Er verlor einen Lungenlappen – heute fährt er wieder Ski
«Frühe Diagnose ist mein Sechser im Lotto»

Papst Leo XIV. wurde ein bösartiger Tumor aus der Lunge entfernt. Auch Nichtraucher können an dieser Krebsart erkranken. Ein Schweizer Betroffener erzählt, wie er die Krankheit überstanden hat – und ein Spezialist erklärt, weshalb eine frühe Diagnose entscheidend ist.
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Bei Beat B. wurde 2020 ein Lungenadenokarzinom gefunden.
Foto: Thomas Meier

Darum gehts

  • In der Schweiz erkranken jährlich rund 5000 Menschen an Lungenkrebs
  • Beat B. gilt nach Lungenlappenentfernung und Chemotherapie seit fünf Jahren als genesen
  • Ein schweizweites CT-Screening für Risikogruppen fehlt
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Sara BelgeriRedaktorin

Als Beat B.* (68) im Frühling 2020 die Diagnose Lungenkrebs erhielt, fühlte er sich kerngesund. Er hatte sein Leben lang Sport getrieben, war 25 Marathons gelaufen, hatte Triathlons und 100-Kilometer-Läufe bestritten. Beschwerden hatte er keine. Dass in seiner Lunge ein bösartiger Tumor wuchs, entdeckten die Ärzte nur durch Zufall: Bei einem Nieren-CT fiel der Knoten auf. «Da hat das Leben seine Unschuld verloren», erzählt der Rentner und Vater zweier erwachsener Kinder an einem sonnigen Herbstnachmittag in Baden AG. Die Tage danach sei er wie betäubt gewesen, «wie ein Zombie».

Auch Papst Leo XIV. (71) ist an Lungenkrebs erkrankt. Dem Oberhaupt der katholischen Kirche ist Anfang dieser Woche der untere Lappen des rechten Lungenflügels entfernt worden, da dort ein Knoten entdeckt worden war. Die anschliessende Gewebeuntersuchung ergab, dass es sich bei dem Knoten um ein Lungenadenokarzinom handelte. Der Papst hatte zuvor erklärt, der Tumor sei «in einem sehr frühen Stadium» entdeckt worden.

Auch Nichtraucher können erkranken

Ein Adenokarzinom ist die häufigste Form von Lungenkrebs. Es macht etwa die Hälfte aller nicht-kleinzelligen Lungenkarzinome aus, erklärt Patrick Dorn, Chefarzt und Klinikleiter der Universitätsklinik für Thoraxchirurgie am Inselspital Bern. In der Schweiz erkranken jährlich rund 5000 Menschen an Lungenkrebs. Die Krankheit ist weltweit die häufigste krebsbedingte Todesursache – auch in der Schweiz.

Die meisten Betroffenen sind über 50 Jahre alt, das Durchschnittsalter liegt bei rund 70 Jahren. Während die Erkrankungszahlen bei Männern zurückgehen, nehmen sie bei Frauen weiterhin zu.

Rauchen ist der grösste Risikofaktor für die Entstehung von Lungenkrebs. Aber: «15 bis 20 Prozent der Betroffenen haben nie geraucht», so Dorn. Weitere Risikofaktoren sind Radon, Feinstaub, Passivrauchen, Asbest sowie eine genetische Veranlagung.

Ob der Papst Raucher ist oder war, ist unklar. Beat B. jedenfalls hat nie geraucht. Umso mehr stört ihn, dass Lungenkrebs als Raucherkrankheit gilt und Betroffenen damit häufig eine Mitschuld an ihrer Erkrankung zugeschrieben wird. Durch sein Engagement im Verein «Leben mit Lungenkrebs» weiss er, wie hartnäckig sich dieses Stigma hält und wie sehr sich manche Betroffene dafür schämen. Der Verein bietet Erkrankten und ihren Angehörigen eine Plattform zum Austausch, vermittelt Informationen und setzt sich für mehr Bewusstsein rund um Lungenkrebs ein. Die Vorstellung, Erkrankte seien selbst schuld an ihrem Krebs, empfindet Beat B. als diffamierend. «Niemand hat es verdient, an Krebs zu erkranken.»

Eine Operation kann zu Heilung führen

Dass der Tumor des Papstes offenbar früh entdeckt und operiert werden konnte, ist grundsätzlich eine gute Nachricht. «Wenn ein bösartiger Lungentumor frühzeitig erkannt wird, bietet eine Operation häufig gute Heilungschancen», erklärt Chefarzt Dorn. Bei Beat B. wurde am 14. Juli 2020 am Universitätsspital Zürich der linke untere Lungenlappen entfernt. Rund vier Stunden dauerte die Operation. Das Datum bezeichnet er heute als seinen zweiten Geburtstag. Bereits drei Tage später konnte er das Spital wieder verlassen.

Doch dann folgte der nächste Schock: Die Untersuchung des entfernten Gewebes zeigte, dass vier von zwölf Lymphknoten von Krebszellen befallen waren. Er musste sich einer Chemotherapie unterziehen. Zwölf Wochen dauerte die Behandlung. Für den ehemaligen Marathonläufer war sie eine enorme Belastung. Um schneller zu genesen, unternahm er täglich einen anfangs halbstündigen Spaziergang. Gegen Ende der Chemotherapie brauchte er dafür dreimal so lange. «Die Chemo war der härteste Marathon, den ich je gemacht habe», sagt er rückblickend.

