Darum gehts
Von dem, um was es geht, ist nichts zu sehen. Roger Zingg, Gemüsebauer aus dem sankt-gallischen Gossau, deutet einzig auf rote Holzpfosten, die wie zufällig in sein Ackerland gerammt wurden. «Schutzzone 1», sagt er knapp. Im Erdreich darunter liegt die Fassung einer Quelle, die Trinkwasser für für ein Dutzend Liegenschaften in zwei nahen Weilern liefert.
Das klingt nach intakter Welt. Doch es gibt einen Schönheitsfehler: Das Quellwasser dürfte gar nicht getrunken werden, weil es den Vorgaben dafür nicht genügt.
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Toleranzwert überschritten
Das ist amtlich. «Der Nitratwert im Quellwasser erfüllt [...] teilweise die Anforderungen der Lebensmittelgesetzgebung nicht», steht im Inspektionsbericht I24.8715 des für Gossau zuständigen Trinkwasserinspektors des Kantons, der dem Beobachter vorliegt. Das bedeutet, dass der Toleranzwert der Nitratkonzentration von 40 Milligramm pro Liter überschritten wird. Massnahmen zur Nitratreduktion seien «umgehend einzuleiten», steht in der Verfügung vom November 2024.
«Umgehend» suggeriert eine Dringlichkeit, die erstaunt. Denn das Problem mit der Quelle, die im Schnitt 110 Liter Wasser pro Minute liefert, ist in Gossau seit langem bekannt. So wies bereits im Jahr 2000 der Bericht eines Geologiebüros auf «deutlich erhöhte Nitrat- und Chloridgehalte» hin. Zu viel Nitrat sei typisch für intensive Düngung im Einzugsgebiet der Quelle.
Gemeinde ignoriert Rat der Experten
Das Büro war damals von der Gemeinde beauftragt worden, Schutzzonen auszuscheiden. Deren Aufgabe ist es, Grundwasser im Einzugsgebiet von Trinkwasserfassungen vor Verunreinigungen zu schützen. Die Fachleute rieten jedoch davon ab: Aufgrund der hydrogeologischen Verhältnisse, der bestehenden Anlagen sowie der schlechten Wasserqualität seien Wasserschutzzonen an diesem Ort «sehr problematisch». Mit «Anlagen» ist die Autobahn A1 gemeint, die nur gut 100 Meter von der Quelle entfernt liegt, parallel dazu auch eine Kantonsstrasse. Dort vermuten die Experten die Ursache der hohen Chloridwerte; sie dürften vom Salz kommen, das dort gegen Schnee und Eis gestreut wird.
Zwei identische Befunde, dazwischen eine Zeitspanne von fast einem Vierteljahrhundert – das hat seinen Grund: Die Quelle mit dem putzigen Namen Nutzenbuech-Rüeggetschwil ist ein Zankapfel erster Güte.
Ein kurzer Abriss: Trotz der gegenteiligen Empfehlung der Geologen schied die Gemeinde Gossau eine Gewässerschutzzone um die Quelle aus. Lange nur provisorisch, ab 2017 definitiv. Dagegen erhob Gemüsebauer Andreas Zingg, der Vater des heutigen Betriebsleiters Roger, zusammen mit einem Nachbarn Einsprache. Aussergerichtliche Einigungsversuche scheiterten, weshalb die Sache auf dem Rekursweg Stufe um Stufe nach oben ging – bis hinauf zum Bundesgericht. Die höchste Instanz wies die Beschwerde Ende 2023 ab. Damit wurde die Schutzzone rechtsgültig.
«Unverhältnismässiger Eingriff»
Deshalb stehen auf Roger Zinggs Äckern nun diese roten Pfosten, zu denen auch noch blaue und weisse kommen. Sie markieren drei Gebiete, in denen die landwirtschaftliche Nutzung gar nicht mehr oder nur unter Auflagen möglich ist. Diese Einschränkungen sind der Grund, weshalb der 33-Jährige die Ausscheidung von Schutzzonen an diesem Ort als «unverhältnismässigen Eingriff» empfindet. «Der Boden ist unser Produktionsfaktor», sagt er, «wir sind darauf angewiesen.»
Zum Hof Bluemenau gehören 21 Hektaren eigenes Land. Im Feldbau werden sieben Gemüsekulturen angebaut, die an Grossverteiler geliefert werden. Die Schutzzonen schränken die Fruchtfolge ein und verkleinern die Anbaufläche. Roger Zingg schätzt, dass ihm dadurch jährlich ein Verlust von rund 20’000 Franken entsteht.
Die problematische Quelle befindet sich auf seinem Grund, er ist somit deren Eigentümer. Selber braucht er aber kein Wasser davon – weder für sich privat noch für den Anbau. Er bezieht es aus dem öffentlichen Netz. Besser so, findet er. «Woher hast du das Wasser?», das sei immer die erste Frage, wenn die Abnehmer seines Gemüses auf Kontrollbesuch kämen. Als Lebensmittelproduzent will er jegliches Risiko ausschliessen, das negativen Einfluss auf seine Produkte haben könnte.
«Gmüesler» waren die Zinggs nicht immer. Im Jahr 2000 stieg Vater Zingg aus der Milchwirtschaft aus – und etablierte den Betrieb mit der neuen Ausrichtung erfolgreich. Das gefiel nicht allen in Gossau, heute eine Stadtgemeinde mit 19’000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Damals hiess es: «Ein Bauer ohne Kühe ist kein richtiger Bauer», sagt Roger Zingg mit schiefem Grinsen.
