Rhein erreicht neuen Tiefstand von 68 Zentimetern
0:56
Drastische Aufnahmen aus Köln:Rhein erreicht neuen Rekord-Tiefstand

Drängende und kuriose Fragen zur Trockenheit
Kann uns eigentlich das Grundwasser ausgehen?

Verbrannte Wiesen, dürre Felder und extremes Niedrigwasser bei Flüssen und Seen: Die Schweiz kämpft im Moment mit enormer Trockenheit. Doch welche Folgen hat Trockenheit überhaupt, und wie sieht es mit den Wasserreserven aus? Blick beantwortet die drängendsten Fragen.
Kommentieren
1/8
Die Hitzewelle sorgt vielerorts für extrem niedrige Pegelstände, wie hier an der Emme bei Schangnau im Emmental.
Foto: keystone-sda.ch

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft
  • Schweiz kämpft mit Trockenheit: Grundwasser geht nicht aus, kann aber lokal absinken und dadurch nicht mehr förderbar werden
  • Regenwasser braucht teils über ein halbes Jahr, ums ins Grundwasser zu gelangen
  • Bodensee speichert 48 Kubikkilometer Wasser, vollständiges Austrocknen ausgeschlossen
Sandra_Marschner_Praktikantin News_Ringier Blick_1-Bearbeitet.jpg
Sandra MarschnerRedaktorin News-Desk

Sinkende Pegelstände, Fischsterben oder die Zunahme von Blaualgen als Folgen der Hitzewelle werden für jeden sicht- und spürbar. Doch wie steht es insgesamt um die Wasserressourcen in der Schweiz? Kann das Grundwasser bei uns eigentlich ausgehen? Und wie hängen Regen, Grundwasser und Pegelstände noch mal zusammen? Blick hat bei Experten nachgefragt und beantwortet dir die brennendsten Fragen.

Kann uns das Grundwasser ausgehen?

Zunächst einmal die beruhigende Nachricht: «Grundwasser gibt es immer, es wird jährlich erneuert, im Mittelland im Winter, in den Bergen während der Schneeschmelze», erklärt Bettina Schaefli, Leiterin der Gruppe Hydrologie am Geographischen Institut der Universität Bern, gegenüber Blick. Dennoch: Bei starker Trockenheit könne der Grundwasserspiegel lokal so tief fallen, dass eine Förderung beispielsweise von Trinkwasser nicht mehr möglich sei.

Wälder im Jura leiden unter Trockenheit
1:12
Wälder leiden:Im Jura sterben Bäume wegen Trockenheit ab

Wie lange braucht der Regen, bis er im Grundwasser landet?

Von der Wolke bis in den Grund ist es für den Regentropfen ein langer Weg. «Regen kann das Grundwasser nur erreichen, wenn er in den Boden infiltriert, ohne vorher zu verdunsten oder zum Beispiel in der Stadt an der Oberfläche abzufliessen», erläutert Hydrologin Schaefli. Anschliessend müsse es das Wasser noch durch die Bodenzone schaffen, wo es von den Pflanzen aufgenommen wird und auch wieder verdunstet.

«Falls dann noch etwas übrig bleibt (zurzeit eher nicht), kann das Wasser ins Grundwasser gelangen, vor allem, falls es nochmals regnet», führt die Expertin aus. Im Mittelland geschehe das fast nur im Winter oder wenn es im Sommer sehr ergiebig regnet. Je nach Untergrund braucht der Regen daher unterschiedlich lang, bis er ins Grundwasser gelangt. «Wir wissen aber, dass es mehr als ein halbes Jahr dauert (Sommer bis Ende Winter), bis das Grundwasser wieder aufgefüllt ist», betont Schaefli. «Es kann aber auch mehrere Jahre dauern.»

Warum herrscht manchmal trotz längerer Regenphasen Trockenheit?

«Weil ein bisschen Regen (ein paar Millimeter) aus den obersten Bodenschichten oder durch die Vegetation gleich wieder verdunstet», erklärt die Expertin von der Universität Bern. Den Effekt kann jeder selbst testen. «Schauen Sie, wie schnell das Wasser aus einem Glas verdunstet, das nur einige Millimeter Wasser enthält. Die Bodenfeuchte oder das Grundwasser wird also nicht erneuert», so Schaefli.

Können wir Regenüberschüsse nicht einfach speichern?

«Das macht zum Glück das Grundwasser für uns, es speichert auch Wasser über mehrere Jahre, nur kann es so tief fallen, dass wir es nicht mehr hochholen können», so Hydrologin Schaefli. Aber gerade das sollten wir nicht. «Nachhaltige Nutzung heisst, nicht mehr zu fördern, als pro Jahr wieder aufgefüllt wird», betont die Expertin.

Denn auch die Gletscher würden in regenreichen kalten Jahren immer noch etwas neues Wasser speichern, auch wenn das durch die zu warmen Winter abnehme, so Schaefli. Immerhin: «Der Schnee rettet nach wie vor Wasser aus dem Winter in den Sommer, aber weniger als früher», betont sie mit Blick auf den Klimawandel. Auch grosse Seen funktionieren als mehrjährige Speicher. Diese künstlich anzulegen, sei jedoch illusorisch, betont sie.

