Darum gehts
- Kanton Bern führt für seine Hochschulen eine eigene Beratungsstelle
- Kritik von Finanzkontrolle: Gefahr von «Doppelspurigkeiten» und mehr
- Kanton verteidigt Beratungsstelle, betont hohe Auslastung und Vermeidung von Studienabbrüchen
Hier ist Hilfe nie weit: Wer an einer Berner Hochschule studiert oder forscht, wird gut umsorgt. Für fast jedes Anliegen gibt es eine Anlaufstelle. Allein an der Universität Bern gehören dazu unter anderem die Abteilung für Chancengleichheit (mit einem halben Dutzend Beratungsangeboten), die Hochschulseelsorge, die Abteilung Akademische Karrieren und Angebote der Studierendenschaft.
Aber damit nicht genug. Die Kantonsverwaltung selbst betreibt die Beratungsstelle der Berner Hochschulen. Sie beschäftigt 15 Mitarbeitende und kostet die Steuerzahler jährlich 1,7 Millionen Franken.
Die Stelle wirbt mit einer «breiten Angebotspalette». Sie bietet nicht nur Laufbahnberatung an, sondern unterstützt «vertraulich bei einer Vielfalt von Anliegen». Auch bei persönlichen Problemen steht sie zur Seite, «da sie oft einen Einfluss auf Arbeit oder Studium haben». Die Angebote sind gratis.
«Risiko von Doppelspurigkeiten»
Unterstützung an allen Ecken und Enden? Die obersten Prüfer des Kantons schauen da genau hin – und wählen klare Worte: Die Berner Finanzkontrolle ortet bei der staatlichen Beratungsstelle «verschiedene Optimierungspotenziale im Bereich der Wirtschaftlichkeit». So bestünden Unklarheiten beim Beratungs- und Informationsangebot. Weiter spricht die Finanzkontrolle von «unnötigem Koordinationsaufwand» und «ungenutztem Synergiepotenzial». Es bestehe das «Risiko von Doppelspurigkeiten».
Die Finanzkontrolle ist eine Art Wachhund. Sie prüft, ob der Staat korrekt arbeitet und effizient mit Steuergeldern umgeht. Zur Causa Beratungsstelle äussert sich die Finanzkontrolle öffentlich nicht näher. Ihre detaillierten Prüfrapporte sind geheim, im Tätigkeitsbericht gibt es nur einen Abriss.
Bildungsdirektion widerspricht
Klar ist aber: Die Verantwortlichen widersprechen entschieden. Die zuständige Bildungsdirektion von Neu-Regierungsrat Reto Müller (47, SP) weist die Kritik gegenüber Blick zurück.
Doppelspurigkeiten? Nicht doch. Zwar gebe es an den Hochschulen «zahlreiche, studienspezifische oder prozessbezogene Beratungsangebote zu diversen Themen», erklärt die Direktion. Aber keine der Hochschulen biete «psychologische Beratung bei persönlichen Problemen im Zusammenhang mit Studium oder Arbeit» an. Die Hochschulen verwiesen bei diesem Thema stets auf die kantonale Beratungsstelle.
Die Direktion betont die hohe Auslastung der Beraterinnen und Berater. Ziel sei, Studienabbrüchen oder dem Scheitern von Forschungsprojekten «infolge persönlicher Schwierigkeiten entgegenzuwirken».
Konsequenzen? Neue Massnahmen seien nicht nötig, heisst es. Man erkenne «kein grundlegendes Problem, da die psychologische Beratung für Angehörige der Berner Hochschulen bereits aus einer Hand angeboten wird». Zwischen den Verantwortlichen der Hochschulen und der kantonalen Beratungsstelle finde ein regelmässiger Austausch statt, die Schnittstellen würden laufend überprüft.
Auch organisatorischen Handlungsbedarf sieht die Bildungsdirektion nicht. Im Gegenteil: Die Beratungsstelle stelle «bereits eine Zusammenlegung von Aufgaben dar, die in anderen Kantonen an mehreren Hochschulen oft separat angeboten und betrieben werden».
Studis überbehütet?
Ins Zuständigkeitsgebiet der Beratungsstelle fallen 32'000 Studierende und 12'000 Mitarbeitende an vier Hochschulen – neben der Universität auch die Berner Fachhochschule, die Pädagogische Hochschule und das PH-Institut NMS.
Ist das Netz an Hilfsangeboten angemessen? Oder sind Berner Studis überbehütet? Nach den Feststellungen der Finanzkontrolle dürften diese Fragen im Raum bleiben. Bildungspolitiker wollen bei dem Thema vertieft hinschauen, wie Blick erfahren hat.