Vor einem Jahr wurde Mandy (†15) in Berikon AG erstochen – nun wandert ihre Familie nach Portugal aus
«Ich kann nicht mehr in der Schweiz leben»

Ein Jahr nach der Tötung ihrer Tochter Mandy (†15) kämpft Cristina A. an vielen Fronten: Mit der Trauer. Mit Behörden. Mit Rechnungen. Mit Erinnerungsstücken, die sie nicht zurückbekommt. Und mit der Frage, wie man weiterlebt, wenn die eigene Welt stehen geblieben ist.
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Cristina A. (45) ist eine gebrochene Frau.
Foto: Helena Graf

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Mandy (†15) wurde 2025 von einer Freundin im Wald erstochen
  • Täterin Annina B. hörte Stimmen, plante Tat monatelang im Voraus
  • Mandys Mutter hat seit einem Jahr keinen Zugang zu den Gerichtsakten
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Helena GrafReporterin

Die Sonne brennt auf die Häuser in Rudolfstetten AG. Sommer. Menschen sitzen auf Balkonen. Irgendwo summt ein Rasenmäher.

Cristina A.* (45) öffnet die Tür einen Spalt. Sie ist blasser als beim letzten Besuch von Blick. Dünner. Ihr Haar ist lichter geworden. Die Wohnung hinter ihr liegt im Dunkeln. Die Rollläden sind heruntergelassen.

Im Wohnzimmer steht noch immer das Konfitürenglas, das Mandy (†15) ihrer Mutter zum Muttertag letzten Jahres geschenkt hatte. «50 reasons why I love you, Mom.»

In Mandys Zimmer hat sich nichts verändert. Die Wasserflasche auf dem Schminktisch hatte Cristina am Morgen des 11. Mai 2025 noch aufgefüllt. Am Nachmittag verliess Mandy das Haus. Am Abend war sie tot.

Das Wasser ist geblieben.

«Alles fühlt sich hier wie ein Verrat an», sagt Cristina leise. «Als ob ich sie vergessen würde, wenn ich normal weitermache.»

«Rehabilitation macht Sinn, aber nicht für Opfer-Familie»
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Mutter geht kaum noch raus

Seit Mandy ermordet wurde, ist der Radius der Mutter klein geworden: die Wohnung, der Tatort im Wald, der Weg dorthin.

Sie schläft im Bett ihrer Tochter. Auf einer Überdecke – damit Mandys Bettzeug darunter genau so bleibt, wie sie es am Tag ihres Todes zurückgelassen hat.

Einkaufen geht ihr Mann. Freunde trifft sie selten. Als wäre da eine unsichtbare Wand. Zwischen ihr und den anderen. Menschen, die sich unterhalten, lachen, die Zukunft planen. «Alle machen weiter», sagt Cristina. Sie kann es nicht.

Gerade als Mandy ihren Platz zu finden schien, wurde sie getötet. Die Unsicherheiten während der Pubertät hatte sie langsam abgelegt. «Wir haben mehr geredet, mehr unternommen, mehr gelacht.»

Mandy (†15) war eher schüchtern. Kurz vor ihrem Tod aber blühte sie auf.
Foto: Helena Graf

Cristina erinnert sich an einen Satz, den Mandy beim Mittagessen sagte. Einen Satz, den sie bis heute nicht vergessen kann: «Ich werde langsam eine erwachsene junge Frau.»

Wenige Stunden später traf sie ihre Freundin Annina B.** (15) zum Spazieren. Die Mädchen liefen Richtung Wald. Dort zog Annina zwei Messer hervor und stach auf Mandy ein. Sie starb noch am selben Abend.

Für Cristina A. endete dieser Tag nie. Für die Jugendanwaltschaft Aargau begann das Verfahren erst.

Täterin vermutlich schuldunfähig

Seither versucht die Mutter, herauszufinden, warum ihre Tochter sterben musste. Die Antworten der Ermittler machen die Tat nicht verständlicher.

Gutachter kommen zum Schluss, dass Annina B. schwer psychisch krank gewesen sei. Stimmen hätten sie über Monate dazu aufgefordert, jemanden zu töten. Ihre Schuldfähigkeit sei zur Tatzeit stark eingeschränkt gewesen.

Gleichzeitig handelte B. laut Akten nicht im Affekt. Das Tatmesser hatte sie bereits längere Zeit im Voraus gekauft und versteckt. Im Internet suchte sie Informationen über Messerangriffe und verletzliche Körperstellen.