Hydrologe Tobias Wechsler von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) erklärt gegenüber Blick, dass etwa bei Seen im Kanton Bern eine gewisse Wasserreserve aufgebaut werde, um die Seeabflüsse über einen längeren Zeitraum auf einem erhöhten Niveau zu halten. «Würde man jedoch präventiv jedes Jahr auf diese Reserve setzen, würde die Hochwassergefahr zunehmen, da die Seen dann weniger Kapazität hätten, um Schneeschmelze und grosse Niederschlagsmengen aufzunehmen», führt er aus.

Pegel von Untersee sinkt immer weiter
0:57
Boote auf dem Trockenen:Untersee verliert immer mehr Wasser

Warum trocknen Flüsse aus, wenn es noch Grundwasser gibt?

«Ganz einfach: Flüsse sind immer mit dem Grundwasser darunter verbunden. Der Fluss zeigt uns an, wie hoch oder tief das Grundwasser lokal ist», erklärt Hydrologin Schaefli. «Sinkt das Grundwasser zu tief ab, sinkt es unter das Flussbett. Falls der Fluss noch etwas Wasser führt, versickert dieses Wasser ins Grundwasser darunter, und der Fluss trocknet ganz aus», führt die Expertin weiter aus. Im Flussverlauf könne das Wasser jedoch wieder auftauchen, falls das Flussbett lokal genug tief sei, um wieder auf Höhe des Grundwasserspiegels zu liegen.

Kann der Bodensee komplett austrocknen?

«Nein, da es immer irgendwo regnen wird im Einzugsgebiet, das ja riesig ist», ordnet Hydrologin Schaefli ein. Darüber hinaus besitzt der Bodensee ein Speichervermögen von 48 Kubikkilometern und eine mittlere Tiefe von 90 Metern. «Wenn der Pegel sehr tief sinken würde, würde nichts mehr abfliessen, nur noch verdunsten, das würde sehr lange dauern», betont die Expertin. Zurzeit könnten zwischen 10 und 20 Millimeter Wasser pro Tag verdunsten.

Kann man Gewässer vor dem Austrocknen schützen?

Dafür gibt es mehrere Massnahmen. «Man kann Wasserentnahmen stoppen oder, im schlimmsten Fall, Wasser aus einem anderen Gebiet künstlich zuführen. «Das ist aber nur eine Notfallmassnahme, etwa für Fische», so Schaefli. Auf lange Sicht könne man Einzugsgebiete jedoch nachhaltig verändern, damit sie mehr Wasser speichern und an Gewässer abgeben. Beim Prinzip der sogenannten Schwammstadt oder Schwammlandschaft wird das etwa durch grüne Infrastruktur wie Bäume, begrünte Dächer und Fassaden oder mittels durchlässiger Bodenbeläge, Mulden sowie offener Wasserflächen erreicht.

Kann man nicht einfach Meerwasser aufbereiten?

«Ja, in vielen (am Meer gelegenen) Ländern ist das eine seit langem etablierte Technologie. Geschätzt sind weltweit 300 Millionen Menschen von Meerwasser als Trinkwasser abhängig, zum Beispiel auf der arabischen Halbinsel», erklärt WSL-Mediensprecherin Beate Kittl gegenüber Blick. Meist werde das Meerwasser dabei durch Umkehrosmose entsalzt. Hierzu wird gereinigtes Meerwasser unter hohem Druck durch Rohre gepresst, wo eine Membran die Salze zurückhält. Für die Schweiz ist das jedoch keine Lösung. «Die grosse Herausforderung besteht im Fall der Schweiz darin, die erforderlichen Wassermengen bis hierher zu transportieren», betont Hydrologe Tobias Wechsler.

Kann es passieren, dass es nie wieder regnet?

Für diese Horrorvorstellung gibt es eine erleichternde Antwort. «Nein, Wasser bleibt nur sehr kurz in der Atmosphäre, ein paar Tage im Durchschnitt. Vereinfacht gesagt, hat es dort gar nicht mehr Platz, denn Luft kann nicht sehr viel Wasser zurückhalten», ordnet Hydrologin Schaefli ein. Das heisst: «Es regnet also immer irgendwo, nur nicht immer dort, wo man es gern hätte.»

Die Schweiz hat durch ihre Lage einen besonderen Pluspunkt. «Wir haben hierzulande den Vorteil, dass sich der gesamte Alpenbogen quer durch das Land zieht. So müssen die Luftmassen zwingend aufsteigen, was die Niederschlagsbildung begünstigt», erklärt WSL-Mediensprecherin Beate Kittl. Doch aufgrund schrumpfender Gletscher und der immer geringeren Schneedecke könnten die heissen und trockenen Perioden künftig weniger gut kompensiert werden.

Was sagst du dazu?
Heiss diskutiert
    Meistgelesen