Darum gehts
Der schönste Tag ihres Lebens? Ihre Universitätsabschlussfeier. Ihre ganze Familie sei dabei gewesen. Das erzählt Nour Daabes (25) am Telefon. Ende August musste sie sich von ihren Liebsten verabschieden. «Es war sehr hart, wir haben viel geweint. Aber meine Familie ist sehr stolz auf mich.»
Daabes stammt aus Deir al-Balah im Gazastreifen. Ende August erreichte sie Genf. Ihre Reise dauerte mehrere Tage und führte sie über Jordanien und die Türkei in die Schweiz. An der Universität Genf studiert Daabes nun im Master Mikrobiologie. Zuvor hatte sie an der Islamischen Universität Gaza Biotechnologie studiert. Ihr Studium konnte sie noch vor Ausbruch des Kriegs abschliessen.
Stipendium dank Verein
In Gaza hätte Daabes ihr Studium nicht ungehindert fortsetzen können: Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden 95 Prozent der Hochschulen infolge des Krieges beschädigt, der durch die Hamas-Angriffe auf Israel vom 7. Oktober 2023 ausgelöst worden war. 22 der 38 Campus seien vollständig zerstört, 14 teilweise beschädigt. Auch die Islamische Universität Gaza war wiederholt Ziel von Angriffen.
Eigentlich hätte Daabes an der Universität Bern studieren sollen. Ihr Visumantrag wurde jedoch von der Berner Migrationsbehörde abgelehnt. Unterstützung erhielt sie vom Genfer Verein Alama. Er sicherte ihr ein Stipendium eines privaten Gönners und unterstützte sie bei der Bewerbung und beim Visumantrag in Genf – diesmal mit Erfolg.
Julie Franck lehrt und forscht an der Universität Genf im Bereich Sprache und Kognition. Sie hat den Verein mitgegründet und ist dessen Präsidentin. «Ich glaube, dass Bildung entscheidend ist, um eine gerechtere Welt zu schaffen», sagt sie. Der Verein Alama setzt sich für Studierende aus Gaza ein – vor Ort sowie durch Auslandsstipendien. So konnten bisher elf palästinensische Studierende ihr Studium in der Schweiz fortführen. Zu ihnen gehören neben Nour Daabes auch Mohammed Wasef (23) aus Beit Hanoun. Alama unterstützte ihn bei der Bewerbung, beim Englischlernen und vermittelte ihm eine Gastfamilie.
Acht Monate Studienunterbruch
Wegen des Kriegs musste Wasef mehrmals fliehen und lebte zuletzt in einer Notunterkunft in Chan Yunis. Zwei Wochen bevor der Krieg begann, war er gerade ins neue Studienjahr an der Al-Azhar-Universität Gaza gestartet, wo er Mechatronik studierte.
Sein Studium war zunächst für acht Monate unterbrochen. Danach studierte er online. Nun absolviert Wasef einen Master in Mathematik, Informatik und Digitalen Wissenschaften in Genf. Langfristig möchte er als Ingenieur und Forscher im Bereich Prothetik arbeiten: «In Gaza gibt es sehr viele Menschen, die durch den Krieg Gliedmassen verloren haben. Ich möchte mein Wissen nutzen, um ihnen zu helfen.»
Keine genauen Zahlen
Wie viele Studierende aus Kriegs- und Krisengebieten an Schweizer Hochschulen immatrikuliert sind, lässt sich nicht genau beziffern. Die Hochschulstatistiken erfassen zwar die Herkunft der Studierenden, nicht aber die Gründe, weshalb jemand in die Schweiz gekommen ist. An den Universitäten Zürich, Genf, Bern und Basel studieren beispielsweise Menschen aus Ländern wie der Ukraine, dem Iran, dem Sudan, Syrien oder Afghanistan. Ob sie aufgrund eines Konflikts oder aus anderen Gründen in die Schweiz gekommen sind, bleibt dabei offen. Viele Hochschulen bieten Unterstützung für Geflüchtete an. Anders als an vielen anderen europäischen Universitäten gibt es jedoch kaum spezifische Angebote für Studierende aus Konflikt- und Kriegsgebieten.
Eine Ausnahme bildet die Ostschweizer Fachhochschule (OST): Sie bietet Unterstützung für Studierende, Forschende und Dozierende von Hochschulen in Konflikt- und Kriegsgebieten an. Im Herbstsemester sind dort rund 20 Studierende aus solchen Regionen eingeschrieben, unter anderem aus Afghanistan, der Ukraine, dem Iran, dem Irak, Syrien, Eritrea und dem Jemen.
50 Bewerbungen für Studienplätze
Wo ein gezieltes Hochschulangebot fehlt, springen Organisationen wie Alama ein. Ein weiteres Beispiel ist das Programm Students at Risk des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS), das 2022 gestartet wurde. Es richtet sich an Studierende, die ihr Studium wegen Krieg, Zerstörung oder Diskriminierung nicht fortsetzen können. Sie erhalten ein Stipendium für ein Studium in der Schweiz sowie Unterstützung bei der Hochschulanmeldung und beim Visumantrag. «Das Ziel ist, den Zugang zu Bildung zu sichern», sagt Tristan Robert, Co-Generalsekretär des VSS.
Im vergangenen Jahr nahm das Programm zwei Studierende auf, aus Myanmar und Gaza. In diesem Herbst kommen zwei weitere dazu – aus Gaza und Afghanistan. Bis Ende 2027 sollen insgesamt acht Studienplätze finanziert werden. Das Interesse ist gross: Im vergangenen Jahr gingen laut Robert rund 50 Bewerbungen ein.
Nachhaltige Finanzierung fehlt
Während Länder wie Deutschland oder Norwegen entsprechende Programme mit öffentlichen Geldern unterstützen, fehlt in der Schweiz bislang eine vergleichbare Finanzierung. Zwar arbeitet der VSS eng mit Hochschulen zusammen, finanziert wird das Programm derzeit aber durch private Stiftungen und Kirchen. «Wir würden gerne weitere Studienplätze anbieten», so Robert. Dafür reichten die finanziellen Mittel derzeit jedoch nicht aus.
Auch Julie Franck von Alama betont, dass eine langfristig gesicherte Finanzierung fehle. Der Verein stützt sich auf Spenden und Stiftungsgelder. Franck fordert daher mehr Engagement der Hochschulen: So habe die Universität Genf beim Ausbruch des Ukraine-Kriegs aktiv zu Spenden für ukrainische Studierende aufgerufen. Eine solche Unterstützung fehle für Gaza. Ohne gesicherte Mittel sei es kaum möglich, Studierenden vor Ort in Gaza zu helfen sowie künftige Auslandsstipendien zu sichern.
«Ich habe mein Herz in Gaza gelassen», sagt Nour Daabes. Trotzdem freut sie sich auf den Studienbeginn. Sie möchte Wissenschaftlerin werden, eine Familie gründen und eines Tages vielleicht nach Gaza zurückkehren. «Wir werden sehen.»
Auch Mohammed Wasef blickt gespannt auf seinen Neustart in der Schweiz. Sein Ziel ist es, eines Tages nach Gaza zurückzukehren und dort zu arbeiten: «Ich möchte etwas Sinnvolles schaffen und meiner Heimat etwas zurückgeben.»