Eine entscheidende Stütze war seine Partnerin. «Sie ist immer 100 Prozent hinter mir gestanden», sagt Beat B. Sie habe ihn durch die gesamte Behandlung begleitet. «Etwas, das ich ihr wohl nie zurückzahlen kann. Und hoffentlich auch nie zurückzahlen muss.»

Oft zu spät entdeckt

Ob nach einer Operation weitere Behandlungen nötig sind, hängt insbesondere vom Tumorstadium ab. Bei einem kleinen Tumor ohne Lymphknotenbefall kann der Eingriff allein ausreichen. Ist das Rückfallrisiko erhöht, kommen zusätzliche Therapien wie zum Beispiel eine Chemo- oder Immuntherapie infrage.

«Der wichtigste Faktor ist das Stadium bei der Diagnose», betont Dorn. Ein Mensch mit einem kleinen, vollständig entfernten Tumor ohne Lymphknotenbefall habe sehr gute Heilungschancen. Über alle Stadien hinweg sei die Prognose bei Lungenkrebs allerdings weiterhin ungünstig. Das liege vor allem daran, dass die Erkrankung oft erst spät entdeckt werde.

Denn im Frühstadium verursacht Lungenkrebs häufig keine oder nur unspezifische Beschwerden. Auch Beat B. hatte keinerlei Symptome. Bis heute beschäftigt ihn das: Wie soll er einen möglichen Rückfall bemerken, wenn er schon beim ersten Mal nichts gespürt hat?

Inzwischen gilt er als genesen: Seit mehr als fünf Jahren wurde bei den Nachuntersuchungen kein Krebs mehr festgestellt. Statt halbjährlich finden die CT-Kontrollen nun einmal jährlich statt. Die nächste steht Ende März an. Sicherheit geben ihm diese Untersuchungen zwar, doch je näher ein Termin rückt, desto stärker meldet sich die Angst zurück.

Leben mit weniger Lungengewebe

Was bedeutet die Entfernung eines Lungenlappens für die körperliche Leistungsfähigkeit? Weniger, als viele vermuten würden, erklärt Dorn. Die Lunge verfüge über grosse Reserven. Bei ausreichender Lungenfunktion vor der Operation könne das verbleibende Gewebe den Verlust weitgehend kompensieren.

In den ersten Wochen seien Müdigkeit und Atemnot bei Belastung normal. Mit Atemtherapie und Bewegung könnten viele Betroffene jedoch wieder ihre gewohnte Lebensqualität erreichen und sogar Sport treiben.

Beat B. ist dafür ein Beispiel. Heute wandert er wieder in den Bergen, fährt Ski und unternimmt Motorradtouren. Das waren seine grossen Ziele nach der Diagnose. Als er zum ersten Mal wieder auf einer Skipiste stand, kamen ihm die Tränen.

Seit der Erkrankung sei er viel emotionaler geworden, erzählt er. Auch bei einer schönen Wanderung oder einem besonderen Erlebnis müsse er manchmal weinen. «Ich geniesse das Leben viel mehr», sagt er.

Ein grosses Ziel hat er noch: Er möchte erleben, wie seine Enkelin aufwächst.

Beat B. weiss allerdings, dass nicht alle Betroffenen so viel Glück haben. Durch sein Engagement kennt er auch Menschen, die mit dauerhaften Einschränkungen leben oder an der Krankheit gestorben sind. Er selbst will den Blick aber lieber auf die positiven Schicksale richten. «Mich interessiert nicht, wie viele Prozent sterben, sondern wie viele überleben.»

Früherkennung könnte Leben retten

Für Patrick Dorn liegt ein wesentlicher Schlüssel im früheren Erkennen von Lungentumoren. Studien würden zeigen, dass ein gezieltes CT-Screening bei Menschen mit erhöhtem Lungenkrebsrisiko Tumore frühzeitig erkennen und die Sterblichkeit senken könne.

In der Schweiz wird ein solches Screening für Risikogruppen zwar seit 2022 empfohlen, doch bislang fehlt – anders als etwa in Deutschland – ein landesweites Früherkennungsprogramm. Auch die obligatorische Krankenpflegeversicherung übernimmt die Kosten derzeit nicht. Dorn plädiert deshalb für die Einführung eines flächendeckenden, organisierten Screenings, um «Lungenkrebs häufiger in einem heilbaren Stadium zu entdecken».

Beat B. hofft, dass die Erkrankung des Papstes die Aufmerksamkeit für Lungenkrebs erhöht. Vor allem wünscht er sich, dass Betroffene weniger Vorurteilen begegnen und offen über ihre Krankheit sprechen können.

Er selbst spricht bewusst öffentlich über seine Diagnose. Er will, dass andere Menschen wissen, dass man Lungenkrebs überleben und danach wieder ein erfülltes Leben führen kann.

Heute geniesst er seine Zeit mit der Familie, die Wanderungen, die Motorradtouren und die Abende unter dem Sternenhimmel. «Dass der Krebs bei mir so früh diagnostiziert wurde, ist mein persönlicher Sechser im Lotto», sagt er. Dass er all das noch erleben darf, ist für ihn alles andere als selbstverständlich.

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