Darum gehts
- Markus Eicher (62) wird 2025 in Arnegg von Decke verletzt
- Er leidet am Schädel-Hirn-Trauma und kritisiert Behörden
- 150 Jahre altes Gebäude, Eicher wohnt jetzt dank Schulkollegin in Wohnung
Landläufig ist dieser Ausruf eher im übertragenen Sinn zu verstehen. «Mir fällt die Decke auf den Kopf!», jammern oft Langzeitarbeitslose oder Homeoffice-Geplagte, die endlich wieder einmal raus an die frische Luft und unter die Leute möchten.
Nicht so bei Markus Eicher (62). Er spricht die sprichwörtliche Wahrheit, wenn er sagt: «Mir ist die Decke auf den Grind gefallen.»
Am 13. Juni 2025 steht Eicher im Kellergeschoss des Mietshauses in Arnegg bei Gossau SG. Dort wohnt er mit seiner Frau Kanlaya (58) und Tochter Noodee (11). Mit seiner Frau betreibt er im Haus auch das Restaurant Thai Kitchen Boonchan. Im Keller lagert das Paar Wein, Tiefkühlprodukte, Servietten, Untersetzer. Dort befindet sich auch die Waschküche, wo Markus Eicher gerade die Wäsche macht.
«Dann donnerte es»
«Ich hörte ein Chrosen», sagt Eicher. «Dann donnerte es. Die Decke fiel mir auf den Kopf.» Eicher liegt am Boden. Seine Erinnerung schwindet, ihm wird schwarz vor Augen. Als er wieder zu sich kommt, blutet er am Kopf. Kurz darauf wird er im Spital behandelt. Eicher trägt ein Schädel-Hirn-Trauma davon.
Nach dem schockierenden Vorfall lässt Eicher erst einmal Pragmatismus walten. Er sagt: «Es kann ja mal passieren, dass bei einem alten Haus ein Stück Decke runterkommt. Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass die SBB an den Schienen bauten und es deswegen sehr stark ruckelte.» Doch der Vorfall vom Sommer 2025 sollte nicht der einzige bleiben.
Am 1. Januar 2026 rumort es wieder im Keller. «Wieder lag ein Stück Kellerdecke auf dem Boden.» Für Eicher steht jetzt fest: «Wir müssen da sofort raus.» Noch am gleichen Tag macht das Paar die Beiz dicht.
Eicher ist enttäuscht von der Stadt Gossau
«Per sofort» sucht die Familie eine neue Wohnung. Und fragt bei der Stelle nach, bei der sie sich am schnellsten Hilfe erhoffen: der Stadt Gossau.
Eicher geht auf die Gemeindeverwaltung, wo man ihm mitteilt, dass die Gemeinde freie Wohnungen mitten in der Stadt habe, die das Sozialamt verwalte. Noch bevor Eicher den Termin beim Sozialamt hat, donnert es zu Hause wieder – ein weiterer Teil der Kellerdecke fällt runter.
Das Sozialamt sagt ihm, es habe keine Wohnungen. Eicher hakt nach. «Sie sagten, die Wohnungen, nach denen ich fragte, seien ‹nicht für mich›.» Eicher erklärt: «Was sie nicht sagten, aber damit meinten: Es sind Wohnungen für Flüchtlinge.» Er will Geflüchteten keineswegs ihre Bleibe absprechen. Aber er nervt sich, dass ihm nicht auch unkompliziert geholfen wird.
Eicher wendet sich per Brief an den Gossauer Stadtpräsidenten Wolfgang Giella (61, FDP) und schildert die Not seiner Familie. Doch dieser «antwortete nur mit Floskeln, ohne richtige Lösung.» Enttäuschend sei, «dass man so mit einem Ur-Gossauer umgeht».
Stadt Gossau erklärt sich
Auf Anfrage wehrt sich die Stadt Gossau. Der Kommunikationsverantwortliche Tobias Baumann schreibt: «Herr Eicher wurde darauf hingewiesen, dass das Sozialamt nicht selbst Wohnungen zuteilen kann.» Das Sozialberatungszentrum biete Betroffenen in «schwierigen persönlichen Situationen gezielte Unterstützung». Diese sei Eicher «mehrmals» angeboten worden.
Zur Verfügbarkeit der Wohnungen schreibt Baumann, dass jede Gemeinde für Geflüchtete Wohnraum zur Verfügung stellen müsse. Aber: «Gossau hat keine leerstehenden Wohnungen ‹auf Vorrat›, die man zwischenzeitlich für solche Fälle wie bei Herrn Eicher nutzen kann.»
Bei schweren Unglücken wie Feuer oder Überschwemmungen könne die Stadt zwar für Notunterkünfte einspringen. Dabei handle es sich aber meist um kurzfristige Unterbringungen in Hotels. Baumann hält fest: «Ein Mietverhältnis ist eine privatrechtliche Angelegenheit. Der Vermieter ist für den baulichen Zustand seiner Mietobjekte verantwortlich.»
«Keinerlei Auskunft»
Ein Besuch beim Vermieter von Eicher zeigt, dass man hier weder auf die Geschichte mit der Decke noch auf den ehemaligen Mieter sonderlich gut zu sprechen ist. Eicher habe lediglich die Schlüssel abgegeben, das Gastrolokal aber weder geputzt noch ausgeräumt übergeben, so der Vermieter zu Blick. Für weitere Fragen verweist er auf seinen Anwalt. Dort heisst es nur: «Keinerlei Auskunft.»
Mitte Mai ist Familie Eicher ausgezogen. Als Zwischenlösung wohnten sie wochenlang im Wohnmobil. Dann stellt eine alte Schulkollegin von Markus Eicher eine Wohnung zur Verfügung, in der sie bis auf Weiteres bleiben dürfen.
Warum die Kellerdecke mehrmals runterfiel, weiss Markus Eicher bis heute nicht. Er erstattete nach dem Vorfall zwar Anzeige wegen fahrlässiger, einfacher Körperverletzung. Allerdings verpasste er die Frist für dieses Antragsdelikt, wie es auf Anfrage bei der Staatsanwaltschaft St. Gallen heisst.
Eicher wünscht sich nur eines: «Eine schöne Wohnung in Gossau, wo wir auch wieder ein Restaurant haben können.»