Mehr Femizide, mehr Vergewaltigungen und mehr Drohungen
Steigt der Hass auf Frauen?

Gewalt gegen Frauen hat gemäss neuer Kriminalstatistik stark zugenommen. Mehr Vergewaltigungen, mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Und: Über die Hälfte der verübten Tötungsdelikte wurden im häuslichen Bereich begangen. Kriminologie-Professorin Nora Markwalder ordnet ein.
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Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 ist da. Gemäss der Zahlen hat Gewalt gegen Frauen zugenommen.
Foto: Keystone

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • 2025 registrierte die Polizei 22 066'häusliche Straftaten, 4,4 Prozent mehr als im Vorjahr
  • Vergewaltigungen im häuslichen Bereich stiegen von 480 auf 660 Fälle
  • 34 von 55 Tötungsdelikten geschahen im häuslichen Umfeld, meist Frauen betroffen
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Mehr Tote. Mehr Vergewaltigungen. Mehr Drohungen. Das häusliche Umfeld ist für zahlreiche Frauen eine Gefahrenzone. Die Täter: der aktuelle Partner oder der Ex. Das zeigen auch die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik für das Jahr 2025. So gab es in der Schweiz insgesamt 55 vollendete Tötungsdelikte. 34 davon wurden im häuslichen Bereich registriert. Darunter 23 Frauen, 5 Männer und 6 Minderjährige. Zum Vergleich: Ein Jahr zuvor wurden 26 Fälle verzeichnet. Darunter 18 Frauen, 7 Männer und eine minderjährige Person. Damit ist die Zahl der Femizide gestiegen.

Auch die Zahl der versuchten Tötungen im häuslichen Bereich hat schweizweit von 50 im Jahr 2024 auf 59 Fälle im Jahr 2025 zugenommen. Ähnlich ergibt sich ein Anstieg bei den Drohungen und den Vergewaltigungen: So haben Drohungen um 5 Prozent (von 4196 auf 4406 Fälle) und Vergewaltigungen gar um 38 Prozent (von 480 auf 660 Fälle) zugenommen.

Die Polizei hat 2025 insgesamt 22'066 Straftaten im häuslichen Bereich registriert. Heisst: Im Vergleich zum Vorjahr stieg die Zahl um 4,4 Prozent an.

Auffällig: Auch ausserhalb des häuslichen Rahmens haben die Vergewaltigungen zugenommen. So ergibt die Statistik einen Anstieg von 29,1 Prozent auf ein Total von 1402 Straftaten. 

Gefahrenzone eigene vier Wände

Blick hat bei Nora Markwalder (44), Professorin für Strafrecht und Kriminologie an der Universität St. Gallen, nachgehakt. Zeigen diese Gewalt-Zahlen, dass der Hass an Frauen gestiegen ist?

«Das eigene Daheim ist für Frauen schon seit jeher gefährlich», sagt Markwalder. «Sie werden in den eigenen vier Wänden eher zum Opfer, Männer hingegen sind eher in gewaltvolle Konflikte ausserhalb involviert.»

Auch die Kriminologie-Professorin zeigt sich von der «deutlichen Zunahme der Femizide» betroffen. Trotzdem warnt sie davor, von einem «Trend nach oben» zu sprechen. «Es ist noch zu früh, um diesen Ausreisser zu erklären. Ich denke, wir müssen die Zahlen noch zwei, drei Jahre genau beobachten.»

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Drei mögliche Erklärungen

Für die Expertin kann dieser Anstieg verschiedene Ursachen haben: «In den vergangenen Jahren hatten wir immer wieder Peaks, die sich dann aber wieder eingependelt haben», erklärt Markwalder. «Eine Möglichkeit wäre, dass es eine zufällige Häufung ist.»

Eine andere Erklärung: die sogenannte Backlash-Theorie. Damit ist eine Gegenreaktion auf gesellschaftliche Fortschritte – wie die Gleichstellung von Mann und Frau – gemeint. «Es gibt Kreise, die die ganze Arbeit der Gleichstellung wieder rückgängig machen wollen», sagt Markwalder. «Es findet eine Re-Traditionalisierung statt. Manche Kreise wollen zurück zu den konservativen Werten.»

Dass sich die Stellung der Frau innerhalb der Gesellschaft verbessert, kommt offenbar nicht bei allen gut an. 

Die Täter

Eine weitere mögliche Erklärung: «Es gibt einen kleineren Teil der Bevölkerung, der akzeptiert, dass man die eigene Partnerin kontrolliert, unterwirft, verletzt – und auch tötet», sagt die Kriminologie-Professorin. Zum Teil – aber nicht nur – seien das Ausländer.

Das zeige sich auch an den Zahlen: «Bei Delikten gegen Frauen sind ausländische Täter überproportional vertreten», sagt Markwalder. Sie hält jedoch fest: «Es gibt zwar keine Kultur der Gewalt. Gewalt ist in jeder Kultur verpönt.» Aber: «Eine zentrale Rolle spielt hier die eigene Familie, die Erziehung und die Gesellschaftsschicht, aus der man kommt», so die Expertin. «Also: Wie ist man aufgewachsen, welche Rolle spielte Gewalt in der Erziehung, welchen Wert und Stellung hatten die Frauen und welchen die Männer?»

Ein blinder Fleck

Bei Tatbeständen im häuslichen Rahmen handle es sich meist um etwas ältere Opfer und Täter, die «schon länger in einer Beziehung» sind. Oftmals spielen in der Gewaltspirale weitere Herausforderungen mit, sagt Markwalder. «So etwa finanzielle Sorgen, die psychische Gesundheit und beengende Wohnverhältnisse.»

Zum Schluss weist die Strafrechtsexpertin jedoch darauf hin: Die Zahlen zeigen nicht alles. Ein Beispiel: der aussergewöhnliche Sprung von 29,1 Prozent bei den Vergewaltigungen. «Ein Teil davon lässt sich definitiv durch die Gesetzesänderung erklären», erklärt die Expertin. «Die Zahlen zeigen aber auch klar, dass mehr Vergewaltigungen angezeigt wurden.» 

Zur Frage, ob der Hass auf Frauen steigt, sagt Markwalder: «Gewalt an Frauen wird zumindest nicht weniger – was eine besorgniserregende Tatsache ist. Insbesondere weil tödliche Gewalt an Männer in den letzten Jahren gesunken ist.»

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