Eine neue Analyse
Dabei ist Roger Zingg Bauer mit Leib und Seele. Als Meisterlandwirt stören ihn die einseitigen Schuldzuweisungen, die sich beim Thema Gewässerschutz reflexartig gegen die Landwirtschaft richten würden. Auch die ablehnenden Gerichtsentscheide, so sein Eindruck, seien davon geprägt: Wenn irgendwo die Nitratwerte zu hoch sind, steckt bestimmt die Gülle der Landwirte dahinter. Deshalb will Zingg auch nach dem Urteil des Bundesgerichts nicht einfach klein beigeben.
Im Wohnhaus in der Bluemenau liegt nun ein Mäppchen vor ihm: «Hydrogeologische Beurteilung», steht darauf. Roger Zingg hat für die Analyse letztes Jahr einen Spezialisten beauftragt, der in den Fall bisher nicht involviert war. Als Grundlage dienten bestehende Messberichte seit 2012. Diese wurden von der Stadt Gossau teils nur widerwillig herausgerückt: Zinggs Anwältin musste sich auf das Öffentlichkeitsgesetz berufen, um Zugang zu allen Informationen zu erhalten.
Nitrat kommt auch aus den Altlasten
Das Gutachten, in das der Beobachter Einsicht hatte, bestätigt die Nitratverunreinigung des Quellwassers. Auch die Chloridgehalte lägen «deutlich über den Anforderungen an Grundwasser für Trinkwasserzwecke». Bei einer Beprobung wurden zudem chlorierte Kohlenwasserstoffe nachgewiesen. Sie stammen vermutlich von Farbresten und Lösungsmitteln aus der Altablagerung Degenau. Dies ist einer von drei Deponiestandorten mit Abfällen aus der Zeit vor und während des Autobahnbaus, die in der Grundwasserschutzzone liegen. Für die Altlast Degenau, direkt unter der Autobahn gelegen, leitet der Hydrogeologe einen Sanierungsbedarf ab.
Zwei Schlussfolgerungen stechen in seiner Beurteilung hervor. Zum einen: «Es steht ausser Frage, dass die Stickstoffemission der Altablagerung Degenau einen wesentlichen Beitrag zur Nitrat-Fracht in der Quelle liefert.» Heisst in der Konsequenz: Der alleinige Fokus auf die Landwirtschaft als Ursprung der Verunreinigung ist nicht angemessen. Fazit zwei: «Angesichts der Nutzungskonflikte ist der Schutz der Quelle nur bedingt gewährleistet.» Heisst übersetzt: Eine Schutzzone mit Landwirtschaft, einer Autobahn, einer Kantonsstrasse und drei belasteten Deponien ist grundsätzlich fragwürdig.
Für Roger Zingg ist der Bericht ein Beleg dafür, «dass die Lösung des Problems nicht allein an der Landwirtschaft hängen bleiben darf». Genau diesen Eindruck bekommt er aber. Seit der Kanton Ende 2024 Massnahmen verfügt hat, bringt Zingg in den Schutzzonen 1 und 2 keine Gülle mehr aus und hält sich dort, wo Ackerbau noch möglich ist, an alle Auflagen.
Andere vom Kanton erteilte Aufträge, etwa die bauliche Sanierung der Quellfassung, bleiben hingegen bis heute unerledigt. Zuständig dafür wäre ein Verein, der die Wasserversorgung im Gebiet Nutzenbuech-Rüeggetschwil sicherstellt. Auf entsprechende Nachfragen bei der Stadt und anderen Parteien erhält Zingg zum Teil monatelang keine Antwort. «Niemand steht hin und übernimmt Verantwortung», ärgert sich der junge Landwirt.
Wenig sagen – oder gar nichts
Zentral ist, wie man in Gossau mit der Sanierung der Altlasten umgehen will. Die Antwort aus dem Stadthaus auf eine Anfrage des Beobachters fällt vage aus. Man halte sich konsequent an die gesetzlichen Vorgaben, heisst es. «Sanierungen werden gezielt dort vorgenommen, wo sie aus Umwelt- und Gesundheitsschutzgründen angezeigt sind. Allerdings weist nicht jede als ‹Altlast› bezeichnete Ablagerung ein Schadenspotenzial auf.»
Die Unverbindlichkeit kommt nicht von ungefähr: Altlastensanierungen sind in der ganzen Schweiz für die Gemeinden eine grosse – und kostspielige – Herausforderung.
Ist in Gossau den etwa 25 Menschen aus den beiden Weilern bekannt, wie belastet das Quellwasser ist, von dem sie trinken? Die Stadtverwaltung bestätigt lediglich, dass der Anschluss der Liegenschaften an eine Trinkwasserleitung «nicht vorgesehen» sei – und verweist ansonsten auf den Verein, der für die Trinkwasserversorgung im Gebiet zuständig ist. Dessen Präsident Norbert Ziegler sagt, man habe «kein Interesse daran, Stellung zu nehmen». Und das kantonale Gesundheitsdepartement, bei dem die Wasserkontrolle angesiedelt ist, geht mit keinem Wort auf die konkreten Fragen des Beobachters ein, sondern verweist bloss auf die allgemeinen Zuständigkeiten. Die Haltung generell: Lieber den Deckel drauf.
Einfach nur Bauer sein
Welche Lösung sieht Roger Zingg? Entweder man ziehe das mit dem Gewässerschutz ernsthaft durch, sagt er, dazu gehöre dann aber auch die Altlastensanierung. «Oder man schliesst die beiden Weiler ans öffentliche Trinkwassernetz an und könnte im Gegenzug die Schutzzone aufheben.»
Das ist Zukunftsmusik. Momentan geht es im Hof Bluemenau um anderes: Mitte März haben die Feldarbeiten begonnen. «Die Zwiebeln haben gut gekeimt», freut sich Zingg. Am liebsten möchte er einfach nur «Gmüesler» sein.