Darum gehts
- Vier Unfälle in vier Wochen: drei Tote, ein Verletzter. Darunter: zwei Trainsurfer
- 45 Prozent der verunfallten Trainsurfer starben laut Universitätsspital Zürich
- USZ behandelte zwölf Fälle in zehn Jahren, Kosten: 500'000 CHF pro Patient
Sie klettern auf fahrende Züge, posten Videos ihrer schwindelerregenden Aktionen auf Social Media – und zahlen dafür mit ihrem Leben oder ihrer Gesundheit: Trainsurfer sorgen aktuell für tragische Schlagzeilen in der Schweiz. Zuletzt verunglückte am Mittwoch ein 17-Jähriger am Bahnhof Mosen AG.
Rüdiger Biwer (71) hat alles mitbekommen. «Plötzlich hörte ich einen riesigen Chlapf und sah einen grossen Blitz», sagt der Anwohner zu Blick. Biwer stürmte auf den Balkon, schaute nach unten und sah den 17-Jährigen zwischen dem Zug und Bahngleis auf dem Schotter liegen. «Er schrie: ‹Mein Bein, mein Bein brennt!›»,
Trend auf Social Media
Unverständlich: Der Teenager war vergangene Woche dabei gewesen, als ein befreundeter Trainsurfer (†18) in Beinwil am See AG sein Leben verlor. Der 18-Jährige geriet zu nahe an stromführende Komponenten. Durch einen Stromschlag wurde er tödlich verletzt und vom Dach des fahrenden Zuges geschleudert. Obwohl der 17-Jährige dies als Begleiter mitbekam, liess er sich nicht beirren – und wurde nun selbst erheblich verletzt.
Auf Social Media wird um den Toten getrauert, für den Verletzten Anteilnahme bekundet. Auf dem Tiktok-Account des verstorbenen 18-Jährigen finden sich Aufnahmen beim Trainsurfen, die er wohl selbst gedreht hat. So zeigt ein Video, wie er auf dem Dach eines Zuges die Geschwindigkeit mit einem Gerät misst. Der Bildschirm zeigt 200 km/h an.
Pro Zugsurfer 500'000 Franken Behandlungskosten
Dass Menschen illegal auf einen Zug klettern und die gefährliche Fahrt ausserhalb des Waggons auf sich nehmen, ist nicht neu. In den 2000er- und 2010er-Jahren gingen die Zahlen aber zurück – vor allem aufgrund erhöhter Sicherheitsmassnahmen rund um den Bahnverkehr.
Doch jetzt wird das Phänomen Trainsurfing durch Social Media neu entfacht, wie eine Studie des Unispitals Zürich mit dem Titel «Burned for the Likes» (auf Deutsch: Verbrannt für Likes) zeigt, die im Dezember 2025 publiziert wurde. Das Thema: Zugsurfer, ihre Verletzungen und die Folgen – sowie die Rolle der sozialen Medien.
In der Studie verglichen die Ärzte sämtliche Trainsurfer, die bei ihnen behandelt wurden. Zwölf Personen innert zehn Jahren. Im Schnitt waren 44 Prozent der Körperfläche verbrannt – mehr als doppelt so viel wie bei Arbeitsunfällen. Jeder dritte Verunfallte verliert eine Gliedmasse, fast jeder zweite stirbt. Pro behandeltem Zugsurfer kommen über 500'000 Franken Kosten zusammen. Und nur jeder Vierte kehrt später in eine Ausbildung oder zum Arbeitsplatz zurück.
Die Experten halten fest: Social Media funktionieren hier als Treiber, denn sie verherrlichen das Zugsurfen und untergraben Sicherheitswarnungen.
Mit Likes und Klicks in den Tod
Wer auf Tiktok nach «Trainsurfing» sucht, kommt zwar auf Anhieb nicht weiter. Es folgt ein Warnhinweis. Doch: Eine solche Schranke bringt wenig.
Die Trainsurfer betten die gefährlichen Aufnahmen in harmlos aussehende Videos ein. Oder sie umgehen die Warnschranke mit veränderter Schreibweise und Hashtags. Zu diesem Schluss kommen auch die Zürcher Studienautoren: «Das zeigt, wie leicht scheinbar gesperrte Inhalte über alternative Suchanfragen gefunden werden können.»
Beiträge auf Tiktok oder Instagram glorifizieren die lebensgefährlichen Aktionen und erreichen damit ein Millionen-Publikum. «Sie setzen einen Anreiz, diese Stunts nachzuahmen, sie zu filmen und zu posten», sagt Kriminologe Dirk Baier zu Blick. Er warnt vor dem Inhalt. Denn: «Kleine Fehler oder Unachtsamkeiten, mit tödlichen Folgen, werden nicht thematisiert.»
Heisst: Den Zugsurfern geht es längst nicht mehr nur darum, eine Mutprobe unter Freunden zu bestehen, sondern um Anerkennung aus einer viel breiteren Masse. Die Zahlform hier: Klicks und Likes. Dass jede Fahrt die letzte sein könnte, wird entweder weggelassen oder pseudoheroisch in Kauf genommen.
65-mal höher als bei Steckdose
Wie viele Menschen in der Schweiz tatsächlich illegal, aussen am Zug mitfahren, ist nicht bekannt. Klar ist jedoch: Nicht alle tödlichen Stromschläge bei Zügen geschehen mit Trainsurfern. In den vergangenen Wochen verloren zwei weitere Teenager (†17 und †14) ihr Leben, weil sie auf stehende Züge geklettert waren – in Zofingen AG und in Langenthal BE. Deshalb sah sich die Kantonspolizei Aargau dazu verpflichtet, öffentlich in einem Video zu warnen.
Die SBB zeigen sich über die Vorfälle betroffen. Den Angehörigen der tödlich Verunglückten spricht sie ihr Beileid aus. Ein Sprecher schreibt, dass diese Vorfälle zeigten, wie gefährlich es sei, auf einen Zug zu steigen. Er betont: «Die Fahrleitung steht unter 15'000 Volt Spannung – das ist rund 65-mal höher als jene der Haushaltssteckdose.»
Mit Warnschildern, baulichen Massnahmen, Absperrungen und Kursen zeigt das Bahnunternehmen die Risiken rund um Züge auf. Die bestehenden Sicherheits- und Präventivmassnahmen werde die SBB nach den neusten Vorfällen überprüfen und wo sinnvoll ausbauen.