Cristina A. sieht darin einen Widerspruch: «Wie kann es sein, dass sie den Mord monatelang vorbereitet hat, zum Tatzeitpunkt aber unzurechnungsfähig war?» 

Akteneinsicht eingeschränkt

Annina B. hat die Tat gestanden. «Ich wollte jemanden umbringen – ich habe keinen Ausweg mehr gefunden», sagte sie in ihrer Einvernahme. Zeitweise gehörten auch ältere Menschen zu ihren möglichen Opfern. Schliesslich drehten sich ihre Gedanken um Mandy.

B. ist in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung. Sie bekommt Therapie, schulische Förderung. Das Verfahren dreht sich um sie – ihre Entwicklung, ihre Zukunft. Mandys Name fällt immer seltener.

Die Gerichtsakten bekommt Cristina A. nicht mehr zugeschickt. Das haben die Behörden entschieden. Zwei Wochen, nachdem die Mutter Blick ein Interview gegeben hatte. Aus Angst, sie würde vertrauliche Dokumente weitergeben. Ein Jahr verstrich, ohne Einsicht in die Unterlagen.

Nun ist die Akte fertig. A. darf sie anschauen. Aber nur unter Aufsicht. Sie muss einen Termin beim Anwalt machen. Nach Baden AG fahren. Sich an einen Tisch setzen und lesen.

Cristina A. (45) ist weiterhin krankgeschrieben. Das Haus verlässt sie nur, um Mandys Gedenkort zu besuchen.
Foto: Helena Graf

Cristina A. klappt den Laptop auf. Im Postausgang reihen sich die Mails aneinander. Fragen an den Anwalt. Fragen. Nachfragen. Noch mehr Fragen.

Wann bekommt die Familie Mandys Handy zurück? Wann das iPad? Die Kleider. Die Schuhe. Wann liegt der Obduktionsbericht vor?

Tage vergehen. Manchmal Wochen. Die Antworten kommen spät. Vieles bleibt offen.

«Ich schreibe und warte», sagt Cristina A. «Aber nichts passiert.»

Grossmutter denkt, es war ein Sturz

Zurück bekam die Familie nur die Haargummis und Armbänder, die Mandy am Tag ihres Todes getragen hatte. Alles andere blieb bei den Ermittlern. Beweismittel.

Für A. aber sind es die letzten Sachen, die Mandy berührt hat. Erinnerungen: Nachrichten, Fotos, Zeichnungen. 

Sie zahlt das Handyabo weiter. Aus Angst, dass sonst etwas verloren geht. Sie verlangt das Schul-iPad zurück. Die Behörden geben es nicht heraus. Das Gerät gehöre der Schule. Sie holt beim Schulleiter ein schriftliches Einverständnis ein. Wieder: keine Antwort.

Bis heute gibt es Menschen, denen Cristina A. die Wahrheit nicht erzählt hat. Mandys Grossmutter in Portugal glaubt, ihre Enkelin sei bei einem Sturz gestorben. «Wie soll ich einer alten Frau sagen, dass ihre Enkelin erstochen wurde?»

Am 11. Mai 2026 – Jahrestag von Mandys Tod – legten ihre Mitschülerinnen Blumen nieder.
Foto: zVg

Jeden Tag läuft Cristina A. dorthin, wo Mandy starb. Dort steht inzwischen eine Bank. Der Förster hat sie auf Cristina A.s Wunsch gebaut. In die Sitzfläche ist ein Herz eingelassen.

Manchmal sitzt sie dort allein. Manchmal kommen Schulfreunde vorbei. Eltern. Spaziergänger. 130 Kinder legten am Jahrestag Blumen nieder. A. schaut nach den Kerzen. Richtet die Blumen. Räumt auf. Dann geht sie wieder nach Hause.

Das Herz auf der Bank stammt aus Portugal. Diesen Sommer werden Cristina, ihr Mann und Mandys kleiner Bruder dorthin ziehen. «Ich kann nicht mehr in der Schweiz leben», sagt Cristina A. «Hier erinnert mich alles an meine Tochter.»

In Portugal haben sie und ihr Mann Familie. Und eine kleine Wohnung, die sie vor Jahren gekauft haben.

Nun bereiten sie den Umzug vor. Einige Möbel haben sie bereits verkauft. Kisten gepackt. Nur in Mandys Zimmer ist noch alles gleich.

* Name bekannt 

** Name geändert 

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