Darum gehts
- Umfrage zeigt Pattsituation bei integrativer Schule in der Deutschschweiz
- 57 Prozent der Lehrpersonen beklagen fehlende Unterstützung und Ressourcen
- Durchschnittlich 18 Schüler pro Klasse, davon 7 mit Unterstützungsbedarf
Liegt die integrative Schule auf dem Sterbebett? Um das System, das Kinder mit Förderbedarf weitmöglichst in den regulären Schulunterricht integrieren soll, streiten die Kantone, Schulen, Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer bereits seit Jahren.
Nun hat der Dachverband der Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) bei seinen Mitgliedern erstmals verlässlich den Puls gefühlt. Dafür befragte das Meinungsforschungsinstitut GFS Bern 10'394 Lehrpersonen – von Kindergartenlehrerinnen bis Lehrer für das Ende der obligatorischen Schulzeit. Und es zeigt sich: Die Deutschschweizer Lehrkräfte sind in einer Pattsituation.
«Kein Ausdruck mangelnden Wollens»
Wie die Umfrage aufzeigt, sind die Klassen im Durchschnitt mit 18 Schülerinnen und Schülern besetzt. Davon würden sieben entweder eine formelle Diagnose oder sonstigen Unterstützungsbedarf aufweisen. Von den befragten Lehrpersonen geben daher auch 84 Prozent an, dass sie die Integration in Regelklassen als erfüllt erachten.
Zugleich befürworten aber nur 51 Prozent das System. Fast gleich viele, nämlich 48 Prozent, stehen der integrativen Schule skeptisch gegenüber. Nur ein Prozent gab sich neutral.
Dabei würden Klassenlehrpersonen das System oftmals als belastender ansehen als spezialisierte Unterstützungspersonen, teilte der LCH an einer Medienkonferenz am Donnerstag mit. Vor den Medien nahm LCH-Präsidentin Dagmar Rösler (54) besonders die Zweiflerinnen und Zweifler in Schutz: «Diese Skepsis ist aber kein Ausdruck mangelnden Wollens, sondern das Resultat von zu wenig oder schlecht verteilten Ressourcen», so die oberste Lehrerin.
Denn 57 Prozent der Befragten gaben an, dass in ihren Klassen nicht genügend Unterstützung vorhanden sei. «Wer die Unterstützung als ausreichend erlebt, bewertet die integrative Schule besser», ergänzte Urs Bieri, Co-Leiter von GFS. Aufholbedarf sehen die Lehrpersonen laut der Studie etwa bei zeitnahen Diagnosen oder finanziellen, personellen und zeitlichen Ressourcen.
Als «gescheitertes Projekt» will der Lehrerinnen- und Lehrerverband die integrative Schule nicht betrachten. Es brauche jedoch den politischen Willen, die richtigen Bedingungen bereitzustellen. «Wer die integrative Schule bestellt, muss sie auch finanzieren», schreibt der Verband in einer Mitteilung.
Ziehen die Kantone mit?
Daher ruft Präsidentin Rösler zur «Entspannung der Situation» auf: So brauche es etwa schnellere Prozesse, eine flexiblere Verteilung der Ressourcen, kleinere Klassen und mehr Personal. Und auch wenn der LCH die integrative Schule nicht aus der Hand geben will: Befristete getrennte Gefässe – etwa Schulinseln für Störkinder – sollen ebenso gefördert werden.
Ob die Politik dafür ein offenes Ohr hat, ist fraglich. In zahlreichen Kantonen geht es nämlich wieder Richtung Förderklassen – etwa in Basel-Stadt oder im Aargau. Letzterer investierte auf das aktuelle Schuljahr noch einmal kräftig in sogenannte «Förderklassen plus». Für den Kanton sei die Integration zwar wichtig, «aber nicht zwingend in derselben Klasse», schrieb das Bildungsdepartement unter SVP-Regierungsrätin Martina Bircher (42) Anfang Woche in einer Mitteilung.