Darum gehts
- FC Oberwinterthur steigt nach hitzigem 3:3 gegen FC Diessenhofen auf
- Rudelbildung nach Spielende, Polizei gerufen, Verletzungen und Chaos dokumentiert
- 600 Zuschauer, FVRZ-Untersuchung läuft, Präsidenten dementieren Gewaltvorwürfe
Letzter Spieltag in der dritten Schweizer Fussball-Liga. 600 Zuschauer, enormer Druck. Der Tabellenerste, der FC Oberwinterthur, muss auswärts gegen seinen direkten Verfolger, den FC Diessenhofen, antreten. Die Heimmannschaft braucht einen Sieg, um aufzusteigen, den Gästen reicht ein Unentschieden. Während des Spiels provozieren sich die Spieler verbal und schenken sich nichts, denn – es geht um alles.
Es läuft die Nachspielzeit, als Diessenhofen ausgleicht und für einen kurzen Moment nochmals Hoffnung schöpft. Doch es reicht nicht.
Rudelbildung nach Schlusspfiff
Nach dem Schlusspfiff gehen die Emotionen hoch, wie Videoaufnahmen zeigen. Der Oberwinterthurer Schlussmann wechselt einige – wohl nicht allzu nette – Worte mit seinen Gegenspielern, als es eskaliert. Er wird von den Diessenhofern angegriffen. Die Gästemannschaft sprintet herbei. Es kommt zu einer Rudelbildung, Zuschauer stürmen auf den Platz. Die Polizei wird gerufen, die Regionalmedien berichten von blutüberströmten FCD-Spielern.
Am Tag danach sind die Emotionen abgeklungen, doch die Aufnahmen vom Spielfeld sorgen weiterhin für Diskussionen.
Der Fussballverband der Region Zürich (FRVZ) hat eine Untersuchung eingeleitet, der Präsident des FC Oberwinterthur, Urs Gmür (60), sieht sich zu einer offiziellen Stellungnahme genötigt und relativiert gegenüber Blick: «Das Ganze war sehr schnell vorbei und wurde von den Teams selbst moderiert.»
Der Beweis: «Die beiden Mannschaften tranken nach dem Spiel gemeinsam ein Bier, die Rudelbildung wurde geklärt und alle waren wieder freundlich miteinander», sagt Gmür.
«Berichte waren übertrieben»
Auch FCD-Präsident Luigi Mennitto (56) bestätigt, dass sich die Situation schnell wieder beruhigte und es zwischen den Teams keinerlei Ressentiments gebe. «Es war ein aussergewöhnliches Spiel. Die Emotionen waren auf beiden Seiten enorm, weil sportlich sehr viel auf dem Spiel stand», erklärt er. Das Spiel wurde hart, aber fair geführt: «Umso bedauerlicher ist die Episode nach Spielschluss.» Diese werde zurzeit vom FVRZ untersucht, wie beide Präsidenten bestätigen.
Die Berichterstattung in den Medien stösst Gmür aber sauer auf. Ihm sei wichtig festzuhalten: «Anders als in den Medien kolportiert, ging die Gewalt nicht von unserem Goalie aus.» Im Gegenteil: «Er wurde als Erster physisch angegangen.»
Dass es zu schwereren Verletzungen gekommen sein soll, dementiert er: «Es gab vielleicht eine blutende Nase, aber so etwas passiert in einem Tumult.» Die Polizei sei zudem gar nicht involviert gewesen, sondern erst nach der Keilerei aufgetaucht.
Auch Mennitto wisse nichts davon, dass die Rangelei besonders blutig geendet haben soll: «Auf den Videos sieht man einzelne Handgreiflichkeiten, aber diese Darstellung halte ich für übertrieben.»
Was die Schuldfrage hingegen betreffe, wolle er nicht vorschnell urteilen. Laut einer Mitteilung des Vereins sei die Provokation vom Gäste-Goalie ausgegangen: «Wir haben Videoaufnahmen und werden diese mit dem FRVZ auswerten. Sollten sich daraus Konsequenzen ergeben, werden wir diese selbstverständlich ziehen.»
Rassistische Kommentare in den sozialen Medien
Beide Präsidenten zeigen sich geschockt von der anschliessenden Diskussion in den sozialen Medien: «Die Kommentare sind offen rassistisch», stellt Gmür fest, «Viele unserer Spieler mit ausländisch klingenden Namen wurden pauschal verurteilt. Das wird weder den Menschen noch den tatsächlichen Ereignissen gerecht.»
Auch Mennitto erhebt den Mahnfinger an die Adresse der Kommentarschreiber: «Es ging um Emotionen in einem enorm wichtigen Spiel, nicht um Nationalität.» Sport verbinde Menschen aller Farben, «wer aus einem solchen Vorfall rassistische Interpretationen ableitet, verkennt völlig, worum es eigentlich geht.»
Gmür begegnet den Kommentaren mit einer Analogie: «Unser Goalie wurde ja angegangen. Passiert so etwas im Hockey, wird der Goalie auch von der Mannschaft geschützt und dort spielen vergleichsweise wenige Menschen mit ausländischem Namen. Was bedeutet das wohl?», fragt er und liefert die Antwort gleich selbst: «Dies ist kein Herkunftsproblem, sondern Teil des Sports.» Die Einmischung durch das Publikum verurteilt er hingegen scharf.
Die Aufarbeitung stehe für ihn jetzt im Vordergrund. «Wo nötig, werden wir disziplinarische Massnahmen einleiten.» Er verspricht eine transparente Aufarbeitung der Vorkommnisse und betont: «Das ist Sport. Sportlich schenkt man sich gar nichts, danach trinkt man aber gemeinsam ein Bier.»