschule in Erlinsbach AG nach, welche Massnahmen gegen die Hitze geplant sind. Denn: «Mein Sohn ist hitzeempfindlich und bei hohen Temperaturen leidet er unter Kreislaufproblemen.» Der Schulleiter habe ihr daraufhin mitgeteilt, dass lediglich gelüftet werde.

Für F. reicht das nicht. Sie verweist auf andere Schulen, die während der Hitzewelle den Unterricht angepasst hätten – etwa mit schulfreien Nachmittagen, Unterricht an kühleren Orten oder Ausflügen in die Badi. Und: Sie trifft kurzum eine Entscheidung. Tobias soll an diesen Tagen zu Hause bleiben. Sie meldet ihn für insgesamt fünf Tage ab. Was F. da nicht ahnt: Diese Entscheidung wird viel Geld kosten. Und ihrem Sohn Tobias das Zeugnis versauen.

Die Busse

Denn: Die Schule akzeptierte die Absenzen nicht. Bereits am dritten Fehltag mahnte sie F., dass Schulpflicht bestehe und ihr Sohn in der Schule erwartet werde.

«Ein Fernhalten vom Unterricht von drei oder weniger Tagen mahnt die Schulleitungskonferenz beim ersten Mal und büsst im Wiederholungsfalle», heisst es in einem Schreiben. Das ist gesetzlich so geregelt.

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«Ich wollte meinen Sohn schützen», sagt Tanja im Gespräch mit Blick-Reporter Devin Schürch.
Foto: Philippe Rossier

Für die insgesamt fünf Fehltage kassiert F. schliesslich eine Busse von 500 Franken. Ausserdem werden die Fehltage als unentschuldigte Absenzen in das Zeugnis eingetragen.

«Ich wollte meinen Sohn schützen, jetzt muss ich bezahlen!», sagt F. Dabei habe sie ihn nicht einfach aus der Schule genommen, um ihm Ferien zu ermöglichen. Zu Hause habe er Schulstoff bearbeitet und Arbeitsaufträge erledigt. «Er hat rund 40 Seiten Arbeitsblätter gelöst», sagt F. Zudem habe er sich an kühleren Orten aufgehalten.

Dass die Absenzen als unentschuldigt im Zeugnis erscheinen sollen, wollte die Mutter nicht akzeptieren. Gegen diesen Entscheid und die Busse hat sie Einsprache erhoben. Diese wurde inzwischen abgelehnt.

In einer Stellungnahme gegenüber Blick widerspricht die Schule dem Vorwurf, keine Massnahmen während der Hitzewelle ergriffen zu haben. So heisst es: «Wir verlegen an solchen Tagen den Unterricht in kühlere Räume oder Orte, ermöglichen Abkühlungen und Trinkpausen und ergreifen situativ Massnahmen.»

30 Grad im Klassenzimmer – und trotzdem Schule

Auch andernorts kämpfen Schulen mit aufgeheizten Klassenzimmern. Beim Schulstart in dieser Woche wurden in Teilen der Schweiz Temperaturen von rund 35 Grad erwartet. Besonders betroffen ist die Region Basel.

In manchen Schulzimmern sei es bereits am Morgen zu heiss für normalen Unterricht, sagt der Präsident der Basler Schulsynode gegenüber SRF. Lehrpersonen könnten teilweise nur noch «betreuen statt unterrichten». Andere Schulhäuser verfügen dagegen über Lüftungssysteme.

Das sorgt für ein weiteres Problem: Nicht jedes Kind hat dieselben Lernbedingungen. Während manche Klassen in kühlere Räume, Museen oder Kellerräume ausweichen können, müssen andere im heissen Klassenzimmer bleiben.

«26 Grad als Obergrenze»

Der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) fordert deshalb klare Regeln. In einem Positionspapier fordert er eine Obergrenze von 26 Grad in Innenräumen. Ist die Temperatur darüber, soll der Unterricht angepasst werden. Es kommen zusätzliche Pausen, Unterricht in kühleren Räumen und weniger anstrengende Aktivitäten infrage.

Ab 30 Grad soll der reguläre Unterricht eingeschränkt oder gar ganz eingestellt werden. Aktuell gibt es keine verbindlichen Grenzen für Schulen in der Schweiz. Auch ein generelles Hitzefrei existiert nicht mehr.

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Für den LCH darf es aber nicht bei kurzfristigen Lösungen bleiben. Laut dem Verband ist eine «Sanierungsoffensive» nötig, um Schulgebäude und Aussenbereiche hitzetauglich zu machen.

«Fehlende Aussenbeschattung, grosse Glasflächen, unzureichende Dämmung, geringe Speichermasse, zu wenig Luftbewegung oder provisorische Bauten führen dazu, dass sich die Räume am Vormittag schnell aufheizen und am Nachmittag kaum noch abkühlen», schreibt der Verband.

Hoffnung für einen Neuanfang

Der Streit um die Hitze war nicht der einzige Konflikt von Tanja F. mit der Schule. Sie berichtet von Problemen ihres Sohnes bis hin zu Mobbing und davon, dass es ihm zeitweise schlecht gegangen sei. Das führte zu zusätzlichen Absenzen. Wegen der vielen Fehlstunden reichte die Schule eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) ein.

Trotz des schwierigen Schuljahrs blickt die Familie vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Tobias wird die zweite Sekundarstufe wiederholen und ist dort bereits mit einigen Schülern befreundet. Deshalb will er weiterhin die Schule besuchen. 

Für Tobias begann diese Woche das neue Schuljahr. «Mein Sohn hatte einen tollen Start», sagt F. Besonders erfreulich während der Hitzetage: Die Schüler werden dieses Jahr in einem klimatisierten Provisorium unterrichtet. Die Hitze dürfte also für Tobias die kommenden Wochen kein Problem mehr darstellen. 

* Namen geändert 

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