Darum gehts
- 19-Jähriger überfährt 17-jährige Aliyah B. am 8. April 2023 in Bellach
- Angeklagter Roger T. soll Tat vorsätzlich und aus Neugier begangen haben
- Opfer starb durch Ersticken, Täter war unter Marihuana-Einfluss, Blick ist am Prozess dabei
Zuerst sah es aus wie ein tödlicher Verkehrsunfall: Ein 19-Jähriger überfährt mit einem Auto am 8. April 2023 auf einer Wiese in Bellach SO eine 17-jährige Teenagerin. Sie stirbt noch vor Ort. Es war Aliyah B.*, die ihr Leben lassen musste. Ihre Angehörigen erlaubten Blick, ihren richtigen Vornamen und ihr Bild aus der Todesanzeige zu veröffentlichen.
Letzten Oktober erhob die Solothurner Staatsanwaltschaft dann Anklage gegen den Lenker. Wegen Mordes! Ab Montag steht Roger T.** (inzwischen 22) in Solothurn vor Gericht. Die Anklageschrift, die Blick vom Gericht mit Sperrfrist erhalten hat, zeigt Schreckliches. Aliyah soll ein Zufallsopfer gewesen sein. Roger T. wollte einfach mal wissen, wie es ist, zu töten!
An Party abgewiesen
Laut Anklage fährt der Beschuldigte am Abend vor der Tat mit einem Lieferwagen VW Caddy nach Basel, um dort eine Party zu besuchen – er soll dort jedoch abgewiesen worden sein. Roger T. fährt deshalb zurück in Richtung seines Wohnorts – er lebte damals in einem Nachbardorf von Bellach.
Irgendwann kommt ihm der Gedanke, so steht es in der Anklage, «wie es wohl ist, jemandem das Leben zu nehmen». Kurz darauf erblickt er das spätere Opfer. Aliyah ist auf einem E-Bike auf dem Nachhauseweg zu ihren Grosseltern.
Jetzt beschliesst Roger T. kurzum «dem Zufallsopfer zu folgen, um dieses umzubringen», so die Anklage.
Kurz darauf beschleunigt er den Lieferwagen und fährt auf der Kaselfeldstrasse absichtlich ins Hinterrad und in den Gepäckträger vom E-Bike von Aliyah. Dadurch kommt sie zu Fall, sie kann jedoch unverletzt wieder aufstehen.
Aliyah rennt auf dem Feld davon
Davon überrascht, dass sie nicht ums Leben gekommen ist, steigt Roger T. aus, ruft laut Anklage «Scheisse, Scheisse, Scheisse», rennt zu Aliyah und versucht, ihr mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Doch ihr gelingt es, die Schläge abzublocken und ihm auf das nahe Feld «Dorfmatt» davonzurennen – vorerst.
Denn Roger T. nimmt sofort zu Fuss die Verfolgung auf und holt Aliyah auf der Wiese ein. «Auf dem Feld würgt der Beschuldigte das Opfer für circa 20 Sekunden, bis dieses regungslos war», so die Anklage. Er glaubt, dass er Aliyah nun getötet hat, kehrt zum Lieferwagen zurück und lädt das abgefallene vordere Kontrollschild des Lieferwagens und das E-Bike von ihr ein. Als er dabei erneut in Richtung Feld schaut, sieht er, wie sich Aliyah aufrappelt.
Die 17-Jährige stirbt noch vor Ort
Jetzt entschliesst sich Roger T., Aliyah zu überfahren. Er steigt ein, fährt auf das Feld und steuert zielgerichtet auf sie zu. Er erfasst das kauernde Opfer. Die 17-Jährige bleibt auf Höhe der Vorderachse unter dem Lieferwagen rücklings liegen, lebt jedoch noch.
Roger T. versucht nun, während Aliyah vor Schmerzen laut schreit, durch Rückwärts- und Vorwärtsfahren aus dem Feld zu fahren, was ihm misslingt. Stattdessen gräbt sich der Lieferwagen immer tiefer in das Feld ein, wodurch Aliyah erdrückt wird und verstirbt.
Roger T. wird an Unfallstelle verhaftet
Die Rettungskräfte sind gegen 1.10 Uhr rasch vor Ort beim roten Lieferwagen, den der Täter laut Blick-Recherchen vom Arbeitgeber hatte, weil er selbst kein Auto gehabt haben soll. Für Aliyah kommt jede Hilfe zu spät. Roger T. wird noch vor Ort verhaftet.
Für die Staatsanwaltschaft ist laut Anklage klar: Der Beschuldigte hat «vorsätzlich» und «besonders skrupellos» gehandelt. Sowohl die «Befriedigung seiner Neugierde («wie ist es wohl, jemanden zu töten») als auch von der Art der Ausführung seien als «besonders verwerflich zu werten». Roger T. soll «keinerlei Reue» gezeigt haben, als das Opfer vor Schmerzen laut schrie. «Vielmehr war es ihm wichtig, dass es (das Töten des Opfers) endlich vollendet ist», so die Anklage.
Bei der Hausdurchsuchung wurden bei Roger T. etliche Waffen sichergestellt.
Wie viele Jahre Freiheitsstrafe die Staatsanwaltschaft für Roger T. fordern wird, wird erst vor Gericht auskommen. Er soll geständig sein und befindet sich im vorzeitigen Massnahmenvollzug.
«Warum meine Tochter?»
Weder die Anwältin von Roger T., der Anwalt der Opferfamilie, noch die Staatsanwaltschaft wollten vor dem Prozess gegenüber Blick eine Stellungnahme abgeben – auch die leidgeprüfte Mutter von Aliyah nicht. Der «NZZ» erklärte sie, dass die Erinnerungen und Aliyahs Seele ihr niemand nehmen könne. «Trotzdem sehe ich den Sinn ihres Todes nicht. Warum meine Tochter?», fragt die Mutter.
Die Eltern von Roger T. sind laut Nachbarn kurz nach der Tat ins Heimatland, in den Südosten von Europa, gezogen. Eine Nachbarin sagt: «Jemand schrieb mal Mörder auf ihren Balkon. Das war zu viel für sie.»
* Name bekannt
** Name geändert