Darum gehts
Die Vorwürfe schockieren die Schweiz. Die Ex-Partnerin, deren Tochter und die Ex-Frau gehören zu den Opfern. Fast 200 Mal soll er Frauen mit K.-o.-Tropfen gefügig gemacht und sexuell missbraucht haben. Die Rede ist vom Aargauer Ex-SVP-Grossrat Patrick F.*. Die Anklage der Staatsanwaltschaft lautet unter anderem auf mehrfache Vergewaltigung, Schändung, sexuelle Handlungen mit Kindern und versuchten Mord. Letzteres, weil er seine Opfer mittels K.-o.-Tropfen in akute Lebensgefahr gebracht haben soll. Die Staatsanwaltschaft fordert lebenslänglich.
Blick hat das Vorleben des gefallenen Politikers und den Ablauf seiner Taten nachgezeichnet.
Seit 2003: Patrick F. arbeitet bei Telekomunternehmen
Gemäss seinem Linkedin-Profil war Patrick F. über 18 Jahre lang Teamleiter bei einem grossen Schweizer Telekomunternehmen und IT-Dienstleister. In seiner Wohngemeinde Untersiggenthal AG war er zudem mehrere Jahre in der Steuerkommission und gehörte dem Kantonalvorstand der Aargauer SVP an. Zudem hat sich Patrick F. wohl ein zweites Standbein in der Alternativmedizin aufbauen wollen. Zusammen mit seiner Ex-Frau gründete er 2007 eine GmbH im Bereich Naturheilpraxis und Homöopathie, die 2023 Konkurs anmeldete, wie «Inside Paradeplatz» berichtete.
2008–2021: 140 Sexualstraftaten an der eigenen Ehefrau
Der ehemalige Politiker soll seine damalige Ehefrau regelmässig sexuell missbraucht haben. Es ist schwer vorstellbar, was diese zwischen 2008 und 2021 durchmachen musste. 140 Mal soll Patrick F. sie mittels K.-o.-Tropfen betäubt und danach sexuelle Gewalt angewandt haben. Die Taten habe er gefilmt. Das berichtet das SRF, das sich auf die Anklageschrift beruft. Die Taten sollen im Dezember 2008 begonnen haben und hätten erst mit der Trennung des Paars im August 2021 aufgehört.
August 2021: Patrick F. wird in den Grossen Rat gewählt
Nur kurze Zeit nach der Trennung von seiner Ehefrau schafft Patrick F. etwas, was ihm 2020 noch verwehrt geblieben war: den Sprung in die Legislative des Kantons Aargau. Der Wirtschaftsinformatiker rutscht am 23. August 2021 für eine abtretende Wettinger SVP-Grossrätin nach, die kurz vor der Geburt ihres Kindes steht. Im Rat macht er sich unter anderem gegen Ausländerkriminalität stark. Besonders zynisch: Im September 2023 unterschreibt der Grossrat kurz vor seiner Festnahme eine Interpellation, die konsequentere Bestrafung für Pädo-Täter fordert.
2022–2023: Sexuelle Übergriffe an Partnerin und deren Tochter
Im Juli 2022 zieht Paula L.* (heute 18) mit ihrer Mutter Iwona L.* (heute 45) zu Patrick F. Iwona L. und der Aargauer lernen sich im Spanienurlaub kennen – und lieben. Keine zwei Wochen nach dem Umzug in die Schweiz beginnen die mutmasslichen Übergriffe auf die damals 15-jährige Paula L.
Patrick F. fotografiert sie zunächst im Schlaf. Das Fotografieren weicht bald handfesten sexuellen Übergriffen. Bald wird auch die Mutter Iwona L. zum Opfer. Insgesamt 254 Videoaufnahmen werten die Behörden aus, so die Staatsanwaltschaft. Iwona L. soll er dabei im Schlaf fotografiert und berührt, Paula L. deutlich Schlimmeres angetan haben. K.-o.-Tropfen werden später in den Haaren der Minderjährigen nachgewiesen. 44 Übergriffe habe es alleine an Paula L. gegeben. Das berichtet der «Tages-Anzeiger».
September 2023: Patrick F. wird festgenommen
Iwona L. merkt, dass etwas nicht stimmt. Als Patrick F. in der Nacht zum 4. September 2023 mit schweissnassem T-Shirt aus Paula L.s Zimmer kommt, stellt Iwona ihn zur Rede. Er trägt eine Videokamera in seiner Unterhose mit sich, Iwona L. ruft kurz nach drei Uhr morgens die Polizei. Bevor die Beamten ankommen, übergiesst Patrick F. seine Festplatten mit Cola. Die Polizei begutachtet das Material auf seiner Kamera – und nimmt ihn sofort fest. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft, die bereits dreimal verlängert wurde.
September 2023 – Rücktritt
Am 15. September 2023 titelt Blick: «Aargauer SVP-Grossrat tritt wegen Strafuntersuchung zurück». Düsterer Zufall: An genau diesem Tag stand auf der Titelseite von Blick aufgrund der Skandale in der katholischen Kirche: «Missbrauch von Jugendlichen soll nie verjähren.»
Juli 2026 – Staatsanwaltschaft erhebt Anklage
Vor wenigen Tagen, am Montag, 20. Juli 2026, erhob die Staatsanwaltschaft Baden Anklage. Sie beantragt eine lebenslange Freiheitsstrafe sowie die Anordnung einer ambulanten, vollzugsbegleitenden Behandlung.
Das sagt der Beschuldigte
«Patrick F. bestreitet wesentliche Teile der gegen ihn erhobenen Vorwürfe», sagt seine Verteidigung gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Es gilt die Unschuldsvermutung. Zu den K.-o.-Tropfen heisst es: «Soweit behauptet wird, es seien verschiedene Mittel zur Sedierung verwendet worden, ist seine Darstellung eine andere.»
Eine andere Darstellung scheint Patrick F. auch zu seiner bald dreijährigen Untersuchungshaft zu haben. Auf seiner Facebook-Seite steht weiterhin, dass er aktuell ein «Sabbatical» mache. Wann der Prozess gegen ihn beginnt, ist derzeit noch nicht bekannt.
* Namen bekannt